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Theaterthriller "dosenfleisch": Voll Karacho

Von

Theaterthriller "dosenfleisch": Crashtest für Philosophen Fotos
Reinhard Werner

Der Nachwuchsstar Ferdinand Schmalz serviert mal wieder Vollwertkost: ein Theaterstück mit übermütig-albernen Kalauern, deftig-derben Splatter-Motiven - und durchaus ernster Philosophie.

Es kracht gleich zu Beginn, und es kracht richtig: Die Percussionistin Katharina Ernst drischt auf ihr Schlagzeug ein, mit grimmigem Blick, schickt harte Beats über schweigende Schauspieler hinweg, über verrenkte Schauspielerkörper auf dem Bühnenboden, mitten hinein in den Bauch des Publikums. Krawumm. "dosenfleisch" heißt das Stück, das so krachend beginnt, und es handelt von: Unfällen.

Geschrieben hat es Ferdinand Schmalz, der schon mit seinem Debütstück "am beispiel der butter" 2014 für Furore sorgte und daraufhin in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" zum Nachwuchsautor des Jahres gewählt wurde. Damals hangelte er sich hochunterhaltsam von Molkerei-Metapher zu Molkerei-Metapher, von Milch-Wortspiel zu Milch-Wortspiel, und es war wirklich erstaunlich, welch ernste Gedanken er ganz nebenbei zu fassen bekam. Dieses Mal wortspielt er sich durch den Verkehr auf einer Autobahn. Sein Ziel erreicht er auch dort.

Das Stück "dosenfleisch" ist an der Oberfläche ein unterhaltsamer Theater-Thriller mit übermütig-albernen Kalauern und deftig-derben Splatter-Motiven. Und unter dieser Oberfläche: Philosophie. Schmalz' Figuren sind Raststätten-Philosophen, die die Raststätte und das an ihr vorbeirauschende Reiseleben theoretisch erörtern. Und es sind Crash-Fetischisten. Über nichts denken sie so leidenschaftlich und so klug nach wie über das Wesen des Unfalls.

Der Drive des Textes

Die Qualitäten des Textes haben auch die Jury überzeugt, die "dosenfleisch" aus 207 Einsendungen für die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin ausgewählt hat, neben zwei weiteren Stücken. Die Uraufführung, eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, eröffnete das zweiwöchige Festival am Samstag. Regie führte Carina Riedl. Sie lässt die Percussionistin nach dem Trommel-Intro nicht etwa aufhören, sondern permanent weiter trommeln, leiser natürlich, um aus dem Hintergrund den Drive des durchrhythmisierten Textes zu betonen.

Daniel Jesch tritt als Fernfahrer auf, der einem frühen Tarantino-Film entsprungen scheint, mit schwarzem Anzug, irrem Blick, Bart - und der passenden Stimme zum Bart: einer tiefen Hörbuchsprecher-Stimme, die klingt wie ein Onkel aus dem Autoradio und die fortan als Erzählerstimme durch das Stück führt. Zunächst aber erzählt er in einem ratternden Autobahn-Rhythmus, einzelne Formulierungen dreifach wiederholend, dass der umgekippte Lastwagen eines Kollegen ihn zum Halt auf Beates Raststation gezwungen hat: einer Raststation in der sogenannten Todeszone, in der es zu auffallend vielen Unfällen kommt.

Diese Statistik hat das Interesse des Versicherungsangestellten Rolf geweckt, eines voyeuristischen Perverslings, der Fotos von Verletzten sammelt und sie in Reiß-, Quetsch- und Schnittwunden kategorisiert. Tino Hillebrand spielt ihn als schmierig-glatten Typen, der Rollen unter den Sohlen trägt, über die Bühne gleitet und dennoch damit hadert, im Job nur zu funktionieren, sich reibungslos durch die Flure seiner Versicherung zu bewegen, so reibungslos wie ein Auto über eine freie Autobahn. Unfälle machen ihn an, weil in ihnen eine Möglichkeit aufscheint: die Möglichkeit, dass etwas Unvorgesehens passiert. Der Unfall als Glücksfall.

Die zwei Damen von der Raststätte

Vor Ort sucht Rolf nach Mustern und verborgenen Strukturen, die die Unfallhäufigkeit nahe der Raststätte erklären. Nicht ahnend, dass er eine Erklärung finden wird, die seinem Leben einen Schubs gibt, wie er ihn sich heftiger nicht ausmalen könnte.

Er trifft Jayne, eine ehemalige Fernsehschauspielerin, die einen rosafarbenen Undercut trägt und ein weißes, am Rücken offen stehendes OP-Hemd (Frida-Lovisa Hamann). Einst, so erzählt sie es, hatte sie einen "unverdellten Körper", makellos, den sie tagsüber in schmalen Scheinwerfer-Kegeln gefangen hielt, auf den Punkt konzentriert, und den sie nachts immer ausbrechen ließ, ohne Maß und Ziel durch die Nacht strömend, in einem Sportcoupé, "als wär das leben nur ein gleiten". Dann hatte sie einen Unfall - und nutzte den Unfall, um dauerhaft auszubrechen. Sie sah sich als "fleischsalat im wrack", als "dosenfleisch", wie es deftig-derbe im Titel des Stückes heißt. "mein ich hat da im fleischsalat die strenge form verloren. und ist man erstmal offiziell zu bruch gegangen, sieht man die vielheit da in sich, die möglichkeiten".

Jayne ließ sich von Beate aufpäppeln, der Raststätten-Betreiberin mit fleischrotem Haar und Fleischfoto auf dem Shirt (Dorothee Hartinger), und machte fortan gemeinsame Sache mit ihr. Ihre Mission: auch andere Menschen die segensreiche Kraft eines Unfalls erleben lassen - und den reibungslosen Verkehrsfluss auf der Autobahn sabotieren. Als Rolf das Kühlregal öffnet und ihm statt einer Cola eine Leiche entgegenfällt, ist es für eine Flucht zu spät.

Riedl liefert eine sehr solide Regiearbeit ab und bringt das Stück heil ins Ziel, so richtig auf Touren bringt sie es unterwegs aber leider nicht. "Dosenfleisch" bleibt in ihrer Inszenierung hinter seinen Möglichkeiten zurück. Das liegt unter anderem daran, dass die Schauspieler einzelne Passagen zu langsam und zu betont sprechen, sodass manches Wortspiel plötzlich ein wenig banal erscheint, aufdringlich, und manch philosophische Erörterung ein wenig naseweiß. Wohlgemerkt: Das ist eine Klage auf hohem Niveau. Größere Unfälle gibt es nicht, wenn man mal von der kargen Bühnenbild-Verweigerung absieht. Die ist, mit Verlaub, schon ein ziemlicher Schrott.


Ferdinand Schmalz: "dosenfleisch": Uraufführungsinszenierung von Carina Riedl zur Eröffnung derAutorentheatertage am Deutschen Theater Berlin.

Wiener Premiere im Kasino des Burgtheaters am 18. September.

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