Deutsche Sprache Multikulti im Endstadium

Politiker und Medien streiten noch immer, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist - unsere Sprache ist da schon weiter. Das wird um Silvester besonders deutlich.

Deutschlehrerin
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Eine Kolumne von


Wussten Sie, dass der Silvestergruß "einen guten Rutsch!" vielleicht aus dem Jiddischen kommt? Abgeleitet vom hebräischen "Rosch ha-Schana", dem jüdischen Neujahrstag. Viele Worte, die wir heute wie selbstverständlich verwenden, zeugen davon, wie international unsere Sprache ist. Und ich meine damit nicht nur erkennbare Worte wie Shitstorm oder dass man nicht mal "Multikulti ist tot" sagen kann, ohne ein Fremdwort zu benutzen.

Im Deutschen findet sich viel Englisch, Französisch, Spanisch, Jiddisch, Latein, ja sogar Arabisch. Der Alkohol, den Sie am Silvesterabend zu sich nehmen zum Beispiel, oder das Sorbet zum Nachtisch, das Sofa, auf dem Sie danach lümmeln, die Matratze, auf die Sie sich legen - alles "Arabismen", semantische Importe aus dem Arabischen. Sprachen sind nun mal hybrid und passen sich automatisch ihrer Umwelt an. Über Tausende von Jahren.

Unsere Sprache ist also weiter als unsere Talkshows. Während sich auf der Mattscheibe noch Politiker darüber streiten, ob wir ein Einwanderungsland sind, gehört der "Döner" samt Deklinationstabelle längst zum Vokabular des Duden. Und die Wissenschaft erklärt Kiezdeutsch (PDF) zur "Sprachform mit geschlossenem Anwendungsbereich".

Falls Sie mit dem Begriff "Kiezdeutsch" nicht gleich etwas anfangen können: Wenn im neuen Jahr der Schlussverkauf startet, kann man in der Berliner U-Bahn Sätze hören wie: "Gestern isch war Ku'damm, bei H&M. Isch guck so, alles Rabatt, ischwöre." Dieser melodische Slang "mit geschlossenem Anwendungsbereich" (unter Jugendlichen) findet sich keineswegs nur bei Migrationshintergründlern.

Und das bringt natürlich unsere besorgten Volksfreunde auf den Plan, die Gefahr vom germanischen Wortschatz abhalten wollen. Den fortgeschrittenen interkulturellen Sprachspagat empfinden sie, aber nicht nur sie, als negativen Einfluss auf ein deutsches Kulturgut. "Deutsche Sprache driftet ins Türkische ab" titelte die "Welt" schon vor über zehn Jahren: "Geahnt haben wir es schon lange, jetzt spricht es ein Wissenschaftler aus: In die Sprache der Jugendlichen schleichen sich zunehmend Versatzstücke und Sprachkonstruktionen aus dem Türkischen und Arabischen ein." Ja, sakra! Die Türken, schon wieder. Sie erobern nicht nur durch Geburten, sondern auch durch gebrochenes Deutsch.

Um die Kontrolle nicht zu verlieren, haben wir nach jahrelangen Debatten sogar einen "Bericht zur Lage der deutschen Sprache" eingeführt (der erste von 2013 , der zweite von 2017). Der gibt allerdings Entwarnung: Alles in bester Ordnung, liebe Leute, unsere Sprache wächst und gedeiht. Die Vorstellung, es würden sich "Versatzstücke" aus Subkulturen einschleichen, sei eher weltfremd.

Hier kommt also der letzte Heimatkunde-Stoff im Jahr 2018:

Die deutsche Sprache ist eine einzige Zusammenstellung von subkulturellen Versatzstücken. Schon immer haben sich Soziolekte von Randgruppen eingeschlichen. Und damit sind nicht nur Ethnoslangs gemeint, wie das "Ghettolektuellen"-Deutsch von Kunstfigur Jilet Ayse ("Wallah, wenn ihr uns beim Deutschsein nicht mitmachen lasst, dann ficken wir eure Grammatik!"). Unser Wortschatz besteht zu einem großen Teil aus historischer Straßensprache. Redewendungen wie abzocken, keinen Bock mehr haben oder pennen gehen stammen zum Beispiel aus dem Rotwelschen.

Und dann ist da natürlich unsere Hochsprache. 1880 gab Gymnasialdirektor Dr. Konrad Duden erstmals ein "Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache" heraus, in dem 27.000 Wörter standen. Heute führt der Duden 145.000 Wörter auf - und das sind nur die Must-haves". Insgesamt schätzen Experten unsere Sprache auf mindestens 300.000 Grundwörter und weit über fünf Millionen Begriffe.

Spannendes Detail: Selbst die Intellektuelleren unter uns beherrschen nur einen Bruchteil davon. Der Durchschnittsdeutsche kennt etwa 12.000 bis 16.000 Wörter. Das heißt: Zwei Leute können Deutsch reden und trotzdem nur eine winzige Schnittmenge haben. Deutsch ist nicht gleich Deutsch. Eigentlich ist es ein kleines Wunder, wenn man sich gut versteht.

In der Kolumne Heimatkunde schreibt Ferda Ataman über Migration, Politik und Gesellschaft.

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Ich bin neugierig, wie das mit den Fachkräften laufen soll, wenn der Bundestag nächstes Jahr das geplante Einwanderungsgesetz durchwinkt. Darin steht ernsthaft, dass die dringend gebrauchten Fachkräfte schon vor ihrer Ankunft Deutsch können sollen. Als wäre es die Lingua Franca, die Krankenpfleger und IT-Techniker überall auf der Welt in der Berufsschule belegen. Lassen wir mal die Absurdität dieser Anforderung beiseite, bleibt immer noch die Frage: Welches Deutsch sollen die Neuzuwanderer lernen? Amtsdeutsch oder Alltagssprech? Bayerisch oder Sächsisch?

Auch bei den neuen Geflüchteten frage ich mich oft, wie sie zurechtkommen. Kann man es ihnen übelnehmen, wenn sie zu Besuch im Wohnzimmer sagen, "ein schönes Ankunftszentrum haben Sie hier"? Vielleicht finden die Stilblüten aus dem Asyldeutsch auch bald ihren Weg in unsere Alltagssprache.

Übrigens gibt es natürlich längst türkische Worte im Deutschen, die man gar nicht bemerkt. Das Wort "Hurra" zum Beispiel. Bei der Belagerung Wiens im 16. Jahrhundert spornten sich die osmanischen Soldaten mit dem Kriegsruf "Vur, haaa!" an, übersetzt "Schlag drauf!". Mit der Zeit wurde daraus offenbar unser Siegesruf Hurra.

In diesem Sinne: Schlag drauf! Guten Rutsch! Und frohes Neues.

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Kolumne - Heimatkunde


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oliver61 29.12.2018
1. Thema verfehlt!
Richtig ist, daß die deutsche Sprache zahlreiche Begriffe enthält, deren Ursprung sich in anderen Sprachen findet. Zum Teil werden sogar Begriffe in Anlehnung an andere Sprachen in Deutschland erfunden (z. B. "Handy" für Mobiltelefon. Der Begriff "Handy" wird von Engländern nicht benutzt). Das alles hat nichts, aber auch gar nichts mit der Frage zu tun, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Ist es natürlich nicht. Ein Einwanderungsland ist ein dünnbesiedeltes Land, daß zum Zwecke seiner wirtschaftlichen Entwicklung auf Zuzug angewiesen ist und aufgrund der dünnen Besiedlung auch die Möglichkeit der Zuwanderung bietet. Deutschland ist sehr dicht besieselt. Die Infrastruktur (Straßen, Schienenverkehr) kann die Mobilitätsansprüche von Wirtschaft und Gesellschaft kaum noch bewerkstelligen. Wohnraum- und Grundstücke sind knapp, die Mieten und Grundstückspreise explodieren. Durch Zuzug verschärft sich diese Situation, da hierdurch die Nachfrage steigt. Ein Verdrängungswettbewerb findet statt. Auf dem Arbeitsmarkt besteht ebenfalls kein Bedarf. Wir haben einen Sockel von über 2 Milliionen Arbeitslosen. Soweit diese nicht ausgebildet sind, liegt dies daran, daß zu wenig Geld in die Bildung der einheimischen Bevölkerung gesteckt wird. Das alles sind die Kriterien, nach denen die Frage beurteilt wird, ob ein Land ein Einwanderungsland ist. Nicht nach der Sprache.
afropower 29.12.2018
2. Englisch und Deutsch
Ich habe Englisch mit der deutschen Sprache verglichen und tausende Wörter gefunden die in etwa gleich geschrieben/ausgesprochen werden. Manche Wörter sind sogar identisch und werden exact gleich geschrieben.
ubd57 29.12.2018
3. Schlimme, entsetzliche und traurige Entwicklung
Goethe und Schiller würden sich im Grabe umdrehen. Kein Wunder, wenn sich die Zugezogenen, Immigranten und Asylanten keine Mühe machen müssen, um im Land der ehemaligen Dichter und Denker sich irgendwie durchs Leben zu schlagen. Ich halte nichts von Multikulti. Bestimmte Entwicklungen in vielen Städten Westdeutschlands und meiner Heimatstadt Berlin bestätigen mich immer wieder in meiner Haltung.
intercooler61 29.12.2018
4. Deutsch ist per definitionem eine "Straßensprache"
Das Adjektiv "deutsch" gab der Sprache ihren Namen und diese wiederum unserem Land. Es bedeutet soviel wie "volkstümlich" oder (Sprache) "der einfachen Leute", in Abgrenzung zum Latein der Kleriker und zum Französisch der Adligen. Etymologisch korrekt sind wir also "das Land der einfachen Leute" (oder, genauer: das Land das deren Sprache spricht). Nun muss man das als "einfacher Mensch" nicht unbedingt wissen und kann gleichwohl großartiger Leistungen fähig sein. Aber den Einfluss des Straßenslangs auf die deutsche Sprache zu beklagen, zeugt von fehlender Bildung in diesem Metier. Es ist ähnlich verräterisch wie die (in Foren oft anzutreffende) Großschreibung beim Gebrauch als Adjektiv.
Datenscheich 29.12.2018
5. Argument
Bei meinen Besuchen in Schulen, die hier in Berlin manchmal nur nur noch ein einziges 'rein-deutsches' Kind aufweisen, ist das beste Argument gegenüber den Klassen, sich beim Deutschunterricht den A**** aufzureißen, die exzellenten Stundensätze, die ich als Simultandolmetscher (Arabisch-Deutsch) verdiene. Da klappt den Jungs der Unterkiefer runter - und die Mädchen vergessen gar, ihre Kaugummis weiter zu malträtieren. Erfolg!!
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