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Studie zu religiösen Vorurteilen: Wissen über Koran baut Islam-Angst ab

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Pegida-Demonstrant mit Aufkleber: Wissenslücken schließen Zur Großansicht
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Pegida-Demonstrant mit Aufkleber: Wissenslücken schließen

Wie fest sitzen Islam-Klischees bei den Deutschen? Und wie leicht lassen sie sich erschüttern? Eine Studie hat untersucht, ob Aufklärung gegen religiöse Vorurteile hilft.

Was tun gegen "patriotische Europäer", die gegen eine angebliche "Islamisierung des Abendlandes" auf die Straße gehen und dabei teils fremdenfeindliche Parolen brüllen? Wie Vorurteile und Hysterie eindämmen, nachdem Terroristen im Deckmantel des Islam siebzehn Menschen im Herzen von Paris erschossen haben? Aufklären, sagen viele. Information als Mittel gegen eine Aufspaltung der Gesellschaft und gegen eine Pauschalverurteilung aller Muslime.

Also klären die Medien darüber auf, dass eine Islamisierung der Bundesrepublik angesichts von gerade einmal 4,5 Millionen Muslimen in Deutschland nicht zu befürchten ist. Dass Terroraktionen wie in Paris von einem Großteil der Muslime scharf verurteilt und als nicht vereinbar mit ihrem Glauben bezeichnet werden. Das Dilemma: Dies und viele Fakten mehr sind längst zigmal besprochen worden. Trotzdem haben die "patriotischen Europäer" - zumindest in Dresden - weiterhin Zulauf, durch den Anschlag auf "Charlie Hebdo" fühlen sich die Organisatoren bestätigt.

Kann die Vermittlung von Wissen da tatsächlich etwas ausrichten? Oder werden die Fakten ohnehin zugunsten einer gefühlten Wahrheit ausgeblendet?

Starre Überzeugungen hinterfragen

Eine erste Antwort könnte nun eine Studie geben, die von der Arbeitsgruppe Klinische Neuropsychologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) durchgeführt wurde. Unter dem Titel "Auch Muslime lieben Jesus...?!" wurde die Einstellung von 1715 Bundesbürgern zu Islam, Christentum und Judentum online abgefragt - einmal vor und ein zweites Mal nach einem Wissenstest und anschließender Aufklärung zu den Inhalten der jeweiligen heiligen Schrift. Erhoben wurden die Daten im Herbst vergangenen Jahres - also noch vor "Pegida" und dem Anschlag auf "Charlie Hebdo".

Der Untersuchungsaufbau ist dem sogenannten Metakognitiven Training entlehnt, das in der klinischen Psychologie bei Patienten mit Wahnvorstellungen angewendet wird, erklärt der Psychologieprofessor Steffen Moritz vom UKE. Dabei sollen Patienten lernen, starre Überzeugungen zu hinterfragen. Beispielsweise wird ihnen ein Bild eines Mannes gezeigt, auf dem nur sein erröteter Kopf zu sehen ist. Läuft der Mann gerade einen Marathon oder ist er wütend? Die Übungen verführen dabei absichtlich zu falschen Antworten. Die Teilnehmer sollen so lernen, die eigenen Annahmen zu hinterfragen.

Zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Freiburg und des Max-Planck-Instituts in Berlin hat die Hamburger Arbeitsgruppe die Anordnung nun abgewandelt und auf das Themenfeld der Vorurteile gegenüber religiösen Gruppen angewendet. Dazu fragten die Forscher zunächst nach der Einstellung zu Islam, Christentum und Judentum. Auf einer Skala von 1 (sehr positiv) bis 7 (sehr negativ) sollten die Befragten einordnen, für wie friedlich, tolerant und fortschrittlich sie die jeweilige Religion halten. Anschließend wurde ein Wissenstest mit elf Fragen und jeweils vier Antwortmöglichkeiten vorgelegt.

60 Prozent der Fragen falsch beantwortet

Fragen und Behauptungen waren etwa: "Welche religiöse Schrift benennt ein ganzes Kapitel nach Jesus' Mutter Maria?", "Ist die weibliche Genitalverstümmelung ein grausamer Brauch des Islam?" und "Die Steinigung ist eine Strafe der Scharia (religiöses Gesetz des Islam); die Glaubensregeln der Juden und der Christen kennen diese Strafe nicht."

Im Schnitt beantworteten die Probanden etwa 60 Prozent der Fragen falsch. Fast ein Viertel der Befragten glaubte, dass die Beschneidung bei Frauen dem Islam entstamme; dass die Steinigung einzig in der Scharia auftauche, nahmen 14 Prozent an. Zwei Drittel hingegen wussten, dass diese Bestrafung ebenso im Alten Testament steht. Dass Jesus auch von Muslimen als Prophet verehrt wird, wussten nur knapp ein Drittel der Befragten. Im Anschluss an den Test wurden die korrekten Antworten angezeigt und teils mit explizitem Verweis auf Textstellen erläutert.

"Wir haben Themen gewählt, von denen wir denken, dass sie relevant sind für das Verständnis der unterschiedlichen Religionen", erklärt Psychologe Moritz. Man habe aber auch gezielt Islam-Klischees abfragen wollen. Letztlich gehe es darum, Zweifel zu säen an festgefügten Meinungen. Ob diese Zweifel dann auch zu einer Änderung der Einstellung führen, sollte der dritte Teil der Untersuchung zeigen, bei dem nochmals die Einstellung zu den Religionen abgefragt wurde - nun waren die Studienteilnehmer ja schon informiert über ihre falschen Annahmen.

Studie "Auch Muslime lieben Jesus..?!"

Das Ergebnis: Vor allem die Befragten mit einem sehr negativen Bild vom Islam rückten davon teils wieder ab. Vorher hatten knapp 57 Prozent angegeben, den Islam als sehr intolerant einzustufen; hinterher waren es noch 43 Prozent. Für sehr rückwärtsgewandt hielten den Islam zunächst etwa 55 Prozent der Befragten. Nach der Befragung und anschließenden Belehrung lag ihr Anteil bei knapp 41 Prozent.

Von den 44 Prozent, die den Islam als sehr kriegerisch einschätzten, rückten hingegen nur zwei Prozent wieder ab. Christentum und Judentum kamen nach der Befragung im Schnitt etwas schlechter weg. So wurden die Christen beim zweiten Durchlauf als weniger friedlich eingeschätzt (siehe Grafik).

Moritz selbst war von den signifikanten und recht starken Änderungen überrascht. "Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute so schnell beidrehen", sagt er. Durch die neue Information sei die alte Einstellung überschrieben worden.

Sein Fazit? "Jeder sollte sich mit den Schriften der Religionen auseinandersetzen - und nicht nur Ende Dezember mit der Weihnachtsgeschichte der Bibel." Es sollte aber nicht ausgeblendet werden, dass diese immer auch Missbrauchs-Potenzial bärgen. Der Katholizismus beispielsweise könne weder mit den Taten von Mutter Teresa noch mit den Hexen-Prozessen des Mittelalters gleichgesetzt werden.

Was die Studie nicht beantworte, sei die Frage danach, wie nachhaltig die Einstellung durch neue Informationen beeinflusst werde. Das könne in einer nächsten Studie untersucht werden. Einige der Befragten hätten den Forschern zudem vorgeworfen, die Fragen manipulativ gestellt zu haben. Am Ende komme es sowieso nur darauf an, wie die Schriften ausgelegt würden, war eine weitere Kritik. Letztlich könne man aber nur diskutieren und kritisieren, wenn man die Schriften kennt, hält Moritz dagegen. Viele Befragte hätten sich hinterher bei den Forschern sogar bedankt.

Mitarbeit: Guido Grigat (Grafik)

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