S.P.O.N. - Oben und unten Geil, Resignation!

Achtsamkeit, Detox und Ausmalbücher versprechen eine sanfte Welt ohne das Böse und Komplizierte. Aber Pegida geht davon auch nicht weg.

Schön Detox-Tee: Mal richtig entschlacken
Corbis

Schön Detox-Tee: Mal richtig entschlacken

Eine Kolumne von


Alles ist pastellfarben und nichts tut weh. Ich versuche mich in eine Lebensform einzufühlen und blättere dazu durch ein Magazin, das "Flow" heißt. So bunt, so sanft. Ich schwebe durch eine Welt aus bunten Schnörkeln und hübschen Zitaten. "Keine Angst vor Gefühlen", rät man mir, und: "Man sieht nur mit dem Herzen gut" - schon mal gehört. Ich finde ein aufklappbares Papierdings, auf dem ich Momente aufschreiben soll, die mich geprägt haben: "Durch Zurückschauen, Ausschneiden und Aufkleben entdeckst du, was dein Leben ausmacht."

Was mein Leben im Moment ausmacht, ist unter anderem die Tatsache, dass wir in einer konfliktreichen Zeit leben, gelinde gesagt. Krieg, Flucht, Terror, alles rückt näher. Ab und zu wünscht man sich auszuwandern, aber es bleibt die Angst, am selben Ort zu landen wie Akif Pirinçci, weil der ja dasselbe überlegt. Es ist ein Dilemma.

Nun taucht also eine Lebensform auf, die sich immer weiter ausbreitet, irgendwo zwischen Achtsamkeitsübungen, Ausmalbüchern für Erwachsene und Detox. Detox ist eine Diät zur "Entschlackung" des Körpers, die alles Böse aus dem Körper spülen soll. Besagte Schlacken gibt es zwar nicht, aber um Fakten geht es auch nicht, sondern ums Wohlfühlen beziehungsweise ums Kaufen: Es gibt Detox-Tee, -Saft, -Pflaster, -Kosmetik, -Yoga, -Urlaub.

Zu Papier geronnenes Detox ist das oben erwähnte "Flow"-Magazin - der Paulo Coelho unter den Zeitschriften. Mittelgeniale Botschaft, höchst geniale Verkaufszahlen. Ein erfolgreiches Heft, das seit 2013 in Deutschland erscheint, zurzeit mit einer Auflage von 107.000 Exemplaren, und das ist zwar nur ein gutes Achtel von der SPIEGEL-Auflage, aber dafür, dass quasi jedes Mal dasselbe drin steht - alle Achtung.

Was drinsteht, ist ungefähr das: einatmen, ausatmen, schöne Dinge kaufen. Es geht um Freundschaften, Vorfreude und andere Fühlthemen, dazwischen ein bisschen Werbung für Saft. Als "Statement gegen den Plastiktütenwahn" wird ein Beutel für 50 Euro empfohlen, aus alten Surfsegeln. Und weil es bei Stress helfen soll, Wasser in kleinen Schlückchen zu trinken, kauft man gleich noch die bunten Becherchen aus Bambusfasern dazu. Ein kleines Dossier über die Kulturgeschichte des Bleistifts ist ganz angetan von der Einfachheit dieses Schreibwerkzeugs ("Zedernholz mit Graphit, was könnte besser riechen?"), das sogar im Weltraum schreibt (aha) und empfiehlt einen Amerikaner, dem man seine Bleistifte schicken kann, um sie von Hand spitzen zu lassen. Unten dann der gedruckte Link zu einem Onlineshop: "Sofort Bleistifte kaufen? Hier gibt es schöne im Vintagelook..."

Natürlich ist das keine böswillige Verarsche. Im Einzelnen ist das alles gar nicht schlimm. Wer eine Anleitung zum Wassertrinken und Bleistift-Benutzen braucht, der soll sie kriegen.

Auch die sanfte Geste an sich ist nicht schlimm. Das ganze Heft ist voll mit lächelnden Menschen, und im zusätzlich zu erwerbenden "Flow"-Ausmalbuch kann man eine ganze Seite bunt malen mit dem Spruch: "Ich habe heute nichts zu tun - außer lächeln." Darüber ein Vögelchen, drumherum Blümchen.

Jede Gesellschaft hat ihre tröstenden Kulturtechniken

Es ist ein Kindergarten für Menschen über 30, nur dass es im Kindergarten wenigstens noch die Möglichkeit gibt, dann und wann auf die Fresse zu kriegen, während man in der "Flow" höchstens eine Empfehlung für ayurvedische Gesichtsmassage in New York kriegt und dabei zwar genau so geduzt wird wie im Kindergarten, aber trotzdem irgendwie schon das Geld verdient haben sollte, um sich die Wanduhr aus Walnussbaumholz für 208 Euro ganz bewusst in die Küche zu hängen. (Das mit dem Lächeln macht aber auch beim Detoxen Sinn, habe ich auf Freundin.de gelernt: "...gehen Sie das Detoxen locker und entspannt an, denn positive Gedanken und selbst das Hochziehen der Mundwinkel entsäuern bereits.")

Ich lege die "Flow" weg beim Artikel "Von der Kunst aufzuhören", der mir rät: "Manchmal ist es durchaus heldenhaft aufzugeben." Das Vermeiden von Stress ist die Grundhaltung. Das ist okay. Jede Gesellschaft hat ihre tröstenden Kulturtechniken. In Polen gibt es zum Beispiel Wodka.

Achtsamkeit soll, ähnlich wie Alkohol, gegen Burn-out und Stress helfen und im Großen und Ganzen gegen Außenwelt. Das Böse bleibt draußen, das Komplizierte auch. Achtsamkeits-Apps wie "Zenify" erinnern alle paar Stunden daran, den Rücken gerade und die Atmung ruhig zu halten und immer wieder den eigenen Zeigefinger zu streicheln. "Das Einzige, was ich ändern kann, ist meine Haltung zu den Dingen", zitiert die "FAZ" eine Therapeutin, die Vorträge über Achtsamkeit hält. Geil, Resignation. In meinen dunklen Stunden hätte ich Bock drauf. Aber so ganz wohl ist mir bei der Vorstellung auch nicht.

Denn in Zeiten von Pegida, AfD und brennenden Flüchtlingsheimen scheinen Achtsamkeit, Detox und Ausmalbücher kein Trost zu sein, sondern eine neue Art von infantilem Eskapismus: eine Art Pastell-Biedermeier. Ich wäre ja froh über jeden, der, statt ein Flüchtlingsheim anzuzünden, ein Mandala ausmalt oder einen Smoothie trinkt. Aber so läuft es wohl nicht.

Während der Biedermeier-Zeit zog man sich zurück ins Private, richtete sich hübsch ein und machte Hausmusik. Heute flüchtet man noch weiter, rein in den Körper. Das Draußen wirkt so bedrohlich, dass die Flucht in den eigenen Dünndarm als einziger lebenswerter Ausweg erscheint. Da ist Detox genau so gut wie "Clean Eating", "Low Carb", "Paleo", "No sugar" oder andere Ernährungsumstellungen. Hauptsache, man ist beschäftigt.

Gefühle, Smoothies und Leber

Das ist jetzt aber unachtsam, werden Sie sagen. Das ist doch alles gar nicht das gleiche - und Pastellfarben sind auch nicht an sich schlecht, Zartrosa und Eisblau sind immerhin die Farben des Jahres. Ja, da haben Sie recht. Aber ich habe alles in meinen 2500-Watt-Smoothiemixer getan, und dann stellte sich heraus, eigentlich passt das ganz gut zusammen. So ist das mit den Smoothies. Nein, es stimmt: Pastellfarben, Wassertrinken, Ausmalen sind okay. Ich schwöre, ich habe selbst einen Smoothiemixer, eine Yogamatte für 80 Euro und ein Rosa gestrichenes Badezimmer und ernähre mich auch nicht von Mörtel und Haarspray. Ich habe auch Gefühle. Zum Beispiel habe ich immer das Gefühl, dass sich meine Leber auflöst, wenn ich einen Energy-Drink getrunken habe, aber immerhin weiß ich, dass ich eine Leber hab, im Gegensatz zu den Detox-Vögeln. Aber auf die Leber kommt es ja auch gar nicht an. Denn das Wesentliche ist für die Leber unsichtbar, um auch mal was Versöhnliches zu sagen.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 192 Beiträge
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Seite 1
Muddern 28.01.2016
1. Dass Pegida...
... von Detox, Achtsamkeit und Malbüchern nicht weggeht - sei's drum! Aber vielleicht hilft es gegen Kolumnen von Margarethe Stokowski? Man sollte es dringend ausprobieren!
wallaceby 28.01.2016
2. Recht so!
Frau Stokowski, nach ihren letzten katastrophalen Beiträgen auf SPON zur Flüchtlings-Asyl-Katastrophe, ist es doch auch für Sie von recht erholsamer Natur, wenn man über so unfassbar dämliches Zeug wie "Detox" und Ähnlichem seine geistigen Ergüsse abliefern darf, nicht wahr...? Weiter so!
Ponque 28.01.2016
3. Mythen über Achtsamkeit
Aussagen über Achtsamkeitspraxis möchte ich so nicht stehen lassen. Zwar machen sich Magazine wie Flow diese Themen zu eigen und spülen sie weich und soft, aber das ist meilenweit entfernt vom wahren Kern der Achtsamkeit. Dieser liegt darin, präsent zu sein und seine Wahrnehmung zu schärfen ohne dabei sofort ins Urteilen zu verfallen. Wer mit Achtsamkeitstraining beginnt, der begibt sich auf eine Reise zum eigenen Ich. Dabei entdeckt man nicht nur schöne Seiten, sondern wird auch mit Gedanken und Gefühlen konfrontiert, die sehr unangenehm sein können. Es wäre schade, wenn die Achtsamkeit auf ihrem guten Weg in die Führungsetagen der Unternehmen nun in der öffentlichen Wahrnehmung wieder in die alte Mottenkiste der Esoterik wandert. Das wird dieser komplexen und über 2500 Jahre alten Technik nicht gerecht. Stefan Spiecker (Q-CHEN)
mheitm 28.01.2016
4. Göttlich!
Zynismus gibt dem Leben erst seine Würze :-)
alexanderschulze 28.01.2016
5. Ich verstehe den Zusammenhang nicht
zwischen Detox und angeblichem Rechtsradikalismus. Dieser Beitrag hilft mir nicht dabei..
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