Designer Hedi Slimane Warten auf Gott

Er hat das Magermännchen zum Herrenmode-Ideal des Jahrzehnts gemacht. Im Frühjahr hörte Hedi Slimane als Designer bei Dior auf. Jetzt werden in Berlin seine neuen Entwürfe ausgestellt: eine Möbelserie. Bei der Eröffnung gab's nur eine Frage: Kommt er wirklich?

Von Johannes Gernert


Wenn er kommt, überlegt der Redakteur von "Women's Wear Daily", könnte er sich hierhin setzen und dahin schauen. Er macht es vor. Der Fotograf nickt. Der Assistent schaut aus dem Fenster. In diesem Raum der Berliner Galerie Tissi ist außer ihnen noch niemand. Die Wände sind weiß und hoch. Aus den Boxen dringt ein Telefontutgeräusch, wie ein vibrierendes Freizeichen. Draußen auf der grau verregneten Potsdamer Straße rauschen Autos vorbei. "Er wird nicht viel Zeit haben, wenn er kommt", sagt der Redakteur.



An diesem Abend wird Hedi Slimane erwartet, der Männermodemeister des Jahrzehnts, mindestens. Bis im März hat er als Designer von Dior Hommes noch bowie-bleiche Magermännchen über den Laufsteg geschickt. Karl Lagerfeld hat sich seinerzeit 40 Kilo heruntergehungert, um in die hautengen Dior-Anzüge mit den gürtelbreiten Krawatten zu passen.

Slimane hat den Heroin-Chic einer Kate Moss, den Rock-Esprit eines Pete Doherty auf die Herrenmode übertragen. Sein Dior-Stil ist heute überall. Schmalbrüstige, arschlose Jungs in Röhrenjeans bevölkern die Szenebezirke europäischer Großstädte. Seit Slimane nun im Frühjahr bei Dior ausschied, hat er wieder mehr Zeit - für Möbelmode etwa. Deswegen schleichen der Redakteur von Women's Wear Daily, einige andere Journalisten und ein paar Kunstinteressierte jetzt durch die Räume der Galerie Tissi.

Slimane hat einen Stuhl entworfen, einen Tisch, einen Hocker und eine Mischung aus Tisch und Stuhl. Die Linie heißt f-system, so steht es auch in großen Lettern an der Wand. Eigentlich wirken all die Einrichtungsgegenstände wie Kreuzungen, wie Tischstuhlhocker oder Hockerstuhltische, wie aus Quadratrahmen zusammen gesetzte Ratespielgerüste.

Darauf sitzen? Daran essen? Sie sind schwarz, schlicht, eckig und kosten zwischen 6000 und 20.000 Euro. Neben zwei der vier Ausstellungsstücke stehen Bildschirme, auf denen Möbel der Serie erscheinen. Manchmal liegt ein Mann darauf oder purzelt darüber. Die Galeriebesucher, wenige nur in Röhrenjeans, schlendern durch die Räume, schauen kurz auf die Objekte und länger zur Tür. Wo bleibt Slimane?

"Kann man darauf sitzen?"

Ein Mann streicht vorsichtig über eines der Gestelle. "Das ist kalt, das ist Stahl", sagt er. Die wärmeren Teile sind aus Ebenholz. "Man sieht nicht, wo das eine beginnt und das andere aufhört", stellt er fest. "Kann man darauf sitzen?" fragt eine Frau im Jeanslook.

Clemens Tissi, der Galerist, ist mittlerweile da. Ein schmaler Mann, dreitagebärtig, kahlköpfig, gekleidet ganz in schwarz, ganz in Dior Hommes. Er kennt Slimane seit einigen Jahren, Anfang der Woche haben sie das alles eingerichtet. Das Design von f-system orientiere sich an französischen Möbeln aus dem 18. Jahrhundert und transformiere deren Funktionen in die heutige Zeit, sagt Tissi. Die beiden Räume der Galerie sind jetzt voller Menschen, es ist laut, das Tutgeräusch kaum noch zu hören. Der Redakteur von "Women's Wear Daily" hält sich an seinem karierten DIN-A-4-Block fest. "Wenn er kommt...", sagt er. "Er kommt", sagt Tissi. Eine Frau sitzt auf einem Hocker wie auf einem Pferd.

Wenig später läuft Hedi Slimane herein, braungebrannt, schwarze Jeans, eng, schwarz-roter Pullover, die schwarzen Springerstiefel ein bisschen groß, fast ein bisschen clownhaft. Vier Dior-förmige Jungs folgen ihm auf dünnen Beinen mit hängenden Hosenböden. Wäre das hier ein Berliner Club, sie wären die verrückte Londoner Band, die gleich auftritt und vielleicht sogar ins Publikum pinkelt. "Hello", ruft jemand Slimane entgegen. "How are you doing? It is sooo great." Der Mode-Redakteur macht ein wenig Smalltalk, sagt Worte wie ”fascinating", viele andere ähnliche, bekommt dabei einen ziemlich roten Kopf und bittet dann um ein kurzes Interview.

Nein, sagt Slimane, ganz ruhig und sehr höflich, er lächelt. Ein Foto? Ja, aber nicht mit Möbeln. Der Fotograf und sein Assistent bauen Scheinwerfer in einem möbelfreien Nebenraum auf. Slimane plaudert kurz mit zwei hübschen Frauen, eine in Slimane-Röhren. Auch Nicole Kidman hat schon Dior Hommes getragen.

Ein Boulevardjournalist fragt: "Are you here to answer some questions?" Der Designer schaut wieder sehr freundlich: "Oh no, no", sagt er. Er mag das alles nicht. Eigentlich erscheint er gar nicht auf Eröffnungen. Wenn seine Kollektionen vorgeführt wurden, hat er sich am Ende höchstens ganz kurz gezeigt. Der Fotograf und sein Assistent bauen ihre Ausrüstung ab und in einem anderen Raum noch einmal auf. Währenddessen stellt ein Boulevardfotograf Slimane an die Wand und drückt ab.

Der Fotograf und sein Assistent tragen die Ausrüstung doch wieder zurück in den ersten Raum und bauen sie noch einmal auf. Nach einer Viertel Stunde packen der Fotograf und sein Assistent die Scheinwerfer wieder ein. Sie ziehen den silbernen Pilotenkoffer nach draußen.

Slimane ist gegangen.

"Das Ding ist ja", sagt der Mode-Redakteur, "nur ein Foto allein hätte auch nicht so viel gebracht." Sie überlegen, ob sie es morgen noch einmal versuchen. Da wird in Berlin eine Ausstellung eröffnet, die Hedi Slimane kuratiert hat.


Die Ausstellung: F-System, Galerie Tissi, Potsdamer Str. 70, 29.06 bis 18.08.2007



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