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03. Oktober 2012, 09:05 Uhr

Deutscher Fernsehpreis 2012

Dirk Bach ist nur die Randnotiz

Von Stefan Niggemeier

Der Deutsche Fernsehpreis im Schatten des plötzlichen Tods von Dirk Bach? Überhaupt nicht. Das ZDF leistet sich nicht mal einen echten Moment der Trauer, oder einen kleinen Nachruf auf den Komiker und Schauspieler. Das ist bestürzend - und schlechtes Fernsehen.

Das sagt sich so leicht dahin: Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2012 wurde vom Tod von Dirk Bach überschattet. Es stimmt nur nicht. Der plötzliche Tod des Komikers und Schauspielers am Vortag war an diesem Abend im Colonneum in Köln erstaunlicherweise nur eine Randnotiz.

Thomas Bellut, der als Intendant des turnusgemäß ausrichtenden Senders ZDF für die Begrüßungsworte vor der eigentlichen Show zuständig ist, spricht den Todesfall gar nicht an. Oliver Welke, der als Moderator mit Olaf Schubert durch den Abend führt, sagt, die Floskel, dass der Verstorbene es sich wohl wünschen würde, dass die anderen ihren Spaß haben, sei wohl selten so zutreffend wie in diesem Fall. Die Schauspielerin Annette Frier, die in der Jury gesessen hat und den ersten Preis des Abends überreicht, erwähnt Dirk Bach nur kurz.

Die eigentliche Würdigung besteht dann darin, dass Welke in der Mitte der Sendung ein paar Sätze zu eingeblendeten Fotos von Bach erzählt: "Das können nicht viele sagen, von so unterschiedlichen Altersgruppen so sehr geliebt zu werden wie Dirk Bach." Er sei ein Mensch gewesen, der nicht nur unglaublich warmherzig gewesen sei, sondern mit dem man "immer auf höchstem Niveau lästern und albern sein" konnte. Sein Tod bedeute einen Verlust, "den man weder menschlich noch künstlerisch wettmachen kann".

Einen echten Moment der Trauer leistete sich die Veranstaltung nicht. Welke grenzte seine Wort vom routinierten Auszeichnungsprogramm bloß dadurch ab, dass er vorher und hinterher schlicht sagte, das sei nun ein Bruch. Es gab kein Innehalten, keinen echten Abschied, nicht einmal einen kurzen Einspielfilm, der Szenen von Dirk Bach in seinen vielfältigen Fernsehrollen aneinandergeschnitten hätte.

Es war eine ebenso rätselhafte wie bestürzende und bezeichnende Entscheidung der Verantwortlichen dieses Preises, dass sie keine Form fanden, den plötzlichen Tod eines kleinen Mannes, der in der Fernsehwelt, die sich hier feierte, ein großer war, angemessen zu berücksichtigen. Welcher Ort wäre geeigneter gewesen, das Leben und Schaffen von Dirk Bach zu würdigen, als dieser? Und welche Mittel wären dazu geeigneter gewesen als die des Fernsehens, das ein Medium ist, das bei den Zuschauern mit bewegten Bildern große Emotionen auslösen kann. Rund 24 Stunden hätten die Verantwortlichen gehabt, aus Filmen einen Nachruf zusammenzuschneiden.

Im Nachhinein wirkte die Hilflosigkeit, mit der einige prominente Gäste dem Verstorbenen gedachten, wie eine notwendige Demonstration wider die kalte Routine der Fernsehpreisregie. Sie hatten sich offenbar eilig selbst gemachte Buttons mit dem Aufdruck "Danke, Dirk" angeklebt.

Der Deutsche Fernsehpreis 2012 aber wollte seine Feier nicht nur nicht von dem plötzlichen Tod eines Fernsehstars überschatten lassen. Er wollte Dirk Bach nicht einmal ein oder zwei Minuten richtiges Fernsehen schenken.

Vielleicht ist das nur konsequent, denn wie in den vielen Jahren zuvor verzichtete der Abend, der gutes Fernsehen feiern soll, darauf, gutes Fernsehen zu sein. Das ZDF wagte es nicht, die Sendung live auszustrahlen. Der Ablauf verzichtete auf fast jeden großen Showeffekt und bestand weitgehend darin, Inhaltsangaben von Filmen und Qualitäten von Schauspielern nacherzählen zu lassen, bevor sich die jeweiligen Gewinner bei Kollegen, Partnern und Familienmitgliedern bedankten.

Tiefpunkt war die überaus unverständliche Entscheidung, den früheren Bundesminister Norbert Blüm eine schleppende Laudatio auf Frank Elstner halten zu lassen, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Die Frage, was gerade ihn dazu prädestiniert, beantwortete Blüm mit den Worten: "Ganz einfach: Ich bin ein Fan und ein Freund." Den Worten fügte er verblüffend relativierend hinzu, das habe er mit allen hier im Saal gemein.

Am stärksten war diese meist routiniert uninspirierte Preisverleihung in den Momenten der Selbstironie und der Selbstkritik. Als in einem Einspielfilm ein Kommissar der Krimireihe "Soko Leipzig" eine Leiche mit den Worten mitnahm, dass das ZDF die noch als Zuschauer gebrauchen könne. Als Oliver Kalkofe Beifall im Publikum auslöste, weil er gegen die Verantwortlichen der Sat.1-Dokureihe "Schwer verliebt" für ihre Art, die Schwächen der Schwächsten bloßzustellen, Verwünschungen ausstößt. Und als Gernot Hassknecht, die Kommentator-Figur aus der ZDF-Satire "heute show", die Allgegenwart von "Laiendarstellern" zum Ausbruch veranlasste: "Warum nehmt ihr nicht gleich eine Stehlampe und malt ein Gesicht drauf?"

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