Design-Biennale Istanbul Die unperfekte Stadt

Makellos schön? Was für ein Quatsch! Erst kleine Macken entfachen große Liebe. Die erste Design-Biennale Istanbul wettert zwei Monate lang gegen das Pathos der Perfektion - in einer Stadt, die man nicht designen sollte.

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Türkisches Design nimmt Fahrt auf - nicht nur dank Autoban, dem wohl bekanntesten Istanbuler Designstudio. 2004 gab es auf der Frankfurter Messe Tendence Lifestyle die erste Ausstellung zu türkischem Design außerhalb der Türkei, 2007 folgte im Stuttgarter Haus der Kunst die Innenarchitektur-Ausstellung "alla turca", 2011 im Herforder Museum Marta die Möbel-Schau "Spagat". Und dennoch: Über türkisches Design weiß man in Westeuropa noch recht wenig.

Das will nun eine Frau ändern, die 2004 in Frankfurt die erste Schau mitorganisierte: Özlem Yalim Özkaraoglu. Sie ist die Direktorin der ersten Istanbuler Design-Biennale, die vom 13. Oktober bis 12. Dezember die internationale Designszene an den Bosporus lockt. Beteiligt sind Gestalter aller Genres: Stadtplanung, Architektur, Innenarchitektur, Produktdesign, Modedesign, Grafikdesign, Mediendesign.

Das Thema der neuen Biennale heißt Kusurluluk - Unperfektheit. Angeregt hat es Deyan Sudjic, Direktor des Designmuseums London und Mitglied des Biennale-Beirats. "Die Stadt Istanbul ist weit entfernt von Perfektion", glaubt er. "Ihre spezielle Qualität ist es, dass sie so viel macht aus dem Unperfekten, dem Unexakten, dem Provisorischen". Özlem Yalim Özkaraoglu ergänzt: "Diese Stadt kann man nicht designen, man kann sie nicht verwandeln in eine Stadt, die aussieht wie Paris oder London."

Das Problem: Stadtumbau im Turbo-Tempo

Man kann es vielleicht nicht, man sollte es auch nicht, aber man versucht es zurzeit: Istanbul baut und baut und baut. Neue Hotels und neue Einkaufszentren, neue Geschäftshäuser und neue Gated-Community-Wohnanlagen, eine dritte Bosporus-Brücke und einen U-Bahn-Tunnel unter dem Goldenen Horn. "Jeden Tag erfahren wir von einem neuen Projekt", sagt Özkaraoglu. "Es fallen historische Entscheidungen für das öffentliche Leben, aber die Öffentlichkeit fragt kaum nach". Auf der Strecke bleiben früher oder später der Charme der Stadt und die soziale Gerechtigkeit.

Unweit des zentralen Taksim-Platzes zum Beispiel verändert das Armenviertel Tarlabasi täglich sein Gesicht, heruntergekommene Jugendstil-Häuser werden entkernt oder ganz abgerissen und mit pseudo-historischer Fassade wieder aufgebaut, die zumeist kurdischen und afrikanischen Bewohner müssen weichen. Eine Turbo-Gentrifizierung. Eine Säuberung. "Wir nehmen den Menschen ihre Häuser und verpflanzen sie an den Stadtrand. Das ist ein riesengroßes soziales Problem", sagt Özkaraoglu. "In der Türkei können Investoren machen, was sie wollen, wenn sie nur das Geld dazu haben." Die türkischen Medien hätten zwar angefangen, darüber zu berichten, "aber wir können nicht von freien Medien sprechen in der Türkei." Die Besitzer von Zeitungen und Fernsehsendern seien meist auch in anderen Branchen tätig, etwa im Baugewerbe, und somit abhängig von Staatsaufträgen.

Die Istanbul Foundation of Culture and Arts hingegen hat Glück im Unglück: Sie profitiert gewissermaßen davon, dass der türkische Staat kaum Geld für Kultur ausgibt; nur drei Prozent ihres Etats stammen aus Steuergeldern. "Wir sind niemandem verantwortlich, wir sind eine sehr demokratische Plattform", sagt Özkaraoglu. "Während der Biennale werden wir daher all die heiklen Themen auf den Tisch legen. Wir wollen, dass die Istanbuler sich darüber bewusst werden, was hier gerade geschieht."

Die Lösung: Das Bewusstsein für Design schärfen

Zwar hat der türkische Kultur- und Tourismusminister Erturul Günay soeben seine Landsleute in der Tageszeitung "Today's Zaman" zu mehr ästhetischer Sensibilität bei der Gestaltung von Straßen, Gebäuden und Cafés aufgefordert, um die Tourismus-Erlöse zu steigern. Zwar hat Bülent Eczacibasi, Chef der Istanbul Foundation for Culture and Arts und Vorstandsvorsitzender der Eczacibasi Holding, einem Mischkonzern mit Pharma-, Kosmetik- und Baustoffen, der Design-Biennale im Konkurrenzblatt "Hürriyet Daily News" soeben mit auf den Weg gegeben, sie solle das kreative Potential der Türkei wecken, um die Wirtschaft innovativer zu machen und unabhängiger vom Wettbewerb um die niedrigsten Preise. Doch Özkaraoglu geht es im Kern um etwas anderes: "Ich will nicht das Design-Geschäft ankurbeln", sagt sie. "Ich will das öffentliche Bewusstsein für Design-Entscheidungen schärfen. Wir nutzen Design jeden Tag, aber wir sind uns nicht bewusst darüber." Andere Design-Biennalen würden natürlich veranstaltet, um das touristische Potential einer Stadt zu erhöhen oder die Aufmerksamkeit für ihre lokalen Designprodukte. Aber das könne in Istanbul nicht die einzige Aufgabe sein: "Wir haben hier viel mehr Probleme."

Es mag ein Mangel sein, dass Westeuropa noch recht wenig versteht von türkischem Design. Der größere Mangel aber ist es, dass die Türkei nicht viel mehr versteht.

Eine der beiden Hauptausstellungen der Biennale beschäftigt sich denn auch mit Stadtplanung. Kuratiert vom türkischen Architekten Emre Arolat, widmet sich die Schau "Musibet" im Museum Istanbul Modern unter anderem vier Istanbuler Großtrends: Bauprojekten, die ihr Umfeld vernachlässigen, sozialen Ungleichheiten, die durch Stadtplanung reproduziert oder gar verschlimmert werden, gefaketen historischen Formen, die Gebäuden künstliche Identitäten überstülpen sowie Versuchen von Regierungen, Stadtplanung als Vehikel zur Machtdemonstration zu missbrauchen.

Die zweite Hauptausstellung kuratiert Joseph Grima, Herausgeber des italienischen Design- und Architekturmagazins "Domus". Seine Schau "Adhocracy" in der ehemaligen Griechischen Grundschule Galata beschäftigt sich mit sogenanntem Open-ended-Design, passend zum Biennale-Thema "Unperfektheit". Im Zeitalter der Massenproduktion hieß Perfektion bislang, Millionen von identischen Produkten fertigen zu können, verstanden als Kopien eines Originals. Grima hingegen interessiert sich mehr für Produkte, die ihre eigenen individuellen Qualitäten haben, eine Aura, wie der Kulturphilosoph Walter Benjamin gesagt hätte. Ihm geht es darum, das Industrielle zu zähmen, den Objekten mit den Methoden der Massenproduktion etwas Individuelles zu verleihen, etwa indem die Endverbraucher Einfluss auf die Gestaltung nehmen.

Die Strategie: eine akademische Biennale

Zu den beiden Hauptausstellungen gibt es ein großes Begleitprogramm: 300.000 Studenten aus 74 Fakultäten von 26 türkischen Universitäten haben sich Gedanken gemacht zum Thema "Unperfektheit" und organisieren kostenlose Ausstellungen, Seminare und Workshops auf ihren Universitätsgeländen. "Wir veranstalten eine akademische Biennale", sagt Özkaraoglu. Hinzu kommen Dutzende Istanbuler Designfirmen, die zu Veranstaltungen in ihre Räume einladen. Verzeichnet sind alle Programmpunkte in einem kreativen Stadtplan, den das Architekturduo Superpool entwickelt hat; er kann auf der Biennale-Homepage runtergeladen werden.

Superpool ist auch nominiert für den Audi Urban Future Award, einen Stadtentwicklungs-Wettbewerb, der am 18. Oktober auf der Biennale verliehen wird. Ebenso wie fünf andere Designbüros aus fünf anderen Megacitys hat das Istanbuler Team Visionen urbaner Mobilität entworfen: Wie werden die Grenzen einer Stadt zukünftig definiert? Wie kann Transformation hin zu nachhaltiger Mobilität aussehen? Wie können nachhaltige Stadtentwicklung und individuelle Mobilität in Einklang gebracht werden? Die Antworten sind bis zum 26. Oktober in einer Ausstellung in der Hasköy Iplik Fabrikasi zu sehen.

Hoffentlich haben der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und der Istanbuler Oberbürgermeister Kadir Topbas ihre Einladungen nicht verlegt. Topbas immerhin müsste wissen, um was es geht: Er ist von Hause aus Architekt.


Design-Biennale Istanbul: 13. Oktober bis 12. Dezember. Hauptausstellungen: "Musibet" im Istanbul Modern, Meclis-i Mebusan Cad. Liman Isletmeleri Sahasi Antrepo No: 4, Karaköy und "Adhocracy" in der ehemaligen Griechischen Grundschule Galata, Kemeralti Cad. No: 25, Galata. Eintritt 20 Türkische Lira, ermäßigt 10. Führungen 20 Türkische Lira, ermäßigt 10.



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BrunoGlas 10.10.2012
1. Systhemästhetisch vernetzt ins nächste Jahrtausend.
Schade, dass durch den Zwang zur schnellen Information hier zu wenig reflektiert wird. Die Größenordnung der Veranstaltung und die "Designtiefe" als Gesamtheit aller Themen lässt sich vielleicht nur erahnen, wer im Raum Köln durch die Themenvielfalt des Design hindurchblättert: DESIGN BRAUCHT TÄTER (http://www.design-braucht-taeter.de/) oder Büro Sabine Voggenreiter (http://www.voggenreiter.com/) oder plan12 (http://www.plan-project.com/) . In Deutschland gilt die Kölnerin Sabine Voggenreiter als die Urmutter aller Designparcours, wie sie später in Berlin oder Frankfurt nur nachgeahmt wurden. Im Grunde wird eine "Selbstlernende urbane Kommunikation" durch Kultur, Design und Kunst in Gang gesetzt: Die urbane Stadt funktioniert einmal im Jahr zu einem bestimmten Zeitpunkt wie ein riesiger Bienenschwarm an herumflanierenden Menschen und herumschwirrender Ideen, reflektiert sich selbst als demokratisches Gemeinwesen. Es entsteht ein ungeheurer Sog an Informationen, was letztlich immer auch Nachhaltigkeit und Wirtschaftspotentiale in sich birgt. Bezogen auf die Türkei heißt dies: Das Gemeinwesen beginnt von nun an sich selbst innerhalb flacher Hierarchien zu re-organisieren, nicht mehr nur hierarchisch gesteuert von oben, oder durch Willkür einzelner Mächtiger. Eine funktionierende Urbane Kommunikation - als Kreislauf von Ideen - erweist sich stets vorausschauend als progressive Wirtschaftsleistung. Leider hat das verzettelte Berlin des Klaus Wowereit trotz immens vieler Kulturorte genau dies nicht hervorgebracht: Die notwendige Designtiefe und Verdichtung aller Orte und Individuen, bis eine kritische, selbstentzündliche Masse an Ideen erreicht ist. Vielleicht klappt’s deswegen nicht, weil sich keiner mit der Hauptstadt so recht identifiziert. Alles wird von außen hereingekarrt, jeder sieht sich als Konkurrenz für jeden, West und Ost prallen zusammen, die einen träumen stets vom Gestern, die anderen stets vom unerfüllbaren Morgen. Dazwischen all die Flaschensammler. Schlechte Voraussetzungen zum Wachstum in der deutschen Hauptstadt. Viel Erfolg für die Turbofrau Özlem Yalim Özkaraoglu. Bruno Toussaint Berlin / Köln.
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