Bilinguales Leben Gute Sprachen, schlechte Sprachen?

Zweisprachigkeit sollte in einer globalisierten Welt kein Makel sein. Wer aber in Deutschland aufwächst und neben Deutsch noch Türkisch oder Polnisch spricht, muss mit Diskriminierung rechnen.

Symbolbild
DPA

Symbolbild

Eine Kolumne von


In China sind jetzt angeblich zum ersten Mal genetisch veränderte Menschen geboren worden. Neben allen ethischen Diskussionen, die damit verbunden sind, kann man vermuten, dass einige Leute es gar nicht so schlecht finden würden, wenn Kinder, die in Deutschland mehrsprachig aufwachsen, auch einen kleinen Gen-Schalter eingebaut hätten, der sie veranlasst, bestimmte Sprachen wieder zu verlernen - wenn es die falschen sind. Also alles, was als "ausländisch" gilt und nicht als sexy Expat-Sprache.

Die "Bild"-"Zeitung" hat kürzlich wieder Alarm geschlagen. "Nur eins von 103 Kindern spricht zu Hause deutsch" hieß es auf der Titelseite. Eine Neuköllner Schulleiterin beschwerte sich: "Wir sind arabisiert!" und: "Wir sind hier an der Front." Direkt mal einen Krieg ausgerufen, warum nicht. Die Schulleiterin beobachtet dann noch aus Gruselgründen, dass viele der Kinder überhaupt nicht erzogen seien. Sie müssten erstmal grundlegende Dinge lernen, schreibt die "Bild", etwa: "Wenn man jemandem begegnet, dann grüßt man." Als wenn es verwunderlich wäre, wenn Kinder einer solchen Schulleiterin nicht Hallo sagen wollen.

Wie die alten Klamotten vom Flohmarkt

Prinzessin Charlotte, das Kind von Kate und William, wurde vor kurzem von britischen Medien angehimmelt, weil sie als Zweijährige bereits angeblich zwei Sprachen sprechen konnte. Gut, dass die Nanny, von der sie die paar Brocken aufgeschnappt hat, Spanisch spricht und nicht Arabisch. Dann hätte Gott aber mal wirklich die Queen saven müssen.

Als Kind dachte ich lange Zeit, bilingual aufzuwachsen heißt, dass man außer Deutsch auch noch Französisch oder Englisch zu Hause spricht und nicht das, was die "Polacken" und "Kanaken" tun. "Bilingual" klang wie etwas Wertvolles, während ich als Kind das Gefühl hatte, dass meine Muttersprache etwas ist, was ich besser loswerden sollte. Wie die alten Klamotten vom Flohmarkt, die man irgendwann durch fancy Adidassachen ersetzen konnte, wenn man lange genug gespart hatte. Polnisch war gleichbedeutend mit arm, gleichbedeutend mit: besser nicht da.

"Türkisch lernt man nicht, türkisch verlernt man", schrieb Kübra Gümüsay mal in einer "taz"-Kolumne. "Was wäre geschehen, wenn man in den Migrantenkindern keine Probleme, sondern Potenzial und Zukunft gesehen hätte?", fragt sie. "Hätte man aufgehört, Misserfolge auf ihre ethnische Herkunft zu reduzieren, die sie weder ausgesucht haben noch ablegen können?"

Die Autorin Emilia Smechowski erzählt in ihrem Buch "Wir Strebermigranten", wie ihre Familie - 1988, im selben Jahr wie meine - nach Deutschland kam. Ihre Eltern versuchten, möglichst schnell deutsch zu werden, was auch hieß, dass es ihnen unangenehm war, wenn ihre Töchter in der U-Bahn polnisch sprachen: "Das Gesicht meines Vaters wurde hart. Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht hatte. Meine Mutter schaute sich etwas panisch um. (...) 'Psst!', machte sie nur, und als wir aus der U-Bahn gestiegen waren, hockte sie sich vor uns und sagte: 'Mädchen, ab jetzt gilt eine Regel: In Deutschland sprechen wir Deutsch.' Dieses 'Psst!' sollte zu einem Grundrauschen unserer ersten Monate in Deutschland werden (...). Aus dem ernsten polnischen Kind wurde innerhalb kurzer Zeit ein stummes deutsches."

Polnisch? Eine Zusatzqualifikation

Ich kenne diese Erziehungsidee von meinen Großeltern, die etwas früher als wir nach Deutschland gekommen waren, und wollten, dass meine Geschwister und ich draußen nur Deutsch sprechen. Wobei man als Kleinkind den Unterschied zwischen den Sprachen erst mal kapieren muss. In meiner Familie ist es eine gern erzählte Anekdote, wie wir als Kinder vor den Fernseher gesetzt wurden, um mit der "Sesamstraße" Deutsch zu lernen und ich als Zweijährige immer nur "glosniej!" ("lauter!") rief, weil ich nicht verstand, dass Samson und Tiffy eine Fremdsprache reden.

Der Versuch, Polnisch draußen zu verhindern, führte jedenfalls irgendwann dazu, dass wir Kinder zu Hause die eigenartige Methode entwickelten, auch wenn Polnisch mit uns geredet wurde, auf Deutsch zu antworten, wie perfekte (Süß-)Kartoffeln. Erst als ich 20 Jahre später während des Studiums einen Sommer in Polen auf dem Friedhof arbeitete, fiel mir auf, dass Polnisch zu können kein Makel war, sondern eine Zusatzqualifikation. Es war, um es kurz zu fassen, eine krasse Erkenntnis. Mir stand ein komplettes Land offen, ich konnte dort reden, singen, arbeiten, alles (das einzige, was ich nicht kannte, waren die Wörter für "ficken" und "kiffen", aber das ging dann schnell).

ANZEIGE
Margarete Stokowski:
Die letzten Tage des Patriarchats

Rowohlt; 320 Seiten; 20 Euro

Es ist überhaupt kein Problem, wenn Kinder, die in Deutschland zur Schule gehen, zu Hause nicht Deutsch sprechen. Es ist nur ein Problem, wenn die Bildungseinrichtungen, in die sie gehen, sich nicht darauf einstellen können, dass in Deutschland Menschen verschiedener Herkunft leben. Ich habe Beate Lütke dazu befragt, sie ist Professorin für Didaktik der deutschen Sprache/Deutsch als Zweitsprache, und sagt: "Die Sprachen, mit denen ein Kind aufwächst, sind maßgeblicher Bestandteil seiner familiären, sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Identität. Deshalb ist es wichtig, dass diese Sprachen nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Raum - insbesondere im Kindergarten und in der Schule - Wertschätzung erfahren und für das gesamtsprachliche Lernen genutzt werden."

Es ist natürlich kein Zufall, dass die "Bild" sich als Horrorbeispiel eine Schule in Neukölln sucht, einen Bezirk, der in weiten Teilen immer noch von Armut geprägt ist, und zwar zu weiten Teilen von der Armut migrantischer Menschen, die sich nicht immer aussuchen können, wo sie wohnen. Ich kenne Deutsche, die sich fake-umgemeldet haben, um weiterhin in coolen Vierteln wohnen zu können, aber ihre Kinder auf bessere Schulen schicken zu können, wobei "besser" heißt: weniger Arme, weniger Ausländer.

Mehrsprachigkeit ist aber, nicht nur in Berlin, für viele Menschen eine Realität, die man im Bildungssystem fördern könnte, anstatt sie nach rassistischen Kriterien in gut und schlecht einzuteilen. Die Didaktikprofessorin Lütke kritisiert, dass in Schulen die "mehrsprachlichen Ressourcen praktisch kaum genutzt" werden.

Im Gegenteil: "Teils verbergen Kinder in der Schule sogar ihre Herkunftssprachen aus Angst vor Diskriminierung. Und das, obwohl wir wissen, dass Lernende von einer Wertschätzung und Berücksichtigung all ihrer mitgebrachten Sprachen im gesamtsprachlichen Lernen und insbesondere auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung profitieren würden." Und nicht nur die lernenden Kinder würden profitieren.

Man kennt mich ja nicht so, dass ich Männer oft das letzte Wort haben lasse, aber in diesem Fall soll es ein anderer Experte haben, Hans-Jürgen Krumm, emeritierter Professor für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, der aus der Forschung berichtet: "Je wenigersprachig ein Land ist, umso weniger Respekt herrscht in diesem Land vor Minderheiten."

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Oben und unten


insgesamt 179 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Phil2302 27.11.2018
1. Zweisprachig!
Nicht einsprachig ohne die deutsche Sprache! Das ist der Unterschied: "Es ist überhaupt kein Problem, wenn Kinder, die in Deutschland zur Schule gehen, zu Hause nicht Deutsch sprechen. " Also ich kenne genau zwei Freunde, die ihr Kind zweisprachig erziehen (vietnamesisch und türkisch) und bei beiden spricht ein Elternteil nur deutsch und das andere nur die Fremdsprache. Also wächst das Kind zweisprachig auf und kann in der Schule dem Unterricht folgen. Sprechen aber beide Elternteile kein deutsch mit dem Kind, und der einzige Kontakt mit der deutschen Sprache erfolgt im Kindergarten oder der Schule, dann kann das Kind nicht dem Unterricht folgen, also ist das ein Problem. Case closed, diese Woche war das ja einfach.
andreasbln 27.11.2018
2. Tja Lehrerfreunde sprechen von anderer Realität
Verbote sind natürlich quatsch. Aber ich kenne es von Lehrerfreunden, die schon vor - ach 20 Jahren - darüber klagten, dass gerade Erstklässler und überhaupt Grundschüler insbesondere mit türkischem Migrationshintergrund sprachlich nicht hinterherkommen, wenn außer der Schule alles auf türkisch abläuft. Das gelernte Deutsch wird über die Sommerferien wieder vergessen. Also liegt die Wahrheit doch irgendwo dazwischen. Niemand sollte sein Zweisprachigkeit verleugnen, aber doch sollten insbesondere die Eltern aufpassen, dass die deutsche Sprache auf dem Stand ist. Nicht weil Deutsch so toll ist, sondern weil es die Sprache ihrer gesellschaftlichen und beruflichen Zukunft und damit maßgebnlich über ihre sozialen Chancen entscheidet. Mir persönlich fällt auf, dass oft Menschen mit Migrationshintergrund meiner Babyboomergeneration sehr gutes Deutsch sprechen, Nativspeakerlevel, auch wenn sie hier nicht geboren wurden, deutliche Jüngere aber, die hier geboren sind nur einen eingeschränkte Wortschatz und kein akzentfreies Deutsch sprachen. Fatale Entwicklung. Nochmal es geht nicht darum, dass deutsch irgendwie toller ist als türkisch oder polnisch. Aber wir sind nunmal hier und Sprache ist der Schlüssel für alles. Wer es schafft dabei, seine Muttersprache bzw. die Sprache der Eltern zu pflegen. Super.
Anton Dvorak 27.11.2018
3. mal wieder mal ein Griff ins Klo Magarete...
Nicht "wer in Deutschland aufwächst und neben Deutsch noch Türkisch oder Polnisch spricht muss mit Diskriminierung rechnen" sondern wer KEIN Deutsch spricht kann nicht am Gesellschaftsleben teilhaben! Die zweit, dritt und x-Sprache ist hierbei völlig (!) irrelevant. Das gilt sowohl für den Schulerfolg als auch fürs Arbeitsleben. Die Frage ist eher, warum bestimmte Herkunftsgruppen scheinbar größere Schwierigkeiten haben Deutsch zu lernen (Türken) als andere (z.B. Vietnamesen). Das könnten Sie vielleicht mal dem Leser beantworten als monoton die "Schuld" bei einer fragwürdigen und völlig inkohärenten "Diskriminierung" zu suchen. (Bin Grieche btw.)
csm101 27.11.2018
4. Wieder was mißverstanden
Die Schulleiterin hat bemängelt, dass nur 1 von 103 Kindern Deutsch spricht und wollte damit auf die jetzt schon vorprogrammierten Nachteile hinweisen. Denn die meisten Kinder haben bis dahin kaum Deutsch gesprochen und sollen plötzlich an einem deutschsprachigem Unterricht teilnehmen. Das ist im deutschen Unterrichtssystem aber ein Nachteil. So werden Kinder zu Verlierern gemacht. Bilingualität hin oder her.
h3li05exe 27.11.2018
5. Lesen und Schreiben lernen ohne Deutschkenntnisse?
"Es ist überhaupt kein Problem, wenn Kinder, die in Deutschland zur Schule gehen, zu Hause nicht Deutsch sprechen." Das sieht die Forschung aber klar anders. Das hätte die Professorin für Deutschdidaktik auf Nachfrage sicher auch erläutert. Der Erstunterricht der Grundschule ist geprägt von Übungen zur phonologischen Bewusstheit, die das Erstlesen anbahnen sollen. Dafür brauchen die Kinder einen ausreichenden Wortschatz im Deutschen, sie brauchen eine Vertrautheit mit deutscher Intonation und deutscher Grammatik. Mehrsprachigkeit kann ein unschätzbarer Vorteil sein, wenn die Kinder beide Sprachen auf einem guten Niveau sprechen. In den Brennpunktschulen sieht es jedoch anders aus. Die Kinder haben nur unzureichende Erfahrungen mit dem deutschen, sodass man für sie wohl direkt ein Schuljahr anhängen müsste, um diese fehlenden Vorerfahrungen, auf die die anderen Kinder zurückgreifen können, auszugleichen. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse kann das Lesen- und Schreibenlernen nicht gelingen. Das ist didaktischer Fakt. Natürlich haben Sie streng genommen Recht: Es ist kein Problem, wenn die Kinder zu Hause nicht Deutsch sprechen. Es ist aber ein Problem, wenn diese Kinder nicht Deutsch lernen. Wo lernen die Kinder vor Schuleintritt Deutsch, wenn nicht im Elternhaus? Der Kindergarten, der nicht mal verpflichtend ist (Kinder mit Migrationshintergrund besuchen signifikant häufiger als deutschstämmige Kinder KEINEN Kindergarten), kann das nicht ausgleichen. Die Unterrichtssprache in Deutschland ist Deutsch. In dieser Sprache lernen die Kinder Lesen und Schreiben. So lange Sie also nicht wollen, dass die Kinder je nach Herkunft getrennten Erstunterricht in ihrer Heimatsprache haben (wäre nicht besonders inklusiv), müssen wir dafür sorgen, dass sich die Kinder vor Schuleintritt ausreichende Deutschkenntnisse aneignen. Respekt für andere kulturelle und sprachliche Hintergründe ist wichtig, aber wir können nicht didaktische Notwendigkeiten ignorieren, weil sie uns nicht gefallen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.