Designbuch Möbel für Familie Feuerstein

Ein Kronleuchter aus Knallkörpern, ein Stuhl aus Stein, eine Lampe aus Wachs: Ein neuer Bildband stellt Möbel vor, die alles sind, nur nicht praktisch - und deswegen erst recht Sammler begeistern dürften.

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Design oder Kunst? Die Frage stellte sich früher nicht: Design hatte einen Nutzwert, Kunst nicht. So einfach war das. Wer sich die aktuellen Entwürfe von Möbeldesignern anschaut, kommt mit der alten Faustregel jedoch nicht immer weiter: Manche der Stühle, Tische und Lampen erinnern an Skulpturen. Sie sind alles, nur nicht praktisch.

Die Berliner Nachwuchs-Gestalter Aylin Kayser und Christian Metzner zum Beispiel haben aus Wachs den Lampenschirm "Ikarus" gebildet: Er verformt sich durch die Hitze der Glühbirne - und wird so zum Unikat. Je stärker er schmilzt desto größer wird der Wachsfleck auf dem Boden darunter. Klar, dass das im Wohnzimmer zu Hause eher ungünstig ist. Klar auch, dass dahinter eine Bedeutung steckt, wie bei einem Kunstobjekt: "Ikarus" macht den Energieverbrauch sinnlich erfahrbar - und motiviert zur Sparsamkeit: Wer die Lampe selten leuchten lässt, hat länger etwas von ihr. Und von seinem Fußboden.

"Limited Edition" heißt der Bildband von Sophie Lovell, der diesen und andere Entwürfe versammelt, darunter auch bislang unveröffentlichte Werke von bekannten Designern wie Marc Newson, Tom Dixon und Zaha Hadid. Ihnen gemeinsam ist, dass sie abseits des industriellen Produktionssystems entstanden sind: keine Massenware, sondern mehr oder weniger handgemachte Objekte mit mehr oder weniger viel Geist und Geschichte.

Sebastian Brajkovic etwa hat für seinen "Lathe Chair V" zunächst zwei antike Stühle über die Rückenlehnen miteinander verschmolzen und dann durch aufwendige Stickereien auf eben jenen Rücklehnen den Eindruck einer Bewegung erzeugt: Als seien nicht zwei Stühle aneinander gepresst worden, sondern ein Stuhl auseinander gezogen, wie ein Kaugummi. Eine surreale Skulptur.

Das gilt für viele der Objekte im Bildband "Limited Editions": Sie sind weniger Gebrauchsgegenstand als Skulptur. Sie stehen nicht in tristen Möbelhäusern an der Autobahn, sondern in den Galerien der besten Viertel. Käufer benutzen sie nicht, sie sammeln sie - wie Kunst.

Prototypen und andere rare Möbelobjekte haben in den vergangenen Jahren daher astronomische Summen erzielt, bei Auktionen ebenso wie bei Messen, und so hat mancher Designer ein cleveres Geschäftsmodell für sich entdeckt: die künstliche Verknappung. Das funktioniert auf dem Markt ganz gut, ist aber natürlich entsetzlich langweilig: Als ob sich Design allein durch Limitierung zu Kunst veredeln ließe.

Spannend wird es erst, wenn die Verknappung nicht künstlich erfolgt, sondern sich aus den äußeren Umständen zwangsläufig ergibt: etwa daraus, dass das Ausgangsmaterial nur begrenzt verfügbar ist oder daraus, dass sich der Herstellungsprozess nicht identisch wiederholen lässt.

Das ist zum Beispiel so bei den Vasen mit dem paradoxen Titel "Unlimited Edition": Die Holländerinnen Pieke Bergmans und Madieke Fleuren stellen sie mit maschineller Hilfe massenhaft her - und doch ist jede Vase ein Unikat. Bergmans und Fleuren zerschneiden dafür ein Rohr aus feuchtem Ton, das eine Maschine ausspuckt, und stellen die Stücke zum Trocknen auf einen Tisch. Das Ergebnis, nach dem Aushärten: in sich zusammen gesunkene Vasen, keine wie die andere, und doch alle mit einer ähnlich fließenden Form, so weich, als veränderten sie sich immer weiter.

Der Brite Stuart Haygarth wiederum hat glamouröse Kronleuchter aus Abfall hergestellt: das Modell "Optical" aus 4500 alten Brillengläsern und das Model "Millennium" aus 1000 Feuerwerkskörpern, die zur Jahrtausendwende in London explodiert sind. Das alte Material lädt die neuen Objekte mit Geschichte auf - und es verleiht ihnen eine Aura: Es ist die Aura des Materials mit Macke, nicht reproduzierbar.

Eine Geschichte haben auch die Möbel, die Stephen Burks und sein New Yorker Büro "Readymade Projects" aus vorgefundenen Alltagsgegenständen entwickeln. Für eine italienische Nobelmarke hat Burks zum Beispiel den Tisch "Cappellini Love" entworfen. Kleine Handwerksfirmen in einem südafrikanischen Township produzieren ihn aus recycelten Papierstreifen - zu fairen Konditionen.

Der italienische Designer Martino Gamper (www.gampermartino.com) verarbeitet ebenfalls gebrauchte Gegenstände: Für ein Projekt hat er in 100 Tagen 100 alte Stühle auseinander genommen - und zu 100 neuen Stühlen zusammengesetzt. Es sind Stühle mit Charakter, als wären sie lebendig. Der Designer Max Lamb hat seinen Stuhl "Ladycross" indes aus einem Fundstück ganz anderer Art geformt: einem riesigen Sandstein-Klotz. Familie Feuerstein wäre aus dem Häuschen.

So begeisternd solche Entwürfe auch sind, so ermüdend ist das Design des Buches "Limited Edition" selbst: In der Pressemitteilung preist der Verlag die damit betrauten Grafiker des australischen Teams Rinzen, doch der Text ist winzigklein, und die eigens entwickelte Schrift ist in den negativ gesetzten Passagen kaum lesbar. Ein ärgerlicher Wermutstropfen, auch wenn der Text ohnehin nicht zu den Stärken des Buches gehört: Zu wenig erfährt der Leser zu den einzelnen Designobjekten - und wenn doch, dann sind die konkreten Informationen kaum zu finden, weil Text und Bild bezugslos nebeneinander stehen.

Nun ja, genug geklagt, die herrlichen Bilder herrlicher Möbelskulpturen machen es wett: Dieser Band lohnt sich.


Sophie Lovell: "Limited Edition - Prototypen, Unikate und Design-Art-Möbel". Birkhäuser Verlag, Basel; 255 Seiten; 380 Abbildungen in Farbe; 49,90 Euro.



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architekt? 03.03.2009
1. Amazon
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