Deutsches Schauspielhaus Faustkampf nach neuen Regeln

Wild bewegt und wagemutig hautnah: Der neue Hamburger "Faust" im Deutschen Schauspielhaus ist ein theatralischer Parforce-Ritt durch den ganzen Saal. Regisseur Jan Bosse und sein Team spielten auf volles Risiko und teilten kräftig nach allen Seiten aus. Am Ende hingen Publikum und Schauspieler glücklich erschöpft in den Seilen.

Von


Edgar Selge als Faust: Buchstäblich entfesselt
DPA

Edgar Selge als Faust: Buchstäblich entfesselt

Goethe, Gründgens, Schauspielhaus: So hieß der eherne, hanseatische Dreisatz über die Jahrzehnte, seit Gustaf Gründgens 1957 den "Faust" im Traditionshaus an der Kirchenallee inszeniert hatte. Daher konnte man gar nicht anders, als die frische, brausende "Faust"-Inszenierung des ernsthaften Experimentator Jan Bosse als eine weitere Art von Gründgens-Erlösung zumindest hoffnungsvoll zu begrüßen. Da traut sich einer was, endlich! Bosse und seine Akteure gingen dazu klugerweise schon Wochen der Premiere intensiv an die Hamburger Medien und erzählten eine Menge über die kommende Inszenierung, das Konzept und die Arbeit am Stück.

Da überraschte dann die mitten im Parkett platzierte, runde Bühne kaum noch, eher wuchs die Spannung, wie denn dies Monsterstück über Gott und die Welt im hier vermeintlich bescheidenen Rahmen nach Hause gespielt werden kann. Und dezent ging es los: Der Höllensturz des gefallenen Engels Mephistopheles ersetzt das "Vorspiel auf dem Theater". Der Herr der Finsternis liegt mit schwarzen Flügeln zerstört am Boden, findet seine Sprache erst bruchstückhaft wieder, kniet ergeben vor seinem Gott - das ist kein aufmüpfiger, gewitzter Teufel, das ist einer, der sich wie ein Mensch fühlt und die Menschen um ihr Dasein beneidet. Schlecht gelaunt, weil er seine eigene Schwäche kennt: Er fühlt sich magisch, erotisch, sinnlich angezogen von dem, was eigentlich "wert ist, dass es zugrunde geht". Also muss er den ruhelosen, kreativen Faust zerstören, der eben noch nicht resigniert hat, obwohl er enttäuscht ist von Wissen, Welt und seinen eigenen Fähigkeiten.

Szenenapplaus für die Start-Conférence

Und dieser Faust startet nicht auf einem Bühnenpodest, sondern sitzt im Publikum, dritte Reihe rechts, als er seine Generalbeschwerde über die Unmöglichkeit der Erkenntnis startet. Hier greift erstmals ein Aktivposten von Jan Bosses Inszenierung: Edgar Selge spielt einen buchstäblich entfesselten Faust. Nicht unbedingt, wie man sich einen verbitterten älteren Herrn im Herbst des Lebens vorstellt, eher einen Turbo-Talker mit eingebautem Hyperventilator.

Faust (Edgar Selge, rechts) und Mephisto (Joachim Meyerhoff): Brutaler Kuss vom Herrn der Finsternis
DPA

Faust (Edgar Selge, rechts) und Mephisto (Joachim Meyerhoff): Brutaler Kuss vom Herrn der Finsternis

Optisch und bewegungstechnisch irgendwo zwischen Loriot und Harald Schmidt angesiedelt, tobt Selge/Faust über die Sitzreihen, balanciert auf der Empore, dass man um ihn fürchtet, spuckt und wütet und ist doch ganz das pralle Leben. So einen muss man hassen, wenn man Teufel ist. Ansonsten gab's für Selges rasante Start-Conference Szenenapplaus: Sicher auch ein Novum in der "Faust"-Geschichte.

Auch andere Figuren erwachsen aus dem Publikum, wie Fausts Famulus Wagner oder der Schüler. Und sogar die Geister- und Engelschöre, deren Stimmen plötzlich aus den Reihen der Sitze erschallen, sich mit Musik vom Band mischen und so eine Raum füllende, sehr dichte und packende Atmosphäre schaffen - sie wohnt im Publikum. Schnell zeigte sich, wie effizient die Abkehr vom klassischen Bühnenraum auf die Dynamik der Handlung wirkte. Der Faust ist bei uns, aber auch seine Bedrohung und die tödlichen Auswirkungen seines Wollens. Die fast ständig sich drehende Bühne reflektiert die Welt, die Bewegung des Lebens, die uns selbst Bewegung abverlangt: Ein einfachen Bild, das aber blendend funktioniert.

Mephisto als geiles Tier

Joachim Meyerhoffs Mephisto ist da eine ganz andere Urgewalt. Riesengroß, athletisch, ungeheuer physisch agierend: kein raffinierter Denker, eher ein geiles Tier, für das die Seele untrennbar mit dem Körper verbunden ist. Das Blut, mit dem Faust den Teufelspakt unterzeichnen muss, saugt ihm Mephisto aus dem Mund - ein brutaler Kuss, der schnell zeigt, dass dies kein intellektueller, spaßiger Höllenhund ist, sondern ein schlauer, rücksichtsloser Brutalo. Er bespringt seinen Faust wie später Gretchens Nachbarin und ist dabei nicht cool, sondern kalt: Der Hauch des Todes, immer gegenwärtig. Da wäre der viele Trockeneis-Nebels kaum nötig gewesen, der den Mephisto oft umweht.

Faust und Gretchen: Girlie, nah am Wahnsinn
DPA

Faust und Gretchen: Girlie, nah am Wahnsinn

Fast hätte sich dieser smarte Höllenvertreter an Gretchen, Faustens größtem Wunsch, die Zähne ausgebissen. Als durchaus selbstbewusstes, Britney-Spears-mäßig gestyltes Girlie bietet sie dem inzwischen durch Zauberkraft verjüngten Faust durchaus die Stirn, spielt mit dem Lover in spe, lässt sich von chicen Schuhen und Kleidern gern verführen - und sprengt dennoch nicht die Rolle. Ihr Wahnsinn nach dem Kindsmord und dem Tod von Bruder und Mutter sind so anrührend und bitter, wie man es in einem solchen Rollenspagat nur schaffen kann.

Maja Schöne, die dieses gespaltene und oft spröde angelegte Gretchen spielt, leistet Wunderbares. Sie kuschelt verschreckt mit dem Publikum, turnt wie Faust durch die Reihen, sie lieben sich auf wackligem Balkon-Geländer, und stets macht sie den Kampf zwischen Lust und Zweifel, sinnlichem Spiel und Todesahnung greifbar, nicht nur, weil sie fast jedem im Parkett wenigstens einmal nahe kommt.

Es ist ein heikler Akt, als sie im Wahn den Faust nicht erkennt, und an seiner Stelle mit dem Publikum spricht. Komik und Trauer, ganz eng, nah am Absturz. So etwas kann schief gehen, hier gelang es. Sie spielt ein beeindruckendes, nie rührseliges Gretchen: Das ist hinreißendes, unglaubliches Theater auf bestem Niveau.

"Auerbachs Keller" als Klamauk

Leider traute Regisseur Bosse seinem Konzept wohl nicht über die satten dreieinhalb Stunden Inszenierungsdauer. So macht er aus der "Auerbachs Keller"-Szene eine klamaukige Crooner-Show ("Hallo, Leipzig!"), lässt den alten Kirchenchoral "Oh Haupt voll Blut und Wunden" durch die Stile bis hin zum knackigen Gospel deklinieren, um die leere Populärkultur der saufenden Leipziger Studenten zu karikieren.

Das anschließende Mephisto-Lied ist natürlich keine Moritat, sondern seine Version von Heinos "Mohikana Shalali", vorgetragen mit indianischem Häuptlingsschmuck und Meyerhoffs durchaus achtbarer Heimatsänger-Stimme. Später tritt er zum klassischen Rolling-Stones-Stück "Sympathy For The Devil" der Marthe Schwerdtlein gegenüber - das ist natürlich in der Tat zu ausgelutscht, geht gar nicht mehr. Jede Menge Lacher, aber mehr auch nicht.

Erheblich besser geriet die düstere Wallpurgisnacht, in der Faust sich wieder an die verlassene und todgeweihte Geliebte erinnert. Geisterhaftes UV-Licht strahlt im Theaterraum, jeder im Publikum wird zum Teilnehmer der Hexenparty. Dirk Breimeier, der Mann für Beleuchtung, hatte ein weiteres Mal den optimalen Einfall realisiert, wie er überhaupt in fast jeder Szene genial und punktgenau die Stimmung traf. Das Licht als unverzichtbaren Handlungsträger: Schöner und effizienter gibt es das selten.

Zum Schluß steht Gretchen in einsamer Höhe, auf dem ausgefahrenen Mittelteil der Rundbühne (prima realisiert: Stéphane Laimé) und erwartet ihre Erlösung. Die kommt postwendend vom jubelndem Publikum, das dem Ensemble, besonders natürlich dem Trio Faust/Gretchen/Mephisto regelrechte Ovationen bereitete. Auch Regisseur Jan Bosse war sichtlich erleichtert über die große Zustimmung: Viel gewagt - und trotz einiger überflüssiger Banalitäten doch gewonnen. Ein Hauch von Errettung wehte durchs Schauspielhaus. Endlich ein neuer Faust. Muss ja nicht für die Ewigkeit sein.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.