Deutsch-türkisches Nebeneinander Haare waschen oder nicht?

Ballack anfeuern oder für Altintop jubeln? Deutschtürken stehen beim EM-Halbfinale vor einem Dilemma. Das müsste nicht sein, meint Deniz Baspinar - Deutschland sollte nur endlich aktiv beim Migrations- und Integrationsprozess mitspielen.


Ich wasche meine Haare zwei- bis dreimal die Woche. So wie am vergangenen Donnerstag und am Montag zuvor. An diesen Tagen hat Deutschland seine Spiele gegen Österreich und Portugal bestritten. Und gewonnen. Da der Mensch dazu neigt, Zusammenhänge zwischen Ereignissen herzustellen, die in einem zeitlich engen Rahmen wiederholt gemeinsam auftreten, beschloss ich, davon auszugehen, dass das Haarewaschen die Ursache der Siege der deutschen Mannschaft war. So eine Deutung hat nämlich den Vorteil, dass sie Allmachts- und Größenphantasien beflügeln kann. Im Übrigen muss ich an dieser Stelle meine Enttäuschung darüber zum Ausdruck bringen, dass der DFB es nicht für nötig befunden hat, sich bei mir zu melden und für meine Unterstützung zu danken.

Deutschtürkisches Nebeneinander: Geht es nur um ein Fußballspiel?
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Deutschtürkisches Nebeneinander: Geht es nur um ein Fußballspiel?

Dann kam der vergangene Freitag und die Größenphantasien einer ganzen Nation wurden Wirklichkeit. Die türkische Nationalmannschaft, die Drama-Queen der Europameisterschaft, errang in einem bis zur 119. Minute lähmend verlaufenden Viertelfinalspiel einen Sieg, der die Kroaten und den Rest von Europa fassungslos zurückließ. Die Türkei faszinierte in drei aufeinanderfolgenden Spielen weniger mit Spielkunst, dafür aber umso mehr mit unbedingtem Kampfeswillen. Aus einem Rückstand heraus wurde jeweils der Sieg errungen, und es schien, als bräuchten die Türken erst das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, um erfolgreich agieren zu können. Dies erlaubt einen tiefen Einblick in die türkische Seele, aber das ist ein anderes, weites Feld.

Warum ich das beurteilen kann? Ich kenne mich aus mit Türken, ich bin selber eine. Oder korrekter: eine "türkischstämmige Deutsche" oder eine "Deutsch-Türkin" oder, ähm, eine "Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund". Bei deutschnationaler Gesinnung nennt man mich auch "Scheiß-Türkin".

Und da wären wir beim Dilemma: Heute stehen sich meine beiden Länder Türkei und Deutschland im Halbfinale gegenüber. Was mich vor die entscheidende Frage stellt: Haare waschen oder nicht?

Ich habe mir diese Begegnung nicht gewünscht. Nach dem vermeintlich siegreichen Tor der Kroaten in der 119. Minute war ich sogar ein wenig erleichtert, dass uns eine Halbfinalbegegnung Deutschland-Türkei erspart bleiben würde. Ich höre von vielen türkischen und deutschen Freunden und Kollegen die gleiche Besorgnis und Anspannung. Was ist da wirksam? Geht es nur um ein Fußballspiel?

Die Frage ist doch, warum ich überhaupt ein Dilemma verspüre, wenn ich an das Spiel am Mittwoch denke, warum es nicht selbstverständlich ist, dass ich zur deutschen Mannschaft halte. Zumal mir als Kölnerin ein Lukas Podolski irgendwie vertrauter ist als ein Ich-sehe-nicht-nur-aus-wie-Mafia-ich-bin-Mafia!-Fatih-Terim. Is doch klar, näh!?

Die Frage ist doch, warum man mir dieser Tage augenzwinkernd viel Glück für meine "Landsleute" wünscht und damit die türkische Mannschaft meint? Ist mein Dilemma lediglich ein Anzeichen von nicht gelungener Integration meinerseits? Ach, übrigens - warum spielt eigentlich Hamit Altintop nicht im deutschen Kader? Ist dies nicht symptomatisch für eine Migrationsbewegung "retour", die gut ausgebildete junge Türken der zweiten Generation an den Bosporus treibt, eben weil die deutsche Gesellschaft sie nicht als ihresgleichen betrachtet?

Mir scheint, die Anspannung vor dem Spiel rührt daher, das Nicht-Ausgesprochenes und Explosives im deutsch-türkischen Verhältnis zutage treten könnte. Wir haben uns eingerichtet im Alltag – ohne die Ressentiments, die Ängste, den Ärger, die Kränkungen auszusprechen. Es hat Migration stattgefunden, ohne dass beide Seiten dies als einen solchen Prozess benannt und als eine Lebensentscheidung mit Konsequenzen betrachtet haben.

Jetzt leben über zwei Millionen Türken in Deutschland, aber es steht ihnen nicht frei, sich als Deutsche zu verstehen, da die Mehrheitsgesellschaft sie nicht als Deutsche begreift. Ihnen wird signalisiert: "Du bist ein Schwarzkopf, also bist du kein Deutscher. Auch wenn du einen deutschen Pass hast. Von mir aus kannst du dich auf den Kopf stellen und Goethe rezitieren." Blut statt Boden. Das nennt man – wie nennt man das noch mal – ach, ja! Rassismus.

Die Integrationsdebatte ist gekennzeichnet von der Vorstellung einer einseitigen Bringschuld der hier lebenden Migranten. Damit leugnet die deutsche Gesellschaft (nachdem sie lange Zeit die Tatsache der Migration selbst geleugnet hat), dass ein Migrationsprozess zwei Gruppen von Akteuren hat – die aufnehmende Gesellschaft und die Einwanderer. Migration ist ein Vorgang, der von beiden Akteuren eine Verwandlungsleistung erfordert. Man erwartet von den Migranten, sich einzufügen – aber in was? Das Seelische braucht Bilder, es ist selber bildhaft strukturiert. Teil einer Nation zu sein wäre ein Bild. Dieses Angebot wird den hier lebenden Türken nicht gemacht. Man kann nicht zum Deutschen werden, man ist es nur per Abstammung.

Die schönsten und spannungsreichsten Momente der EM waren die Augenblicke, in denen starre ethnische und nationale Zuordnungen ad absurdum geführt wurden. Ein Pole schießt für Deutschland die entscheidenden Tore gegen Polen, ein Türke im Team der Schweiz trifft gegen die Türkei, ein niederländischer Trainer führt die Russen im Viertelfinale gegen Holland zum Sieg. Moderner Tragödienstoff, unsere Realität. Migrationsbewegungen, insbesondere in Europa, waren und sind Normalzustand.

Haare waschen oder nicht Haare waschen? Lebte ich jetzt in Istanbul, gäbe es eine Wahrscheinlichkeit, dass am Mittwoch das Wasser abgestellt wird, wie es dort häufig im Sommer passiert. Mir wäre die Entscheidung abgenommen – allerdings bestünde das Dilemma auch gar nicht, wären meine Eltern nicht ausgewandert.



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Seite 1
chronem 25.06.2008
1. ?
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,562065,00.html
Frank Wagner, 25.06.2008
2. Die Autorin hat recht, ist aber Teil des Problems
Es stimmt, im Verhältnis Deutsche- Türken gibt es jede Menge unausgesprochenes hochexplosives Konfliktpotenzial. Aber warum wird es nicht ausgesprochen ? Weil die Medien sich dem verweigern ! Man hält einen Schirm der politschen Korrektheit über die Migranten und wenn es zu Konflikten kommt sind sowiso immer die Deutschen schuld. Das Unbehagen und die Ängste der Deutschen werden einfach in die rechte Ecke gestellt und unter den Teppich gekehrt. Ich bin wirklich gespannt wie morgen über die heute Nacht zu erwartenden Ausschreitungen berichtet werden wird. Sicher heißt es dann morgen wieder, die Polizei, die deutschen Fans hätten provoziert und die Randalierer hätten einfach keine andere Wahl gehabt.
OnkelBenz, 25.06.2008
3. mangelnder Migrationswille...
Man stelle sich vor, eine halbe Million in der Türkei geborene Deutsche würden in Istanbul Kreuzberg wohnen und dort ein derartiges Theater veranstalten... Und um dem noch eins draufzusetzen, fordern die dann von den Alteingesessenen Toleranz und mehr Integrationswillen, auch wenn die Istanbuler vor lauter schwarz, rot, gold irgendwann selbst gar nicht mehr wissen, ob sie sich hier noch zu Hause fühlen sollen?! Absurd.
Zakk, 25.06.2008
4. Interessant
---Zitat--- "Jetzt leben über zwei Millionen Türken in Deutschland, aber es steht ihnen nicht frei, sich als Deutsche zu verstehen, da die Mehrheitsgesellschaft sie nicht als Deutsche begreift." ---Zitatende--- Das ist ein Aspekt, den ich so noch gar nicht gesehen habe. Ich hatte immer gedacht, ein Ausländer wäre beleidigt, wenn ich ihn qua seines Wohnsitzes einfach zum Deutschen erkläre und somit seine tatsächliche Herkunft bzw. Abstammung ignoriere. Der Gedanke, dass Ausländer, die hier - evtl. schon in zweiter oder dritter Generation - leben, tatsächlich als Deutsche anerkannt werden wollen, ist mir noch nie gekommen.
Doerty Harry 25.06.2008
5. Stimmt genau!
Nachdenkend und lachend habe ich diesen Artikel gelesen, der mich bewogen hat in dieses Forum einzutreten. Die Autoren hat 100%ig recht. Ich finde, wir Deutschen (Ich bin Deutsche OHNE Migrationshintergrund), fordern manchmal mit einer gewissen Arroganz, dass die bei uns lebenden Ausländer, Migranten oder Deutsche mit Migrationshintergrund sich anpassen müssen. Dabei hat dieses "Anpassen" schon fast einen Beiklang von "unterordnen". Das finde ich schlimm. Ich würde sehr gerne in einer funktionierenden multikulturellen Gesellschaft leben, merke aber gerade anlässlich dieses Halbfinals wieder wie tief Vorurteile sitzen. Anstatt sich auf gute Stimmung und Fanfest zu freuen, reden die meisten von möglichen Krawallen. Klar, Idioten gibt es überall (und in jeder Nation) und die werden sich auch heute mit Sicherheit wieder bemerkbar machen, aber warum redet kaum jemand über die positiven Seiten? Über die, die sich ganz hervoragend integrieren (und integriert werden)und die den Spagat schaffen zwischen den beiden Kulturen? Diesen Spagat, der schon bei der Bezeichnung anfängt, wie die Autoren so schön beschrieb, stell ich mir übrigens sehr schwer vor. Doch leider machen sich die meisten Deutschen darüber sehr wenig Gedanken. Ich habe übrigens vor, ab dem Oktober etwas Türkisch zu lernen und gerade heute fühle ich mich in diesem Vorhaben bestärkt wie nie. Jetzt freue ich mich aber erst mal auf einen schönen Fußballabend in der Kneipe mit hoffentlich auch türkischen Fans und genauso netter Stimmung wie mit den Kroaten vom Nachbartisch letzte Woche! Das wünsche ich übrigens auch allen, die das hier lesen. :-)
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