Deutscher Fernsehpreis Es geht doch!

Sympathische Preisträger, gutgelaunte Gastgeber: Die überraschend unterhaltsame Verleihung des Deutschen Fernsehpreis war noch keine strahlende Oscar-Gala, aber immerhin blieben die gewohnten Peinlichkeiten diesmal aus.

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Köln - Schon der Anfang der gut dreieinhalbstündigen Show darf als gelungen bezeichnet werden: Zum Aufmarsch der Stars auf dem roten Teppich vor dem Kölner Coloneum intonierten die Gastgeber Anke Engelke und Hugo Egon Balder ihre ganz eigene Version des Wir-sind-Helden-Hits "Nur ein Wort": "Bitte gebt Ihnen einen Preis", sangen die beiden auch noch, als sie gemeinsam den Saal betraten. Ein gewitzter Auftakt einer Veranstaltung, die wundersamerweise alles vermissen ließ, was an deutschen Preisverleihungen normalerweise so schauderhaft ist.

Preisträgerin Bleibtreu: Charmante Gewinnerin
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Preisträgerin Bleibtreu: Charmante Gewinnerin

Der Deutsche Fernsehpreis, 1999 von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 gegründet und als eine Art glamouröses Gegenstück zum Grimme-Preis konzipiert, mausert sich in seinem sechsten Jahr zur ernstzunehmenden Veranstaltung, zumal sich die Auswahl der Juroren immer mehr der zumeist auf öffentlich-rechtliches Bildungsfernsehen konzentrierten Grimme-Jury annähert. So gehört die ARD-Tragikomödie "Marias letzte Reise" zu den großen Gewinnern der diesjährigen Fernsehpreis-Verleihung. Der Fernsehfilm um eine todkranke Bäuerin wurde in vier Kategorien ausgezeichnet, unter anderem in der Königsdisziplin "Bester Fernsehfilm". Monica Bleitreu wurde als "Beste Hauptdarstellerin" gewürdigt, Michael Fitz bekam den Preis als "Bester männlicher Nebendarsteller". Ein weiterer Fernsehpreis ging an Annette Focks für die Filmmusik.

Sieger in der Kategorie "Beste Krimi-Reihe" wurde "Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel" (ARD/BR) mit Edgar Selge und Michaela May. Der Regiepreis ging an Hermine Huntgeburth für "Der Boxer und die Friseuse" (ARD/NDR). Sebastian Koch würde für "Speer und Er" (ARD) als "Bester Hauptdarsteller" geehrt, Ulrich Mühe gewann in der Kategorie des besten Seriendarstellers für "Der letzte Zeuge" (ZDF). "heute journal"-Anchorman Claus Kleber wurde für die beste Moderation einer Info-Sendung geehrt. SPIEGEL TV und das ZDF wurden mit der Dokumentation "Der Fall Deutschland" für die beste Informationssendung ausgezeichnet. Die dreiteilige Sendung wurde von SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und Claus Richter, Redaktionsleiter des ZDF-Politmagazins "Frontal 21" konzipiert. Beide nahmen den Preis persönlich entgegen.

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Deutscher Fernsehpreis: Harald, Helge und der Hund
So weit, so öffentlich-rechtlich. Bei den leichteren Programmen punkteten dann eher die Privaten: Im Wettbewerb um die beste tägliche Serie setzte sich "Verliebt in Berlin" (Sat.1) gegen die ZDF-Telenovela "Bianca - Wege zum Glück" und den Dauerbrenner "Unter uns" (RTL) durch, beste Unterhaltungssendung wurde "Clever - die Show, die Wissen schafft" (Sat.1). In der Rubrik Comedy gewann die sogenannte Impro-Comedy "Schillerstraße" (Sat.1) vor dem ProSieben-Format "Mein neuer Freund" und der RTL-Reihe "Pastewka in...". Beste Sitcom wurde "Nikola" von RTL vor "Stromberg" (ProSieben) und "Typisch Mann" (ZDF). Ingesamt wurden Fernsehpreise in 23 Kategorien vergeben.

Im Vergleich der ausgewählten Produktionen führt die ARD also mit sechs Preisen und zwei Preisbeteiligungen vor dem ZDF mit fünf Auszeichnungen und ebenfalls zwei Preisbeteiligungen. Fünf Auszeichnungen und eine Beteiligung gingen an Sat.1, RTL wurde mit vier Deutschen Fernsehpreisen bedacht. Zwei Nennungen gingen an die Dritten; Premiere wurde für seine Bundesligaberichterstattung mit einem Fernsehpreis ausgezeichnet.

Auch wenn die Auswahl der jeweils drei Nominierten pro Kategorie manchmal etwas willkürlich und um Parität unter den vier stiftenden Sendern bemüht wirkte, gibt es am Ergebnis nicht viel zu rütteln - es sei denn, man mag sich darüber ärgern, dass erneut die unsägliche "Schillerstraße" bepreist wurde. Aber geplagt von langweiligen, unbeholfenen und hochnotpeinlichen Preis-Galas der Vergangenheit, ob "Lola", "Echo" oder unlängst der "Comet", ist man genügsam geworden, was die Qualität einer solchen Veranstaltung aus deutschen Landen angeht. Der Deutsche Fernsehpreis orientierte sich wie schon in den vergangenen Jahren streng am Oscar-Konzept und spulte Preis um Preis mit wechselnden Laudatoren und Präsentatoren ab.

Die gaben sich gar nicht spröde und verklemmt wie in früheren Zeiten, sondern charmant und locker, was natürlich auch an der cleveren Auswahl lag: Harald Schmidt und Helge Schneider präsentierten jeweils zwei Preise und versäumten nicht, zuvor eine Kostprobe ihres besonderen Humors zu verabreichen. Die soeben mit dem Deutschen Comedy-Preis ausgezeichnete Cordula Stratmann ("Schillerstraße") durfte ebenfalls präsentieren - und Allzweckwaffe Iris Berben hielt eine ebenso griffige wie ergreifende Rede auf den Ehrenpreisträger Dietmar Schönherr.

Vergessen hatte man wie immer die auflockernden Showeinlagen für Zwischendurch, so dass die Gala nach mehr als zwei Stunden drohte, etwas dröge zu werden. Das merkten auch Balder und Engelke, die das Thema Langwierigkeit sogleich in einen amüsanten Sketch verpackten. Selbstreflexion der Macher - auch das kannte man bisher nicht bei einer deutschen Preisverleihung. Als dann kurz vor Schluss doch noch Musik geboten wurde, und Stefan Raab gemeinsam mit Helge Schneider und Max Mutzke eine kongeniale Swing-Version des Reinhard-Mey-Klassikers "Über den Wolken" sowie den Standard "Fly Me To The Moon" zum Besten gaben, wollte man glatt an eine Zukunft heimischer Fernsehunterhaltung glauben. Wie sagte TV-Pionier Schönherr in seiner Dankesrede: "Das deutsche Fernsehen ist das beste." Es wird zumindest merklich daran gearbeitet.

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