Deutscher Reporterpreis 2012 SPIEGEL-Redakteure ausgezeichnet

Von Journalisten für Journalisten: Eine prominent besetzte Jury hat den Deutschen Reporterpreis 2012 verliehen. SPIEGEL-Reporter Takis Würger wurde für die beste Reportage geehrt. "Zeit"-Redakteurin Tanja Stelzer recherchierte für ihr Stück gar "in den Weichteilen der Politik".

Amin Akhtar

Hamburg - Eine Reportage über einen deutschen Scharfschützen in Afghanistan ist am Dienstagabend mit dem Deutschen Reporterpreis 2012 ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte die Geschichte "Das verlorene Bataillon" des SPIEGEL-Journalisten Takis Würger, der als erster Journalist drei Wochen lang bei einer Kampftruppe "embedded" war. "Er erzählt so eindringlich vom Wunsch des Soldaten, endlich schießen, seinen Beruf ausüben zu dürfen, dass man beinahe hofft, dieser Wunsch möge in Erfüllung gehen", erklärte die Jury.

SPIEGEL-Redakteur Dirk Kurbjuweit erhielt den Preis für den besten Essay. Das Stück "Die halbe Kanzlerin" werfe nicht nur einen neuen Blick auf die Kanzlerin, lobte die Jury - es sei darüber hinaus präzise und stilistisch perfekt aufgeschrieben. Kurbjuweit teilt sich die Auszeichnung mit Sabine Rennefanz von der "Berliner Zeitung", die für ihren Text "Uwe Mundlos und ich" ausgezeichnet wurde. Darin berichtet die Journalistin sehr persönlich von ihrer Orientierungslosigkeit nach der "Wende" - die darin mündete, dass sie sich einer christlichen Sekte anschloss. Während der gleichaltrige Uwe Mundlos, ähnlich orientierungslos, zum Rechtsterroristen reifte.

Die SPIEGEL-Journalisten Lothar Gorris und Sven Röbel haben nach dem Urteil der Jury das beste Interview des Jahres veröffentlicht. Beiden gelang es, den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi zum "Geständnis eines ewigen Hippies" zu bringen. Beltracchi hatte etwa 35 Jahre lang Gemälde gefälscht und damit wohl Millionen verdient. "Gorris und Röbel schaffen es, Sätze aus Beltracchi zu kitzeln, die ihn entzaubern, seine Eitelkeit und seinen Größenwahn entlarven - und die Scheinheiligkeit und Gier des internationalen Kunstmarktes bloßlegen", lobte die Jury.

Auch die Auszeichnung für die beste Web-Reportage ging an den SPIEGEL. Amrai Coen und Bernhard Riedmann erzählen in ihremStück "Nicht von Gott gewollt" vom ersten lesbischen Fußballteam Afrikas - und von den Vergewaltigungen, von der bisweilen tödlichen Gewalt, der die jungen Frauen in einer homophoben Gesellschaft ausgesetzt sind.

Auszeichnungen für "Zeit", "Berliner Zeitung" und "SZ-Magazin"

"Zeit"-Autorin Tanja Stelzer wurde für ihre Geschichte "Die Doris-Show" mit dem Preis für die beste politische Reportage geehrt. Darin beschreibt Stelzer den Wahlkampf von Doris Schröder-Köpf in Hannover, über dem der Schatten ihres Mannes schwebt. Dabei habe Stelzer "in den Weichteilen der Politik" recherchiert, lobte die Jury.

Auch die Auszeichnung für die beste Kulturreportage ging an ein Stück, das in der "Zeit" erschien. Jonathan Stock beschreibt in seiner Geschichte "Der blutige Thron" eine Aufführung von "Macbeth" in der Oper von Damaskus - während wenige Straßen weiter blutige Realität wird, was das syrische Bürgertum als Farce auf der Bühne beklatscht.

Anja Reich hat nach Auffassung der Jury in der "Berliner Zeitung" die beste Lokalreportage des Jahres veröffentlicht. In ihrem Text "Der goldene Stein" beschreibt sie, wie ein junger Straßenbauer aus Brandenburg im Auftrag einer jüdischen Familie in Berlin einen "Stolperstein" verlegt. Die Juroren waren begeistert: "Ein kleiner, großer Text - eine alltägliche und ungemein berührende Geschichte."

Als besten freien Reporter ehrte die Jury Michael Oberts. Seine Geschichte "Der Bürgermeister der Hölle", erschienen im "SZ-Magazin", spielt in Mogadischu, einem der gefährlichsten Orte der Welt. Beschützt von einer kleinen Armee zog Obert herum mit einem Mann, der eben noch ein Londoner Internet-Cafe betrieben hatte und nun eine Stadt wiederaufbauen will.

Der in diesem Jahr erstmals vergebene "Grand Prix" ging ebenfalls an eine Reportage aus dem "SZ-Magazin". Für ihr Stück "USA 20.56 Uhr" sind Alexander Gorkow und Andreas Mühe mehrere Wochen lang mit der Band Rammstein auf Tour durch Kanada und den USA gegangen. Die Reportage sei ein gewaltiges Zusammenspiel von Bildern und Text, urteilte die Jury, "sprachlich und dramaturgisch brillant".

Der Deutsche Reporterpreis wird seit 2009 vom Reporter-Forum, einem Netzwerk von Print-Journalisten, vergeben. Der Preis wird unter anderem von der Rudolf Augstein Stiftung unterstützt.

syd

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