Deutsche Street Art: Kuckucksuhren mit Handgranaten

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Kuckucksuhren, Trachten, Schwarzwaldidyll: Die süddeutsche Provinz wird nicht unbedingt mit urbaner Street Art in Verbindung gebracht. In seinen Uhren-Skulpturen lässt der Künstler Stefan Strumbel Rebellentum und Tradition heftig aufeinanderprallen - und hat Erfolg.

Als der "Stern" im vergangenen Jahr Karl Lagerfeld zu dessen 75. Geburtstag sieben Seiten widmete, stand der Geschichte ein eigenartiges Foto voran: Der Jubilar ist darauf im Profil abgebildet, rechts von ihm hängt eine überdimensionale Kuckucksuhr an der Wand, verziert mit grellbunten Schnitzereien und einer Sprechblase. Der Text: "What the fuck is Heimat?"

Für den Leser blieb das ungetüme Ding ein Rätsel. "Lagerfeld mit Kuckucksuhr-Skulptur in seinem Studio in Paris. Ein Selbstporträt des Meisters eigens für den 'Stern'", hieß es schlicht in der Bildunterschrift. Für Stefan Strumbel, 29, jedoch war es nichts weniger als "der Ritterschlag". Als Lagerfeld seine Strumbel-Uhr geschenkt bekam - es war ein Mitbringsel der Offenburger Hubert Burda Media zu einem Fotoshooting für ein Frauenmagazin - verglich er sie mit einem "Blumenstrauß aus Nizza", er sagte: "Ein neuer Ausdruck von deutscher Kultur, das ist sehr stimulierend." Besser hätte es nicht kommen können, sagt Strumbel, reißt die Augen auf und wiederholt: "Lagerfeld."

"1996: Erste Verhandlung wegen Sachbeschädigung"

Seit fünf Jahren entwirft und lackiert Strumbel in seiner Heimatstadt Offenburg Kuckucksuhren, einige Exemplare hängen derzeit in der Vicious Gallery in Hamburg, einer der etabliertesten der deutschen Street Art. Strumbel ist in der Szene bekannt, er gewann 2007 das erste Graffiti-Stipendium der Welt, seine Kunst hing in Berlin, München, New York, Miami. Auf der Kunstmesse Art Karlsruhe wird er in dieser Woche neben dem international anerkannten Installationskünstler Daniel Buetti gezeigt. Der junge Künstler kann von seiner Arbeit gut leben, er bekommt Anfragen aus aller Welt.

Wer versteht, warum Strumbel sich gerade von Karl Lagerfeld wie von niemandem sonst geadelt fühlt, lernt viel über das, was derzeit mehr und mehr die Gallerien erobert: Die Kunst, die von der Straße kommt.

Die Anfänge des Künstlers Stefan Strumbel sind typisch für die Szene: Als Jugendlicher begann Strumbel zu sprayen, er bemalte Wände und Züge, illegal natürlich. "1996: Erste Verhandlung wegen Sachbeschädigung durch Graffiti" steht in seinem Lebenslauf. Es ist die übliche, oft erzählte Geschichte vom unverstandenen Schmierfink, der zum ernstzunehmenden Künstler wurde.

Doch es gibt Gründe, warum diese Vorgeschichte für die Kunst von Strumbel wichtig ist: "Die Technik, sich aus der Masse herauszubilden, lernt man beim Sprayen", sagt er. Aufmerksamkeit erlangen - schon immer war es dieser Drang, der die Kunst aus der Dose antrieb. Als in den siebziger Jahren die ersten Waggons der New Yorker Subway mit bunten Schriftzügen in Manhattan gesichtet wurden, war die Botschaft aus der Bronx angekommen: Es gibt uns - und wir können was. Dazu der Wille nach Fame, nach Ruhm, nach einem Namen, der in der Szene bekannt ist.

Drang nach Aufmerksamkeit

Darum geht es auch heute noch - ob in New York oder Offenburg. Das eigene Können zeigen, möglichst individuell, mit einem eigenen Stil bekannt werden, einer immer wieder verwendeten Figur. Es geht um Markenzeichen. Jede Kunstrichtung unterscheidet sich von anderen durch ihre Eigenheiten, jeder Künstler ist durch sein Schaffen ein Unikat. Doch in der Graffitikunst wie auch in der Street Art spielt die Erkennbarkeit eine so große Rolle, wie sonst kaum.

Shepard Fairey, besser bekannt als Obey und einer der ersten internationalen Stars der Street Art, wurde etwa in den neunziger Jahren mit dem Gesicht des Wrestlers André the Giant weltweit berühmt: Er druckte seine Porträts auf Tausende Aufkleber. Zuletzt sorgte er mit einem stilisierten Porträt von Barack Obama für Furore, das sogar auf den Titel des "Time Magazine" gelangte. Oder der Brite Banksy, dessen wahre Identität weiterhin unbekannt ist, was ebenso dessen Markenzeichen wurde wie seine mit Schablonen auf Wände gemalten Botschaften.

Es ist diese Bedeutung von Markenzeichen und Wiedererkennungswert, die Karl Lagerfeld für Strumbel zu einer Art Ikone macht: "Die Sonnenbrille, der Pferdeschwanz, der hohe Kragen, seine Art zu sprechen: Den erkennt jeder sofort". Lagerfeld ist als Figur zitierfähig, er taucht in einem Computerspiel auf, es gibt ihn als Steiff-Bär. Im "Stern" stand nun die Weltmarke Lagerfeld neben dem Markenzeichen Strumbels. Sein Wrestler-Konterfei ist die Kuckucksuhr, seine Botschaft eine Frage: "What the fuck is Heimat?"

Bollenhüte als Urbild deutscher Tradition

Die Frage wurde ihm selbst gestellt, als seine Kunst vor rund drei Jahren in Colorado gezeigt wurde. "Heimat" hieß die Ausstellung, für die Besucher ein unbekanntes Wort, für Strumbel schwer zu übersetzen. "Es gibt im Englischen kein eigenes Wort für Heimat", sagt er. Die Beziehung zwischen Mensch und Raum, versuchte er eine Definition, die er jedoch selbst für unzureichend hält. Es ist genau diese Ungewissheit, die er in seiner Kunst verarbeitet. "Manche verbinden mit Heimat einen Ort, andere ein Gefühl, aber jeder strebt danach, eine zu haben".

Strumbel lebt und arbeitet in Offenburg: Provinzstadt, Schwarzwald, Idylle. Eine Region, deren Tradition und Kultur Heimatsymbole für ganz Deutschland enthält: Hier wurde 1950 "Schwarzwaldmädel" gedreht, es war der Beginn des Heimatfilms, der scheinbar heilen deutschen Welt in Farbe. Bollenhüte, die Trachten des Schwarzwalds, wurden zum Urbild deutscher Tradition, der Schwarzwald zur deutschen Kulisse schlechthin. Dazu die Kuckucksuhr: "Wenn ich mit Leuten in Deutschland über Heimat spreche, egal wo, die Kuckucksuhr wird immer wieder genannt, sie steht für ein deutsches Heimatgefühl", sagt Strumbel.

"Who killed Bambi?"

Strumbel setzt die Uhren und Trachten bewusst als Träger von Tradition ein, um sie mit grellen Farben, provokanten Schnitzereien oder subtilen Texten zu brechen: Seine Uhren verziert er mit Handgranaten, an ihren Rücken bringt er Knochenkreuze an, das Ziffernblatt wird oft flankiert von erlegtem Getier, lackiert in neongrün oder metallicblau. Auch auf seinen Bildern bricht er die Symbole, legt einer Bollenhutträgerin ein Palästinensertuch um, zeigt die militante Variante des Heimatgefühls, um sie wieder zu verharmlosen: Die Frau hat zwar eine Waffe im Anschlag, doch es ist ein Luftgewehr. "Who killed Bambi?" hat er das Bild überschrieben, wer hat die Heimat zerstört?

Für Strumbel stellt sich diese Frage auch in der deutschen Street Art: "Deutsche Künstler achten wenig darauf, wo sie selbst herkommen, die gucken vieles in den USA ab." Strumbel holt das Genre, das bisher vor allem die Kunst der Metropolen, der urbanen Räume war, in die deutsche Provinz - und die freut sich. "Der Kuckucksuhrenverband steht hinter mir, die lassen mich machen."


Rüdiger Glatz: "Stefan Strumbel - What the fuck is Heimat", Edition Braus, Heidelberg; 200 Seiten; 49,90 Euro.

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Stefan Strumbel: Street Art trifft Tradition