Edel-Design im Mini-Format: Liebling, sie haben unsere Liege geschrumpft!

Von Anne Haeming

Gott, sind die winzig! Ob Eames-Sessel, Chaiselongue von Le Corbusier oder Saftpresse von Philippe Starck: Designklassiker in Miniaturgröße sind der neue Verkaufsschlager. Fürs Kinderzimmer sind die edlen Kleinen aber nicht gedacht - Kunden legen vierstellige Beträge dafür hin.

Miniaturmöbel: Design in klein Fotos
Andreas Sütterlin/ Vitra Design Museum

Sie sieht aus wie die Chaiselongue von Le Corbusier. Sie hat das richtige Label, die richtige Form, die richtigen Proportionen mit dem geschwungenen Edelstahlrahmen, der Nackenrolle aus Leder, dem Gestell. Und teuer ist sie auch. Aber es ist trotzdem nicht die echte "Chaise longue à réglage continu", die Le Corbusier 1928 zusammen mit Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand entworfen hat. Denn anders als das Original ist dieses Stück gerade einmal 26,5 Zentimeter lang, 10,4 hoch und 9,2 breit: die Puppenstuben-Variante. Für 355,80 Euro.

Wobei schon der Preis klarmacht: In Puppenstuben von Kindern landet dieser Mini-Designklassiker wohl eher selten, Zielgruppe sind vor allem erwachsene Sammler. Und ihre Auswahl ist beträchtlich: Die kleine Corbusier-Liege ist Teil der Miniaturenkollektion des Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Neben der Liege oder dem "Barcelona Chair" gibt es noch über 80 andere Mini-Möbel, vor allem Stühle, Sessel, Chaiselongues. Jedes Jahr kommen zwei oder drei neue dazu, alles Handarbeit. Es dauert jedes Mal, bis die Macher eine Firma finden, die die aufwendige Massenproduktion der Originale in Kleinformaten nachbauen können.

Mit ihrer Mini-Kollektion sind die Vitra-Leute nicht allein, Designer-Stücke in Kleinformat sind offensichtlich schwer gefragt, es gibt sie sogar schon als Komplettbox. Auch die italienische Küchen-Accessoire-Firma Alessi bietet mittlerweile einen Großteil ihrer Kollektion aus allen Jahrzehnten in Mini an. Designklassiker seien nun einmal Status-Symbole, erklärt man bei Alessi die Motivation für die Reihe, und dank der kleinen Versionen könne man sie besitzen - "und gleichzeitig nicht unbeträchtlich Platz und Geld sparen". Etwa mit dem Edelstahl-Wasserkessel von Michael Graves von 1985 mit dem kleinen Vögelchen vorne am Ausguss oder die berühmte raketenförmige Zitruspresse "Juicy Salif" von Philippe Starck - gerade einmal 11,5 Zentimeter hoch.

Original-Teppich und -Tapete - alles klein

"Das ist Nippes", sagt Renate Flagmeier knapp, die leitende Kuratorin beim Berliner Museum der Dinge, "auch wenn er an die Nippes-feindliche Moderne erinnert. Die Design-Klassiker als Deko-Objekt zu verwenden, ist eine seltsame Verkehrung", findet sie. Mateo Kries, Direktor und Programmverantwortlicher des Vitra Design Museums hält dagegen, für ihn gewinnen die Abbilder an Bedeutung im Vergleich zu den echten Gegenstücken: "Die Miniaturisierung ist nicht nur eine Entwertung des Originals, weil die Nutzbarkeit wegfällt", sagt Kries, "sondern auch eine Aufwertung des Objekts: Es wird zur Ikone erhoben", die Besitzer zeigten sich so als "Connaisseure der Designgeschichte".

Wie weit diese Ikonisierung geht, sieht man an der Aktion einer Stylistin des amerikanischen Heim- und Garten-Senders HGTV: Emily Henderson rief bekannte amerikanische Design- und Stil-Blogger unter dem Motto "I'm a Giant" zu einem Wettbewerb auf: Seit vergangenem September basteln sie an eigenen Designer-Puppenhäusern samt stilechter Einrichtung und protokollieren online alles mit Fotos .

Sie könnten es sich einfach machen und etwa ein fertiges Designer-Puppenhaus nehmen. Etwa Mini-Versionen von Häusern berühmter Architekten wie Tadao Ando oder Richard Neutra. Oder gleich die Nachbildung einer berühmten Villa im dänischen Charlottenlund - dem Haus des Weltklassearchitekten Arne Jacobsen im Maßstab 1:16. Dass es das überhaupt zu kaufen gibt, liegt allein an Linda Stenberg, die auf der Suche nach einer geschmackvollen Puppenstube für ihre Töchter war, keine fand - und sich dann in Kooperation mit Jacobsens Erben selbst ans Werk machte.

Klassiker in Kindermöbelgröße

Damit alles originalgetreu ist, gibt es auch Jacobsens kurvige Sessel "Egg" und "Swann" und die Stühle der "7"-er-Reihe in unterschiedlichen Farben, dazu Jacobsen-Teppiche, Jacobsen-Tapeten und Jacobsen-Gemälde. Alles klein, selbstredend.

Und dann wäre da natürlich die nächste Stufe der Miniaturisierung: statt Puppenstubenmobiliar Designklassiker in Kindermöbelgröße. Sei es der Schalenstuhl des Ehepaars Eames, der hippieeske klappbare "Butterfly Chair" oder etwa der "Acapulco Chair" aus den Fünfzigern - all das gibt es auch in XS, fürs Kind.

"Es ist eine Gegenbewegung zur Vertrashung", sagt Mateo Kries mit Verweis auf die gängigen Kinderzimmereinrichtungen. "Damit ringt man um die ästhetische Hoheit im Kinderzimmer." Das war auch der Beweggrund für den Stuttgarter Designer Richard Lampert, den Architektentisch von Egon Eiermann für Kinder nachzubauen. Aber eben nur explizit den Eiermann-Tisch - der setzt dem üblichen Kiefern-Chic nicht nur optisch etwas entgegen, sondern ist vor allem höhenverstellbar. Dass andere Klassiker für den Nachwuchs angeboten werden, sieht er eher skeptisch, allein aus ergonomischen Gründen sei das in der Regel Quatsch, findet er.

"Es ist ein Generationenphänomen", sagt Mateo Kries, der ein verändertes Bewusstsein für Design bei Erwachsenen in den vergangenen Jahren wahrnimmt - und das werde nun auf deren Kinder übertragen. "Es ist die erste Generation, die bereit ist, ihren Kindern so eine Umwelt zu schaffen." Und mal abgesehen davon, dass Eltern so in der gesamten Wohnung ihren Geschmack zur Schau stellen können, prägen sie auf ihre Kinder entsprechend: "Miniaturen von Klassikern im Kinderzimmer kann man als Teil der Geschmackserziehung verstehen", sagt Museumsleiterin Renate Flagmeier. "Ihre Wahrnehmung von Design wird geschult."

Und wenn die fragilen Puppenstubenstücke von Kindern aus wahrscheinlich gut betuchtem Hause richtig rangenommen werden, ist das nicht so dramatisch, so Mateo Kries: "Der Panton-Stuhl ist relativ robust".

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1. Sammlerchic als Statussymbol
Tottiso 04.06.2012
Völlig sinnfrei
2. Der Artikel ist so sinnlos wie...
hhpp 04.06.2012
... das Sammeln dieser Miniaturen selbst
3. Eine weitere manifestation menschlichen Machbarkeitswahns
atpsych 04.06.2012
Jetzt endlich auch in miniverschwendung. Miniaturen von Klassikern im Kinderzimmer kann man als Teil der Geschmackserziehung verstehen", sagt Museumsleiterin Renate Flagmeier. "Ihre Wahrnehmung von Design wird geschult." Schon mal was gelesen? Das design der 50er ist vorbei. Und Eure ganzen Modismen können wir uns nicht mehr leisten. Das ist auch keine Geldfrage, falls Sie verstehen. Nir waren wir vo der neuen Sachlichkeit weiter entfernt als jetzt.
4. Nicht sinnfrei,
2Cents 04.06.2012
sondern frei von praktischem Nutzen. Das ist ja das verflixte mit den Künsten. Fussballfan? Dann waren Sie doch bestimmt schon mal ein Spiel anschauen. Nur so, aus Spass. Nach Ihrer Definition völlig sinnfrei, aber einen Nutzen habe Sie vielleicht doch daraus gezogen. Mir gefallen die Miniaturen, auch wenn ich mir selbst diese nicht leisten kann (will).
5. Warum nicht?
Ulf Schild 04.06.2012
Das Sammeln von Briefmarken ist sicherlich nicht sinnvoller als das hier beschriebene Hobby. Mal an Rande: Hat sich jemand je mit der Frage der Sinnhaftigkeit von Modellautos beschäftigt? Die stehen auch nur im Regal, um sie anzuschauen. Nix anderes hier. Also: jedem das Seine.
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