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Deutsches Anti-AKW-Gefühl: Im Land der Mahnbürger

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Mahnwachen, Menschenketten und Massenwechsel zu Ökostrom: Die Reaktorkatastrophe in Japan mobilisiert nicht nur die Anti-AKW-Bewegung, sondern ganz normale Bürger. Doch deren Angst vor dem Atom ist ziemlich deutsch - in Frankreich und England staunt man über die "German protesters".

Deutsches Anti-AKW-Gefühl: Teelichte für den Sofortausstieg Fotos
DPA

Die ältere Dame mit dem schwarzen Mantel und der zarten Intellektuellenbrille ist ausdauernd: Seit einer halben Stunde schreitet sie durch die Menge und hält das dünne, hellgrüne Büchlein in die Luft: "Empört euch!", lautet der Imperativ - die Wutbürgerfibel des ehemaligen französischen Restistánce-Kämpfers Stéphane Hessel. Und sie empören sich, die rund tausend Menschen, die am Montagabend vor dem Kundenbüro von Vattenfall in der Hamburger Innenstadt zusammengekommen sind. "Abschalten! Abschalten!", skandieren sie.

Der schwedische Energiekonzern betreibt in Norddeutschland zwei Atomkraftwerke: Das als "Pannenreaktor" verrufene und derzeit abgeschaltete AKW Krümmel - ein Siedewasserreaktor wie der Meiler in Fukushima - sowie das betagte AKW Brunsbüttel, das ebenfalls wegen Mängel stillsteht. "Vattenfall will sie dieses Jahr wieder ans Netz bringen, das werden wir verhindern!", ruft der Sprecher von "Robin Wood" der Menge über die schnell installierte Lautsprecheranlage zu. Die läuft mit einem Benzingenerator und keinesfalls mit Hilfe der Steckdosen des Atomstromkonzern-Kundenbüros, wie der Redner gleich zu Anfang klarstellt.

Und auch am Dienstagvormittag waren die AKW-Gegner aktiv: Vor dem Bundeskanzleramt in Berlin demonstrierten mehrere hundert Menschen, während sich Kanzlerin Merkel mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer beriet, in denen Atomkraftwerke stehen. "Die Laufzeiten mit ungewissem Ausgang überprüfen und zwei Reaktoren für drei Monate stillstehen lassen - mit solch unverbindlichen und durchsichtigen Wahlkampfmanövern geben wir Bürger uns nicht zufrieden", sagte der Geschäftsführer des Netzwerks Campact, Christoph Bautz, das zu der Aktion aufgerufen hatte. Die Umweltorganisation Greenpeace projizierte derweil den Schriftzug "Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel" auf das Kanzleramt.

German Angst vor dem GAU

In Hamburg halten die Demonstranten eine Schweigeminute für die vom Erdbeben und der Atomkatastrophe betroffene japanische Bevölkerung ab. Die dauert aber bloß 30 Sekunden - zu aufgeregt drängt der folgende Redner vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac ans Mikrofon. Er geißelt die "Profitgier der Energiekonzerne" und fragt: "Nimmt dieser Wahnsinn denn kein Ende?" Und die Dame mit dem schwarzen Mantel hielt stur ihr "Empört euch!"-Büchlein hoch.

Doch ausgerechnet in der Heimat von "Empört euch!"-Autor Hessel empört man sich derzeit so gut wie gar nicht über die Gefahren, die in der Kernenergie lauern: Obwohl die Franzosen rund drei Viertel ihres Stroms aus Nuklearstrom beziehen, versammelten sich in Paris am Sonntagabend gerade mal rund 300 AKW-Gegner in Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima. Zwar gelten die Franzosen gemeinhin als demonstrationswilliger als die Deutschen - aber eine breite Anti-AKW-Bewegung hat es in Frankreich nie in dem Ausmaße gegeben wie in Deutschland.

Ohnehin scheint die Angst vor der zivilen Atomkatastrophe besonders german zu sein. "Das Achtziger-Jahre-Logo mit der lachenden Sonne ist von deutschen Demonstranten wiederbelebt worden", stellt der britische "Guardian" in einer Kolumne launig fest. Angesichts des Umstands, dass auch im Vereinigten Königreich keine größeren Proteste stattfinden, empfiehlt die Zeitung, sich an der deutschen Anti-AKW-Bewegung zu orientieren: "Do say 'Atomkraft? Nein danke!'"

Schockiert, aber nicht gelähmt

Von Saarbrücken bis Görlitz, von Passau bis Stralsund: Überall in der Republik sind derzeit die AKW-Gegner unterwegs. In etwa 450 Städten und Gemeinden hätten zum Beispiel am Montagabend Mahnwachen stattgefunden, ließ die Organisation "ausgestrahlt" verlauten, die zu den Protesten aufgerufen hatte. "Wir haben die Aktion gerade mal 48 Stunden davor gestartet", erklärt Jochen Stay von "ausgestrahlt". "Diese massive Resonanz hat uns wirklich überrollt." Selbst auf der Millionärsinsel Sylt trafen sich die AKW-Gegner um 18 Uhr vor dem Rathaus.

"Die Leute sind schockiert, aber nicht gelähmt. Sie wollen handeln, sie wollen eine radikale Wende", so Stay zu SPIEGEL ONLINE. Die Ankündigung von Kanzlerin Merkel, die Laufzeitverlängerung für drei Monate auszusetzen, hält der AKW-Gegner für "einen Witz. Sie setzt den Beschluss bis zur Landtagswahl aus, dann geht alles so weiter".

110.000 Menschen waren nach Angaben der Organisatoren am Montag in ganz Deutschland auf den Beinen, um ihre Forderung nach einem sofortigen Ausstieg aus der Kernkraft zu manifestieren - für Jochen Stay ein Superlativ: "Noch nie in der Geschichte der Anti-AKW-Bewegung haben an so kurzfristig angesetzten Demonstrationen so viele Menschen teilgenommen."

Nicht nur mit brennenden Teelichten, "Atomkraft - Nein Danke"-Stickern und in Schutzanzug-Kostümierung machten sich die Bürger Luft. Sie stimmen auch per Stromanbieterwechsel gegen Kernenergie: Laut einem NDR-Bericht hat sich bei Greenpeace Energy die Zahl der Online-Vertragsabschlüsse am vergangenen Wochenende verfünffacht. Dabei hätten die Kunden Bezug auf die Reaktorkatastrophe in Japan genommen. Auch bei dem Ökostrom-Anbieter Lichtblick ist die Zahl der Anfragen gestiegen: Die Zugriffe auf die Internetseite hätten sich etwa verfünffacht, die Zahl der Online-Vertragsabschlüsse im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen Wochen verdreifacht, so Sprecher Ralph Kampwirth. Diesen Trend bestätigten ebenfalls das Verbraucherportal Verivox und der Ökostrom-Anbieter Elektrizitätswerke Schönau.

Laut Umfragen von ARD und ZDF ist mittlerweile eine klare Mehrheit der Deutschen für den Atomausstieg. Dem ARD-Deutschlandtrend zufolge unterstützen 72 Prozent die Forderung, die sieben ältesten Meiler sofort vom Netz zu nehmen. Am Samstag hatten rund 60.000 Teilnehmer eine circa 45 Kilometer lange Menschenkette gegen Atomenergie gebildet - vom Atomkraftwerk Neckarwestheim bis zur Villa Reitzenstein in Stuttgart.

Für den 26. März rufen die Kernkraftgegner in Berlin, Hamburg und Köln sowie einer noch nicht festgelegten süddeutschen Stadt zu Großdemonstrationen auf. "Wenn es keinen Ausstieg gibt, geben wir keine Ruhe mehr!", ruft der Robin Wood-Sprecher der Menge in der Hamburger Innenstadt zu.

Mit Material von dapd

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1. ...
taubenvergifter 15.03.2011
Zitat von sysopMahnwachen, Menschenketten und Massenwechsel zu Ökostrom: Die Reaktorkatastrophe in Japan mobilisiert nicht nur die Anti-AKW-Bewegung, sondern ganz normale Bürger. Doch deren Angst vor dem Atom ist ziemlich deutsch - in Frankreich und England staunt man über die "German protesters". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,750990,00.html
Ich war auch ohne Japan-GAU gegen Kernkraft. Und das werde ich mindestens so lange sein, wie es kein sicheres "Endlager" gibt und mir jemand erfolgreich vermittelt, 1.dass Kernkraft sinnvoller ist, als die Nutzung regenerativer Energien 2.dass man prognostizieren kann, dass mit dem Atommüll kein "Schindluder" getrieben wird... ... für die nächsten 1.000.000 Jahre...
2. Meine meinung
meinmein 15.03.2011
Zitat von sysopMahnwachen, Menschenketten und Massenwechsel zu Ökostrom: Die Reaktorkatastrophe in Japan mobilisiert nicht nur die Anti-AKW-Bewegung, sondern ganz normale Bürger. Doch deren Angst vor dem Atom ist ziemlich deutsch - in Frankreich und England staunt man über die "German protesters". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,750990,00.html
Deshalb sind wir in der Welt so beliebt: erst wundern, dann staunen, dass die Deutschen den Durchblick hatten und das richtige getan haben.
3. Deutsche haben zwei Kerneigenschaften:
Holledauer, 15.03.2011
Einerseits Grosskotzigkeit und andererseits Angst vor allem, insbesondere wenn es mit Technik zusammenhängt. Kein Wunder in einem Land, in welchem man ohne ein einziges naturwissenschaftliches Fach das Abitur machen kann. Überdies bedient die Partei der Grünen diese Ängste und lebt auch davon. Wenn dann Claudia Roth mit tränenerstickter Stimme flüstert "Ich bin entsetzt", dann kann sie sicher sein, dass wieder einige leichtgläubigen Bundebürger den Grünen zulaufen.
4. Deutsche Psyche
gfssfg 15.03.2011
Die 10000 Opfer des Tsunamis und die zerstörten, verwüsteten Landstriche Japans scheinen die Deutschen Mahnwachler wenig zu interessieren, ihnen geht es anscheinend nur um ihre Sicherheit und ihre Ängste hinter ihrem Jägerzaun. Im Land der ungebremsten Autobahnraser, der 10000ten Unfalltoten jedes Jahr und der Millionen Tabakopfer gibt es viel konkretere Gefahren gegen die Mutti demonstrieren könnte. Aber da würde man gegen sich selbst demonstrieren, morgens die Kinder mit dem fetten Geländewagen zur Schule gebracht, danach zur Antiautomahnwache, das passt dann doch schlecht zusammen, aber qualmend beim Montagsspaziergang gegen die AKWs demonstrieren, beruhigt das Gewissen doch ungemein und der Strom kommt ja aus der Steckdose und wenn die deutschen AKWs abgeschaltet sind, nimmt man halt den yello Strom, gelb wie Sonne, treffend, den die Energie der Sonne stammt ja auch aus Nuklearprozessen, wie der yello Strom aus Frankreichs Reaktoren.
5. Und das...
Sapienti sat est 15.03.2011
Zitat von sysopMahnwachen, Menschenketten und Massenwechsel zu Ökostrom: Die Reaktorkatastrophe in Japan mobilisiert nicht nur die Anti-AKW-Bewegung, sondern ganz normale Bürger. Doch deren Angst vor dem Atom ist ziemlich deutsch - in Frankreich und England staunt man über die "German protesters". http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,750990,00.html
...ist auch gut so!!! Denn zu befürchten ist das wir zukünftig unseren Strom schließlich irgendwoher bekommen müssen! ...und das wenn möglich bitte ohne unnötige Spitzfindigkeiten (Atomstrom), ohne viel Aufsehen und aus möglichst großer Entfernung! (-:
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