Deutscher Musikpreis Die Auferstehung des Udo L. aus Hamburg

Bei der Echo-Verleihung präsentierte sich die darbende Musikbranche glamouröser denn je. Aufstehmännchen wie Paul Potts, Michael Hirte oder Udo Lindenberg wurden als Hoffnungsträger einer Gesellschaft gefeiert, in der die alten Erfolgsstrategien keine Chance mehr haben.

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Die Musikindustrie zeigte ihre neuen Zähne: Unvermeidlich war es, dass irgendwann an diesem sehr langen Abend Paul Potts, der ehemalige Handy-Verkäufer mit dem ehemals so schiefen Kiefer, der Welt noch einmal sein rundum renoviertes Gebiss präsentierte, um den Preis als "Künstler international Pop/Rock" entgegenzunehmen. Später schmetterte er dann zum x-ten Mal seine Puccini-Arie, während ihm von der Hallendecke der Sternenstaub auf die Schultern rieselte.

Der einstige Freizeittenor Potts, der in Deutschland inzwischen berühmter ist als in seiner britischen Heimat, verkörpert die Erfolgsgeschichte des vergangenen Jahres: In einer Castingshow wurde der rundliche Mann beim Singen einer Opernarie erst belächelt und dann bejubelt, und ein großer deutscher Telekommunikationsanbieter versendete diesen Erweckungsmoment dann millionenfach als Werbefilmchen in hiesige Haushalte. So werden heutzutage Stars gemacht.

Größte Sause denn je

Man darf die deutsche Musikwirtschaft für ihre schmierigen Crosspromotionaktionen verachten, man darf sie aber auch als Vorreiter einer neuen Ökonomie feiern, der wir uns wohl alle irgendwie unterzuordnen haben: Keiner will oder kann mehr etwas für Musik ausgeben, das Popgeschäft aber bringt seinen Apparat jedoch seit Jahren irgendwie über die Runden. Als das Wort Krise noch lange kein gesamtgesellschaftliches Phänomen beschrieb, da kollabierte ja bereits eine Plattenfirma nach der anderen. Trotzdem feierte die Branche jedes Jahr aufs Neue sich selbst und ihre immer magereren Verkaufserfolge bei der "Echo"-Verleihung.

Von der Musikindustrie lernen heißt also, die Krise umarmen lernen. Und so legten die Verantwortlichen ausgerechnet nun in einer Zeit, wo das Spargebot sämtliche Wirtschaftszweige durchzieht, die größte und glamouröseste Sause hin. Nach Jahren im schäbigen Berliner ICC, wo zwischenzeitlich doch arg geknappst und gemault wurde, hatte man für gestern die schöne neue 02 World gebucht. Nein, ohne Telekommunikationsanbieter geht es eben nicht mehr. Aber das macht durchaus Sinn für eine Branche, in der mit Klingeltönen und mit auf Konzerten entstandenen Handyfilmchen mehr Geld gemacht wird als mit den Tonträgern und Tourneen selbst.

Feier der Wiederauferstandenen

Und so sah man auch bei der gestrigen "Echo"-Ausgabe wieder im Publikum ein Meer blinkender Handys, das sich aufs Wunderbarste mit der stimmungsvollen Lichtgestaltung auf der Bühne verband. Die Toten Hosen, die später noch als beste Live-Band geehrt wurden, sangen sitzend die Ballade "Auflösen", während um sie herum Hunderte von Glühbirnen vor sich hin funzelten. Depeche Mode brachten als Weltpremiere ihre defätistische neue Single "Wrong" zwischen apokalyptisch beleuchteten, umgestürzten Stahlträgern zur Aufführung und lieferten so den stärksten Krisensong des Abends. Und Udo Lindenberg nuschelte sein "Woddy Woddy Wodka" im Astronautenoutfit zwischen Mondkratern aus Pappe, während über ihm sanft ein leuchtender Riesenluftballon mit dem Antlitz unserer Erde leuchtete.

Danach gab es dann für Lindenberg noch die Trophäe als "bester Künstler National", was schon deshalb bemerkenswert ist, weil er ja bereits vor 17 Jahren den Echo für sein Lebenswerk erhalten hat, also jene Auszeichnung, mit der man eigentlich wohlwollend in den Ruhestand geschickt wird. So gesehen bekam die gefeierte Rückkehr des alten Herren durchaus eine symbolische Kraft für die Musikbranche als Ganzes: Totgesagte leben länger. Seine Dankesrede wurde zum virtuos ausholenden Drei-Minuten-Monolog eines Aufstehers.

Andere standen ebenso lange auf der Bühne, konnten ihre Belange aber nicht so zielgenau an den Mann bringen. Ausgerechnet Gangbang-Rapper Bushido verzettelte sich zum Beispiel als Präsentator in der Sektion "Künstlerin National" in einem Plädoyer für einen neuen Feminismus, während Ex-ARD-Moderator Bruce Darnell egomanisch Sendeminuten einstrich, indem er die von ihm ausgezeichnete Schlagersängerin Helene Fischer wieder und wieder küsste und ableckte, als würde es kein Morgen geben.

Kampf um Aufmerksamkeit

Generell wurde viel über das Fernsehgewerbe an sich und die neuesten personellen Verschiebungen darin sinniert. Dafür stand ja schon Oliver Pocher, der mit Barbara Schöneberger durch den Abend führte und wirklich jeden nur erreichbaren Künstler und Zuschauer im Saal beleidigte. So inszenierte die ARD, die ja in Sachen junge Leute nicht eben ein glückliches Händchen hat, ihre "Echo"-Ausrichtung auch als transparenten Kampf um die Hoheit in der Aufmerksamkeitsökonomie. Neben Schöneberger und Pocher brachte der Sender denn auch gleich noch seine neueste Moderatorinnenhoffnung Ina Müller prestigeträchtig zum Einsatz neben dem Ministerpräsidenten Christian Wulff - was immer der beim "Echo" eigentlich zu suchen hatte.

Auch durfte man sich darüber wundern, womit im vergangenen Jahr hierzulande im Musikgeschäft Geld gemacht wurde. Wer hätte zum Beispiel je gedacht, dass Opern und Kirchenlieder einen erheblichen Teil des Profits bringen würden? Und so wimmelte es in den unterschiedlichen Kategorien der Preisverleihung von Teufelsgeigern wie David Garrett oder von Tenorstänzen wie denen von Adoro, die auf Tuchfühlung mit populärem Liedgut gegangen sind. In den Trümmern der Popkultur erwächst also eine neue Liebe zur Klassik - oder zu dem, was man zwischen Nachmittagstalk und Castingshow für Klassik hält.

Erfreulich in dieser Hinsicht ist der Erfolg des Ex-Arbeitslosen Michael Hirte, der sich mit seiner Mundharmonika-Version von "Ave Maria" in die Herzen der Zuschauer blies und der mit seinen 44 Jahren gestern für den Preis als "Newcomer National" nominiert war. Auch das war der Echo 2009: Das Leben auf Hartz IV als große Oper.

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