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Deutsche Ausgabe von "Interview": Pfeif aufs iPad!

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Viel zu groß für die Handtasche: Mit Überformat und prominenten Zuarbeitern geht die deutsche Ausgabe der US-Kult-Zeitschrift "Interview" an den Kiosk. Trotz einiger überkandidelter Titel für Star-Redakteure - das ist große Magazin-Kunst, bei der Text und Mode effizient aufeinanderknallen.

"Interview"-Magazin: Zwischen Tratsch und Kunst Fotos
Interview

In der Telefon-Warteschleife der Berliner "Interview"-Redaktion knallt einem Leonard Cohen entgegen, er singt: "First we take Manhattan, then we take Berlin." Ein alter Elektropopsong des Meisters aus den achtziger Jahren. Die Magazinmacher in der Hauptstadt versuchen, diesen Satz auf unterschiedliche Weise wahr zu machen.

Das legendäre Heft, das der Popkünstler Andy Warhol 1969 als "inter/VIEW" in New York gründete, hatte als Kind seiner Zeit in den prüden USA mehr von einem grobporigen schwarz-weißen Sexheft. An diesem Freitag ist nun die erste deutsche Ausgabe erschienen, mit Lana Del Rey auf dem Cover. Wie praktisch fürs Marketing: Das erste Album der gehypten Sängerin debütiert am gleichen Tag wie das Magazin. Auch SPIEGEL ONLINE kommt nicht umhin, diese beiden wichtigen Ereignisse der Popkultur dicht nacheinander zu besprechen.

Mag es die Coverdame Del Rey auch nicht vermuten lassen: Das deutsche "Interview" ist ein Zeitgeist-Heft, das dem Zeitgeist im besten Sinne den Hals umdreht. Man nehme sich ein Beispiel an Andy Warhol, dem "Realitäts-Transformer auf Dauerstrom", schreibt Chefredakteur Joerg Koch im Editorial, Klaus Theweleit zitierend, und wolle mit jedem der zehn Hefte im Jahr einen "Mix" präsentieren, der "die Welt ein wenig anders aussehen lässt".

Chefredakteur Koch kam erst Ende November dazu, brachte als Art Director Mike Meiré mit, mit dem er nach wie vor das internationale Avantgarde-Magazin "032c" macht. Eigentlich war geplant, dass der russische und der deutsche Lizenztitel unter der Leitung der Ex-"Vogue"-Russland-Chefredakteurin Aliona Doletskaya erscheint, verlegt von Unternehmermilliardär Vladislav Doronin. Der ist besser bekannt als Mann an der Seite von Naomi Campbell, die prompt als "International Editor at Large" firmiert - einem von mehreren albernen Image-Titeln im Impressum.

Voyeurismus erlaubt

Doch es sei klar geworden, dass die deutsche und die russische Zielgruppe zu unterschiedlich seien, erklärt Koch diplomatisch, daher habe man ihn dazugeholt. Die deutsch-russische Infrastruktur im Hintergrund aber bleibe, man tausche sich regelmäßig aus, auch um aufwendigere Storys gemeinsam zu stemmen.

Im Zentrum stehen natürlich die Interviews, das sei der "gewisse voyeuristische Aspekt", meint Chefredakteur Koch. Aber "Interview" trifft das Konzept nur ungenau. Es sind nicht die Journalisten, die irgendwelche Promis befragen, nein: Man lässt Persönlichkeiten aufeinander los und dokumentiert deren Unterhaltungen. Der Haken: Es gibt wohl keinen, der dieses Gesprächskonzept so umfassend verkörpert hat wie Warhol selbst, der in seiner Factory alle versammelte und magnetisch anzog. Gegen ihn müssen alle anderen blass aussehen.

Das merkt man schon an der Hommage an Warhol in der Erstausgabe, ein Heft-im-Heft mit einem "A bis Z" über den Künstler und seine Zeitschrift. Auszüge aus von ihm geführten Interviews inklusive. Grace Jones, John Lennon und Max Ernst, er hatte sie alle. Und natürlich nimmt sich Lana Del Rey dagegen etwas flatterhaft aus. "Wir können ja nicht so tun als ob wir das Heft in den siebziger Jahren in Downtown New York machen", sagt Koch über die Referenzen ans Original. Doch man wolle um Himmels willen nicht "berlinlastig" sein, mit dem Heft "keine Inselmentalität" reproduzieren.

Texte und Mode - hier prallen sie aufeinander

Das aber hat zumindest für Heft Nummer eins nicht funktioniert. Die üblichen Hauptstadt-Verdächtigen prägen den Auftakt der deutschen "Interview"-Marke. Die mit einem Koksfickrotz-Debüt und Plagiatsverdacht bekannt gewordene Jungautorin Helene Hegemann hat eine Kolumne im Heft und kommentiert ihre eigene Geschichte dabei angenehm selbstironisch. Der Berliner Russen-Verantwortliche Wladimir Kaminer unterhält sich mit dem It-Girl Palina Rojinski. Und als intellektuellen Ausgleich lässt man den Haus- und Rüpelregisseur der Berliner Volksbühne, René Pollesch, auf den Kulturwissenschaftler Thomas Macho prallen.

Als Gegengewicht bediente man sich im Fundus des amerikanischen Mutter-Hefts. Und kann somit prickelnde Doppel wie Scarlett Johansson und "Huffpost"-Gründerin Arianna Huffington oder Clint Eastwood und Angelina Jolie präsentieren. Wenn man die Meckerei wegen der Berlin-Zentriertheit mal außer Acht lässt: Diese Persönlichkeiten so derb aufeinanderprallen zu lassen, Texte und Mode gleichzeitig zu transportieren, ohne dass das eine dem anderen die Show stiehlt, klappt in diesem Wundertütenheft vorzüglich. Ein seltenes Gefühl, mal nicht wieder sechs Euro für heiße Luft auf Papier ausgegeben zu haben. Dagegen sind all die gescheiterten deutschen Interview-Magazine Pillepalle.

"Interview" ist kein Leichtgewicht - und damit auch ein Gegenentwurf zum allgemeinen Digitalisierungstrend. Mattes Papier, zugepflastert mit Luxusmodeanzeigen wie man es sonst nur von der "Vogue" kennt. Und dann allein das Format - das Ding soll einfach in keine Handtasche passen - iPad? Pah! Dass man die digitalen Kanäle dennoch strategisch mitdenkt, sieht man nicht nur am immer wieder Tumblr-haften Layout im Heft. Nein, das wurde schon klar, als bekannt wurde, dass man die Mitgründerin des Modefräuleinblogs "Les Mads", Jessica Weiß, zur Onlinechefin machte. Bei "Interview" heißt das übrigens "Executive Director Digital", noch so ein überkandidelter Titel.

Online gibt es nicht nur rasant geschnittene Making-of-Videos etwa zum Covershooting, sondern auch etwas, das seltsam aus der Zeit gefallen wirkt: fünf Dutzend Drei-Minuten-Portraits, statische Filmchen, und zwar ohne Ton. Iris Berben mit grauen Haaransätzen und geschlossenen Augen, der rauchende Kunstmäzen Christian Boros, ein ernster Lars Eidinger, die zähnefletschende Krawallsängerin Peaches. Das muss man erstmal machen.

Bevor das Heft am Kiosk lag, verteilte der Verlag Turnbeutel mit dem Heft an Unis. Bedruckt waren die Taschen mit dem Warhol-Satz "All is pretty". Auf das Heft trifft der Spruch wahrlich nicht zu. Viel zu harmlos für diesen Knaller.

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1. hä?
wakaba 27.01.2012
Gedruckter Dialog auf dünnem Hochglanz von lustigbebrilletendreitagebärtigen Glatzen im Rollkragen. Gespeist von russischem Geld aus zweifelhafter Quelle mit Lizenzzahlung nach Amerika und Rückfluss nach D. Och... warum kann ich mir nicht einfach die Mädchen anschauen und mir nichts dabei denken...
2. Perforierter Goldzobel
favela lynch 27.01.2012
Zitat von wakabaGedruckter Dialog auf dünnem Hochglanz von lustigbebrilletendreitagebärtigen Glatzen im Rollkragen. Gespeist von russischem Geld aus zweifelhafter Quelle mit Lizenzzahlung nach Amerika und Rückfluss nach D. Och... warum kann ich mir nicht einfach die Mädchen anschauen und mir nichts dabei denken...
Alles ist zu offensichtlich. Lana, wer sonst, del Rey - natürlich. Nun, wenn Mutter Russland bezahlt, kann es gar nicht offensichtlich genug sein. Das ist natürlich auch kein Angriffsprodukt gegen das Netz, es ist lediglich ein Produkt der vulgärer Verschwendung. Big size. Big names. Big money. Esprit interdit. Ich wünsche mir auch schon so lange perforierten Goldzobel von der Rolle. Wenn nur nicht der Abfluss immer so verstopfen würde. Wem sag ich's. Mich interviewed ja keiner.
3. "das ist große Magazin-Kunst, bei der Text und Mode effizient aufeinanderknallen."
nichtdiemama 28.01.2012
Jo! Dolle Wurst. Und so zeitgemäß. Wie Dampfantrieb für Schienenfahrzeuge. Leider wird die "große Magazin-Kunst" letal enden. Noch 2012.
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