Streit übers Tiananmen-Massaker Deutsche Welle trennt sich von chinesischer Mitarbeiterin

Aus Wut über einen Kollegen setzte die chinesische Journalistin Su Yutong einen Tweet ab - und darf nun nicht mehr für die Deutsche Welle berichten. Vorausgegangen war eine hitzige Debatte über das Tiananmen-Massaker von 1989.

Journalistin Su Yutong: "Instinktlosigkeit gegenüber den Opfern"

Journalistin Su Yutong: "Instinktlosigkeit gegenüber den Opfern"

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Hamburg/Bonn - Der 25. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) in Peking ist kaum vorbei, jetzt sorgt eine Debatte darüber für einen Eklat bei der Deutschen Welle (DW). Der Sender hat die Zusammenarbeit mit der chinesischen Journalistin Su Yutong beendet, wie DW-Sprecher Johannes Hoffmann SPIEGEL ONLINE bestätigte. Su hatte zuvor eine Petition gegen den Kolumnisten Frank Sieren verbreitet, der auf der Webseite des Senders die Alleinschuld der chinesischen Regierung an dem Blutbad relativiert hatte.

In dem Fall, über den zuerst die Journalistin Rose Tang in ihrem Blog geschrieben hat, geht es um die Bewertung der Tiananmen-Proteste vom 4. Juni 1989. Die Regierung ließ die Demonstrationen damals mit Panzern niederschlagen, mindestens 241 Menschen starben. Frank Sieren, der seit 20 Jahren in Peking lebt und dort ein Medienunternehmen betreibt, und der in Deutschland lebende Chinese Chang Ping hatten in Beiträgen auf der DW-Homepage über das Massaker gestritten.

Chang Ping äußerte wiederholt die Ansicht, allein die chinesische Regierung sei für die blutige Eskalation verantwortlich. Sieren schrieb hingegen: "Niemandem ist geholfen, wenn im Westen die Ereignisse einseitig überzeichnet werden." In einem zweiten Artikel forderte er von Ping "Fairness statt Wut" und warf ihm in einem dritten Beitrag "maßlose Übertreibung" vor.

"Wir brauchen nicht nur die Meinung von Dissidenten"

An dieser Debatte beteiligte sich schließlich auch Su. Die Bloggerin, die über den Fall inzwischen auch selbst geschrieben hat, unterzeichnete eine Petition, die sich gegen Sierens Thesen richtet. In dem offenen Brief an den DW-Intendanten Peter Limbourg heißt es unter anderem: "Auch wenn Herr Sieren das Gegenteil versichert, können seine Formulierungen nur als Relativierung und Beschönigung der Geschehnisse von 1989 und als Instinktlosigkeit gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen verstanden werden."

Su verbreitete die Petition über ihren Twitter-Account, außerdem postete sie eine Fotomontage: Darauf ist unter anderem Frank Sieren auf einem der Panzer zu sehen, die im Juni 1989 über den Platz des Himmlischen Friedens rollten. "Die Verantwortlichen bei der Deutschen Welle sagten daraufhin, ich hätte DW-Regelungen verletzt, indem ich die Nachricht über Sieren verbreitet habe", erklärte Su auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Am Dienstag habe Programmdirektorin Gerda Meuer sie über das Ende der Zusammenarbeit informiert.

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DW-Sprecher Johannes Hoffmann sagte SPIEGEL ONLINE, dass Sus zum Jahresende auslaufender Rahmenvertrag nicht verlängert werde und sie ab sofort keine Aufträge mehr erhalte. Ihr Verhalten habe das "Vertrauensverhältnis gestört", weil sie "aktiv gegen Führungskräfte und Redaktionsmitglieder agitiert" habe. "Das muss kein Unternehmen hinnehmen", sagte Hoffmann.

Die Meinungsfreiheit bei der Deutschen Welle sei hingegen gewährleistet - das habe die Debatte zwischen Chang und Sieren schließlich gezeigt. "Wir brauchen auch andere Perspektiven und nicht nur die Meinung von Dissidenten", sagte Hoffmann weiter. Nur so sei der Pluralismus in der Berichterstattung gewährleistet.

Es ist nicht das erste Mal, dass die China-Berichterstattung des Senders, der größtenteils vom bundesdeutschen Steuerzahler finanziert wird, für Aufsehen sorgt. 2008 war bekannt geworden, dass die dortige Redaktion des Auslandssenders in seinem chinesischen Programm offenbar propagandistische Inhalte nach dem Geschmack der Machthaber in Peking verbreitet hatte. Die Deutsche Welle ist der Meinung, dass dieser Vorwurf unberechtigt sei. Die leitende Redakteurin Zhang Danhong verlor daraufhin ihren Posten - nach Behauptung der DW allerdings nicht aufgrund inhaltlicher Fragen.

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