Möbel-Kunst: Hock dich mit Haltung

Von Ingeborg Wiensowski

Design-Galerie: Wenn Tische zu Skulpturen werden
Fotos
Courtesy Judith van den Boom

Man kann auf ihnen sitzen, sie aber auch nur sammeln. Man kann auf ihnen essen, sie aber auch nur bestaunen. Und manchmal kann man sogar über sie schmunzeln: Möbel, die zugleich Kunst und Gebrauchsgegenstand sind. Galeristin Karena Schüssler stellt sie in Berlin aus.

Ihr Leben spielte sich im internationalen Modebusiness ab. Haute Couture hatte Karena Schüssler in Paris studiert, später entwarf sie Schuhe für namhafte Designer, dann für die eigene Schuhkollektion zwischen den Modegiganten in der Rue Saint Honoré, Paris. 13 Jahre wohnte sie an der Seine, zog dann nach Mailand, entwarf weiter für weltbekannte Labels. Ständig war sie unterwegs. Ein Traumleben?

Nein: "Ich war 40, war nie zu Hause, saß immer in irgendwelchen Hotels und dachte, jetzt könnte mal was anderes kommen." Als sie schließlich nach Berlin zog, wusste sie nicht was kommen würde. Nur eine Idee hatte sie im Gepäck: Ihr Hobby. Karena Schüssler sammelte Möbel. Damit hatte sie 1992 in Paris angefangen. Zufällig.

"Ich hatte das Plakat einer Galerie auf der Straße gesehen. Darauf waren Abbildungen von einfachen, industriell aussehenden Möbeln von Jean Prouvé zu sehen." Schüssler ging dorthin, überredete die Galeristen, ihr Möbel für ihren Schuhladen auszuleihen und begann dann zu kaufen. Ihre Freunde verstanden sie damals nicht. In Paris schwärmte man von Garouste & Bonetti und für die ersten Entwürfe von Tom Dixon. "Prouvé jedenfalls wollte damals keiner haben, aber erste Designsammler gab es schon."

In Berlin eröffnete Schüssler in der Uhlandstraße schließlich ihre Galerie. Nicht mit Vintage-Möbeln oder mit Prouvé. Sie wollte mit jungen Künstlern zusammenarbeiten, etwas entwickeln. Dafür hatte sie ein Jahr vorgearbeitet, Künstler und Designer gefunden, sie besucht und sie davon überzeugt, Unikate herzustellen oder mit ihr zusammen streng limitierten Editionen aufzulegen. Nicht "im elitären, sondern im individuellen Sinne" sei das zu verstehen, steht auf ihrer Webseite. Dreieinhalb Jahre ist das jetzt her.

Ein Tisch wie eine Skulptur

Um Luxus, Logos, Labels, Status- und Style-Angeberei geht es Schüssler nicht, in ihrem Laden kann man eine andere Sichtweise auf Design und zur Kunst oder zu Material lernen. Sitzen als Haltungsfrage, sinnliche Materialien, die man anfassen möchte wie die Hocker aus farbig gebrannten Porzellanen von Judith van den Boom oder Möbel zum Schmunzeln, so wie der Schreibtisch aus Büchern des Niederländers Richard Hutten, dem Mitbegründer des berühmten Design-Kollektivs Droog Design. Und die "Hybrid"-Objekte des Designers Bas van Raay möchte man am liebsten sofort mitnehmen, wenn man sie begriffen hat.

Immer entdeckt Karena Schüssler neue Talente wie den jungen Berliner Künstler Clemens Behr, einen ausgebildeten Grafikdesigner, der jetzt an der Universität der Künste Bildhauerei studiert. Sieben Skulpturen und Objekte wird er zeigen, alle sind "nach Form und Farbe" der Schüssler-Räume gestaltet und "möbelorientiert".

"Gallery Contemporary Design/Art" steht in großer Schrift über dem Namen "Karena Schüssler" auf dem Schaufenster. "Kunst oder Design?", will man wissen, guckt durch das Fenster und vergisst sofort den ewig diskutierten Unterschied zwischen der sogenannten Angewandten und der Freien Kunst.

Nicht nur, weil man in einen 37 Meter langen Raum schaut, der durch abgerundete Bögendurchgänge in kleinere hintereinander liegende Raumsegmente geteilt ist. Es steht auch ein Tisch am Fenster mit einer dicken, gekurvten Holzplatte. Er wird von drei merkwürdigen, leichten und schotenartig geformten, schrägen Beinen getragen. Hier steht nicht die Frage nach Kunst oder Design und praktischer Benutzbarkeit im Vordergrund, sondern die nach Schweben und Lasten sowie nach der Verhältnismäßigkeit der Materialien, die bei diesem Tisch auf den Kopf gestellt sind. Man würde ihn nicht achtlos beiseite schieben, man würde ihm einen Platz in der Wohnung geben - so wie man einen Ort für eine Skulptur aussucht.

Dann gibt es da noch ein hohes Holzlattengestell. Es trägt Lappen, die aus schwarzen Elektrokabeln gestrickt sind, die in einer zaghaft leuchtenden Birne in der Mitte der Konstruktion enden. Eine Lampe ist das nicht, aber was dann? "Man könnte es als Lichtobjekt bezeichnen", sagt Galeristin Karena Schüssler. Es stammt von Kwangho Lee, 32, aus Süd-Korea, und er nennt sein Projekt "ordinary objects can become something else".

Bei dieser Arbeit gehe es um die Erinnerung an seinen Großvater, der schnitzte, knüpfte und knotete. Aber es geht ihm damit auch allgemein um die Erfindungskraft des Menschen, der beispielsweise mit Knoten bis heute in seinem Heimatland für das Überleben sorge, "sei es beim Fischfang oder Jagen, beim Hausbau oder Warentransport". Kunst und Alltag - da verschwimmen sie schon wieder.


Ausstellung Clemens Behr vom 15.3.-18.4. in der Galerie Karena Schüssler, Berlin.

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  • Dienstag, 12.03.2013 – 08:39 Uhr
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