Designklicks Blick-Fang für Kreative

Schweben wie im All, neue Bilderwelten entdecken, eigene Eindrücke hinterlassen? Das Hamburger Trendbüro und SPIEGEL ONLINE machen es möglich. Mit "Designklicks", einem virtuellen Bilderraum, in dem Laien und Experten ästhetische Trends entdecken - und ihr Urteil dazu abgeben können.

Von Jenny Hoch


"Gemeinsam sind wir stark", das klang lange wie eine Floskel. Nun aber scheint die Zeit des erbitterten Einzelkämpfers vorbei. Besonders in der virtuellen Welt hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass man zusammen oft weiter kommt als alleine. Blogger tauschen im Netz auf eigene Faust Informationen aus, weil sie sich von den kommerziellen Medien unzureichend informiert fühlen. Internetnutzer schreiben gemeinsam ein Netzlexikon, weil sie in Büchern nicht mehr das finden, was sie wissen wollen. Und junge Computerspieler erfinden eigene Online-Games und tauschen sie untereinander aus, weil sie so einfach näher am Puls der Zeit sind. Kurz, weltweit haben so genannte "smarte Mehrheiten" längst großen Einfluss auf Politik, Wirtschaft und die öffentliche Meinung.

Unter dem Stichwort "Schwarmintelligenz" ist sogar ein eigener Forschungszweig entstanden. Versucht wird, nach dem Vorbild von Ameisenstaaten und Vogelschwärmen komplexe vernetzte Softwaresysteme zu modellieren. Die Idee dahinter ist simpel: Während das Verhaltensrepertoire einer einzelnen Ameise sehr begrenzt ist, agiert der Staat mit seinen Tausenden von Mitgliedern nach erstaunlich intelligenten Mustern. Übertragen auf den Menschen bedeutet das: Individuen flüchten aus der gesichtslosen Masse und organisieren sich mittels mobilen und interaktiven Medien neu - eben zu intelligenten Schwärmen.

Für visuelle Schwärmer

Ob das funktioniert, ob die Mehrheit tatsächlich schlauer ist als ihre Mitglieder, das versucht das Hamburger Trendbüro in Kooperation mit SPIEGEL ONLINE derzeit im Rahmen eines spannenden Experiments zu testen. "Wir wollen herausfinden, ob viele individuelle Urteile von Laien zusammen genommen zu interessanteren Ergebnissen führen als Einzelurteile von Experten", sagt Peter Wippermann, Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Duisburg/Essen und Gründer des Trendbüros.

Für das Projekt braucht man keine komplizierten Versuchsaufbauten, sondern lediglich viele Internetbenutzer, die Spaß daran haben, im Netz Bilder zu entdecken und diese auf einer Skala von Null bis zehn zu bewerten. Doch steht der nicht professionelle User mit seiner Einschätzung nicht allein: Parallel zu diesen Wertungen gibt es ein Expertenrating und die persönliche Auswahl von Kreativen, die ihr Verständnis von Ästhetik zusätzlich in Interviews erläutern und ihre Entscheidung begründen.

Alle Arbeiten, die professionelle Fotografen, Designer und Architekten ab sofort regelmäßig auf der Seite veröffentlichen, werden von ihnen mit einem Adjektiv belegt, das ihrer Meinung nach die Stimmung oder die Ästhetik des Bildes am besten wiedergibt. So entsteht eine visuelle Spielwiese, die neben der puren Oberfläche der Bilder zugleich eine tiefere Dimension bietet: den "Wertekosmos". Der spannt sich zwischen den Polen "Lust" und "Kontrolle", "Harmonie" und "Konflikt" auf, und an den sich ständig aktualisierenden Prozentzahlen lässt sich ablesen, in welche Gefühls-Richtung die Bilder im Moment tendieren. Sind sie fremdartig, romantisch oder technisch? Mit diesem Stimmungsbarometer lassen sich, so die Hoffnung der Trendforscher, Momentaufnahmen einer neuen Ästhetik herstellen.

Immer im Bild. Wort drauf!

Ein paar Klicks auf der Seite, die gerade mit dem Hamburger Designpreis ausgezeichnet wurde, und man befindet sich mitten in einem Bilder-Wörter-Kosmos. Wie ein Astronaut im All fliegt man mühelos in die Tiefe der Webseite, während einem Fotos wie fremde Galaxien entgegen kommen. Klickt man zum Beispiel ein Bild von einem puppenartigen Kind an, das ein Segelschiff auf Rädern an einer Leine hinter sich herzieht, wird es samt Informationen zum Künstler herangezoomt. In diesem Fall ist das der New Yorker Designer Ray Caesar, der es mit seinen merkwürdig aus der Zeit gefallenen Motiven auffällig oft in die oberen Rankings, sowohl von Laien als auch von Experten, schafft.

"Auch in der virtuellen Welt werden Emotionen immer wichtiger", sagt Peter Wippermann dazu, "im Moment kann man auf der Seite sehr gut beobachten, dass düstere und surreale Bilder gut ankommen." Das hinge damit zusammen, meint der Trend-Fachmann, dass es nach der Purismus-Welle nun eine größere Sehnsucht gebe, die Geheimnisse der Welt zu entdecken.

Stefan Landrock, der "Designklicks" als Art Director entworfen hat, betont die Interdisziplinarität des Projekts: "Egal, ob es um Mode, Architektur, Grafik Design, Neue Medien oder Fotografie geht, auf unserer Seite überschneiden sich die Disziplinen. "Für ihn ist das ästhetische Experiment vor allem "ein perfektes Tool zum Brainstorming": Kreative können sich zu neuen Ideen inspirieren lassen oder Feedback für ihre eigenen, bei "Designklicks" veröffentlichen Arbeiten bekommen.

Und der Laie? Der entdeckt beim Surfen durch diesen Bilderraum Welten, die ihm normalerweise verschlossen bleiben.



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