Ausstellung zur Homosexualität Mein Körper, das Kunstwerk

Das Deutsche Historische Museum kooperiert mit dem Schwulen Museum und dokumentiert in "Homosexualität_en" 150 Jahre der Emanzipation - stellt aber auch die Frage nach der Geschlechterordnung der Zukunft.

Von Vivien Timmler


Schon das Poster zur Ausstellung löste bei manchen Irritationen aus: Zu sehen ist die kanadische Künstlerin und Bodybuilderin Heather Cassils. Aufgepumpte Muskeln, rote Lippen. Ein Motiv, das normative Darstellungen von Weiblichkeit und Körperinszenierung infrage stellt. Auch darum geht es in der Ausstellung "Homosexualität_en".

Erstmals kooperiert das Deutsche Historische Museum mit dem Schwulen Museum in Berlin und stellt die Geschichte homosexueller Menschen in Deutschland ins Zentrum einer Ausstellung. Auf 1600 Quadratmetern wird vom 26. Juni bis 1. Dezember 2015 die Entwicklung und Emanzipation in Politik und Kultur dokumentiert.

Die Einrichtungen widmen sich unterschiedlichen Schwerpunkten: Das Deutsche Historische Museum konzentriert sich vor allem auf den geschichtlichen Kontext. In zehn Kapiteln zeigt die Schau, wie gleichgeschlechtliche Liebe vor dem Gesetz kriminalisiert, von der Medizin für krank erklärt und von der Gesellschaft ausgegrenzt wurde.

Zu sehen ist etwa ein Exemplar der Strafvorschrift "Constitutio Criminalis Carolina" aus dem 16. Jahrhundert, die als erste reichseinheitlich geltende weltliche Schrift die sexuellen Handlungen von Frauen und Männern untereinander "wider die Natur" mit dem "Feuertod" bestrafte. Aber auch der Brief des Schriftstellers Karl Maria Kertbeny aus dem Jahr 1868, der erstmals die Begriffe "homosexual" und "heterosexual" verwendete.

"Ich lehne die Idee ab"

Der Ausstellungsteil im Schwulen Museum zeigt die zeitgenössische Kunst. Zu sehen sind beispielsweise Werke der italienischen Künstlerin Monica Bonvicini, die sich in ihren medienübergreifenden Arbeiten immer wieder mit Machtstrukturen auseinandersetzt. Oder von Nicole Eisenman, die für ihre figurative Malerei bekannt geworden ist. Oder von Jeanne Mammen, deren Frauenzeichnungen sie zu einer Chronistin weiblichen Lebens gemacht haben.

Heather Cassils, die auf dem Ausstellungsplakat zu sehen ist und die aus ihrem eigenen Körper durch Kampfsport, Krafttraining und einen strengen Ernährungsplan ein Kunstwerk gemacht hat, stellt schon durch ihren bloßen Anblick die gängige Geschlechterordung infrage. Sanfte Stimme - stählerne Bauchmuskeln: "Ich lehne die Idee ab", ist so ein typischer Satz von Cassils, "dass man als Mann oder Frau leben muss".

Schließlich versucht die Ausstellung auch die gegenwärtige Debatte um die Zukunft der Geschlechterordnung und der Sexualitäten gerecht zu werden. Sie zeigt etwa, wie heute in neuen Bündnissen um die gesellschaftliche Anerkennung von Trans- und Intersexualität gekämpft wird.


"Homosexualität_en". Schwules Museum* / Deutsches Historisches Museum, 26. Juni bis 1. Dezember 2015.

Birgit Bosold, Dorothée Brill, Detlef Weitz (Hrsg.): "Homosexualität_en". Sandstein Verlag; 224 Seiten; 25 Euro.



insgesamt 2 Beiträge
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BlogBlab 23.06.2015
1. Realität statt seltsame Exoten zeigen
Warum wollen die Veranstalter solcher Ausstellungen eigentlich immer das Publikum mit dieser Art von Bildern schockieren? Wieviele Lesben mit so einem Körper gibt es wohl? Die kann man wahrscheinlich an einer Hand abzählen. Anstatt diese seltsamen Exoten zu zeigen, die nur für Verwirrung sorgen, sollten ganz normale Schwule und Lesben gezeigt werden, die überhaupt nicht als solche zu erkennen sind und damit die Realität abbilden.
Anonym. 23.06.2015
2. Schock wirkt
Zitat von BlogBlabWarum wollen die Veranstalter solcher Ausstellungen eigentlich immer das Publikum mit dieser Art von Bildern schockieren? Wieviele Lesben mit so einem Körper gibt es wohl? Die kann man wahrscheinlich an einer Hand abzählen. Anstatt diese seltsamen Exoten zu zeigen, die nur für Verwirrung sorgen, sollten ganz normale Schwule und Lesben gezeigt werden, die überhaupt nicht als solche zu erkennen sind und damit die Realität abbilden.
Das nennt sich Marketing. Die Ausstellung geht sicherlich um viel mehr als diese "Exoten", die sind aber nicht so ein Blickfang. Dasselbe Prinzip verschafft dem "Zentrum für polit. Schönheit" derzeit so viel Aufmerksamkeit.
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