Deutsche im Krisenjahr Dickes Fell unterm Heizpilz

Sollte 2009 nicht das Jahr des Absturzes sein? Von Klimakrise und Wirtschaftsdesaster? Von wegen: Die Deutschen blieben cool und strichen lieber die Abwrackprämie ein. Aber der größte Test für unsere sommermärchenhafte Gelassenheit steht noch bevor.

Wirtschaftskrise? Wir? In Deutschland hatten 2009 selbst Börsianer wieder was zu lachen
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Wirtschaftskrise? Wir? In Deutschland hatten 2009 selbst Börsianer wieder was zu lachen

Von Reinhard Mohr


Das Krisenjahr 2009 ist fast vorbei, und manch einer reibt sich die Augen: War da was? Und wenn ja: Was denn genau? Wie im Rausch verflog die Zeit, und ginge es nach den apokalyptischen Vorausahnungen zum letzten Jahreswechsel, hätten wir eigentlich keine Chance gehabt, dem Untergang zu entrinnen. Nichts würde wie vorher sein.

Der "neoliberale Raubtierkapitalismus" schien praktisch schon erledigt, und massenhafte soziale Unruhen loderten bereits am Horizont. Sprunghaft ansteigende Massenarbeitslosigkeit und panikartige Konsumverweigerung würden das System endgültig zum Einsturz bringen.

Nur das dreibändige "Kapital" von Karl Marx erfreute sich rasant steigender Umsätze, und sein später Namensvetter Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, legte sogar ein handliches Remake auf: "Das Kapital", diesmal aus dem Geist der katholischen Soziallehre.

Fast ein wenig enttäuscht müssen wir heute feststellen: Der Untergang ist ausgeblieben, es wird fröhlich weitergewurstelt. Aus der Asche seiner selbst erhebt sich das Medusenhaupt des Finanzkapitalismus und verteilt schon wieder milliardenschwere Boni, für die letztlich der treue Steuerzahler bürgt und sonst niemand. Die unzähligen Talkshows haben nichts daran ändern können: Der Ringkampf zwischen Wahnsinn und Vernunft geht unvermindert weiter.

Und doch bringt er immer wieder wundersame Zwischenergebnisse hervor. Eines davon lautet: Die Deutschen sind krisenresistenter als gedacht. Schon wurde dem germanischen Völkchen mit ausgeprägtem Migrationshintergrund seit der Schlacht im Teutoburger Wald eine neue Coolness attestiert, und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy scheint neuerdings ganz vernarrt zu sein in die eigenartige deutsche Erfolgskultur zwischen Abwrackprämie und Kurzarbeitergeld, Wachstum per Beschleunigungsgesetz und immergrünem Bioboom.

Gelernte Bundesbürger können da natürlich nur müde lächeln, denn jedem von uns fallen auf Anhieb zehn Gründe ein, warum sofortiges Auswandern die einzige Lösung ist - vom Wetter bis zur gekürzten Weihnachtszulage. Deutschland einig Jammerland - das stimmt immer noch.

Das Sommermärchen wirkt nach

Aber mehr und mehr mischt sich eine neue Abgeklärtheit in die gewohnt hysterischen Aufwallungen, eine individuelle Lebensklugheit, die längst weiß, dass nicht jede alarmistische Schlagzeile in den Medien für bare Münze genommen werden darf. Manchmal ist sie eben auch nur barer Unfug und eitle Wichtigtuerei. Das WM-Sommermärchen von 2006 hat offenbar doch Spuren hinterlassen.

Dazu kommt: Die sich immer irrwitziger drehende Spirale aus Katastrophenmeldungen und Desasterdrohungen stärkt eben auch ihr Gegenteil: Überdruss, Abstumpfung, Skeptizismus und jene Grundhaltung, die allen überbordenden Unheilsprognosen den intensiv gelebten Augenblick im Hier und Jetzt entgegensetzt - sei es der stille Spaziergang im Wald oder der spontane Kaufrausch im KadeWe.

Am Ende des großen Krisenjahres ist jedenfalls klar, dass es weniger schlimm kam, als befürchtet. Mehr noch: Bürger und Konsumenten haben das Beste daraus gemacht. Sie bewahrten überwiegend Ruhe, prüften ihre Konten, kalkulierten die Lage, bewerteten nüchtern die Restrisiken, gingen weiter zur Arbeit, kauften ein und versuchten bei alledem, es sich so gutgehen zu lassen wie eben möglich.

Auf diese Weise unterliefen sie lebenspraktisch und beinah stoisch alle steilen Prognosen mit branchentypisch schrillen Alarmmeldungen wie "Absturz noch schlimmer als befürchtet!", "Tiefer Fall jetzt noch tiefer!" und "Depression wie 1929!". Hilfe!

Besser leben für alle

Vielleicht haben sie dabei auch intuitiv jene Erkenntnis gespürt, die Egon Friedell in seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit" schon vor 80 Jahren formulierte: "Überall, wo sich Neues bildet, ist Schwäche, Krankheit, Dekadenz. Auch die bekannte Krankheit, die als 'Nervosität' beschrieben wird, ist nichts anderes als eine erhöhte Perzeptibilität (Wahrnehmungsfähigkeit) der Reaktion, eine reichere und kühnere Assoziationsfähigkeit, mit einem Wort: Geist. Je höher ein Organismus entwickelt ist, desto nervöser ist er."

Die Kunst der fortgeschrittenen Krisenbewältigung in Zeiten der Globalisierung bestünde also darin, die Komplexität der Herausforderung anzunehmen, ohne sich ihren nervenzerfetzenden Wirkungen auszuliefern: ein Balanceakt von Geist und Emotion, Intellekt und Psyche. Eine gesunde Portion Robustheit, Lebenswille und Verdrängungsakrobatik verbände sich mit jenem abgeklärten Realismus, der letztlich zu klug ist, um sich auf Dauer selbst betrügen zu wollen.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
wolbek 01.01.2010
1. Danke
Das war ja mal ein schöner Artikel zum neuen Jahr, danke Herr Wagner. Was für ein elender Quatsch, und extrem ärgerlich zum Frühstück an Neujahr zu lesen. klopfen sie sich da selber auf die Schulter, wie toll sie es geschafft haben, mitzuhelfen, die Menschen auch in diesem Jahr weiter entschluss und tatenlos zu halten, und ihr Schiksal stumm hinzunemen, weil ja eh keiner da ist den das interessiert? Sommermärchenhafte Coolness- ich glaub ich muss brechen.
klaus1201, 01.01.2010
2. Typisch...
Zitat von sysopSollte 2009 nicht das Jahr des Absturzes sein? Von Klimakrise und Wirtschaftsdesaster? Von wegen: Die Deutschen blieben cool und strichen lieber die Abwrackprämie ein. Aber der größte Test für unsere sommermärchenhafte Gelassenheit steht noch bevor. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,668871,00.html
...*"Weiter so"-Mohr*. Und schuld sind die, die die eigenen Fehler anprangern, statt nur die Fehler der anderen sehen - gell lieber Reinhard ;-(((
aschu0959 01.01.2010
3. ichwillkeinentitelangebenmüssen
Zitat von sysop; " Sollte 2009 nicht das Jahr des Absturzes sein? Von Klimakrise und Wirtschaftsdesaster? Von wegen: " Und weil das Jahr 2009 nun vorüber ist bleibt der Absturz aus? Gemach, gemach, das dicke Ende wird früher kommen als uns lieb sein könnte.
Spinatwachtel 01.01.2010
4. Bravo!
Sie haben mir aus der Seele gesprochen! Ich danke Ihnen für diesen Artikel.
Jejeo, 01.01.2010
5. Herzerfrischend
Nun, bei mir war der Neujahrseffekt mehr ein umgekehrter als bei Herrn Wolbek. Endlich mal ein bisschen Klartext am Jahresanfang, bevor die politischen Nebelmühlen wieder alles dicht machen. Insbesondere die Verlogenheit der deutschen Afghanistan Debatte und die dauernden Betroffenheitsriten der professionellen pazifistischen Realitätsverweigerer lassen einen manchmal nur noch mit dem Kopf schütteln. Aber das kennen wir ja seit Jahren. Ein dickes Fell und weniger Aufgeregtheiten wären oftmals schon durchaus angezeigt. Wenn es sich denn dabei um eine gesunde Robustheit handeln würde. Ich frage mich allerdings manchmal, ob es nicht lediglich die Bequemlichkeit im eingerichteten Wohlstands- und Sozialsystem mit "intellektuellem" Vorabendprogram ist, die alles andere verdrängt. Der physikalische Beharrungsmoment einer Masse bevor sie sich bewegt, steht in direkter Relation zu ihrer Größe oder anders, wer sich einmal eingerichtet hat, bedarf einigen Anschubs, um mit dem Allerwertesten aus dem Sessel zu kommen.
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