Deutsches Schönheitsideal: Maid in Germany

Das Herrenmagazin "FHM" kürt die "Sexiest Woman in the World". Die Damenwahl fiel dieses Mal überraschend patriotisch aus. Reinhard Mohr fragt sich deshalb: Was ist dran an der Teutonen-Erotik. Geht das überhaupt zusammen: Germania und Sex Appeal?

Am liebsten reden Männer über Fußball und Autos, gehen in den Baumarkt oder legen sich stundenlang unter den Motorblock ihres getunten Viertürers. Sie trinken Bier, werfen riesige Fleischstücke auf den Grill, rasen im Winter mit dem Snowboard die schwarze Piste herunter und hassen Beziehungsgespräche.



Einmal im Jahr aber reißen sie sich zusammen und wählen die
"Sexiest Woman in the World". Besser: wen sie dafür halten. Immerhin 210.000 Männer, Leser der deutschsprachigen Ausgabe von "FHM" ("For Him Magazine"), haben sich in diesem Jahr am Wettbewerb von Europas größter Männerzeitschrift beteiligt.

Gewonnen hat Mandy Capristo aus dem hessischen Bürstadt. Die 19-Jährige ist Sängerin bei der Popgruppe Monrose. Auf Platz drei folgt ihre Bandkollegin Bahar Kizil, 20. Platz zwei auf dem imaginären Treppchen erotischer Anmut belegt Anna Angelina Wolfers, 30, TV-Darstellerin in der ARD-Serie "Sturm der Liebe". Nummer vier: Schauspielerin Karoline Herfurth.

Sieht gut aus für Germany

Stolz präsentierte am Mittwochvormittag "FHM"-Chefredakteur Christian Kallenberg in Berlin die "Sexiest Woman in the World 2009", und da tauchte sie auch schon höchstpersönlich auf: mit schwarzen Highheels, im braunen ärmellosen Top, mit enger beiger Hose und einer auffallenden Schmuckschleife am Popo.

Artig bedankte sie sich für die ehrenvolle Wahl - "Ich kann es kaum fassen" - und verschwand dann rasch in einem der kleinen, wenig spektakulären Büros der "FHM"-Redaktion, um den anwesenden Fernsehteams von Pro Sieben/Sat.1, RTL und n-tv die obligatorischen Interviews zu geben.

Die Tatsache, dass zum ersten Mal deutsche oder in Deutschland geborene Frauen die ersten Plätze (dazu viele weitere) belegen und die weltweite "FHM"-Siegerin Megan Fox nur Fünfte wurde, kommentierte Kallenberg mit dem Satz: "Der Geschmack der deutschen Männer hat sich komplett verändert."

Das gibt uns zu denken. Denn der Geschmack des deutschen Mannes gibt uns schon im Alltag häufig Rätsel auf. Dabei geht es nicht nur um platzende Ringelhemden überm Bierbauch, weiße Socken in Sandalen, wuchernde Nasenhaare und irritierende Partner(innen)wahl.

Nein, der ganze Mann scheint zuweilen ein einziges Geschmacksproblem zu sein. Zuletzt bot der Vatertag hinreichenden Anschauungsunterricht unter freiem Himmel, zu welchen eklatanten ästhetischen - und habituellen - Verirrungen das männliche Geschlecht imstande ist.

Mandy vor Uma

Jetzt also soll alles komplett anders sein? Gewiss, Mandy aus Bürstadt hat eine perfekte Figur - aber "Sexiest Woman in the World", sechs Plätze vor Uma Thurman? Was will der deutsche Mann uns damit sagen? Könnte es sein, dass sich nun auch auf diesem Felde der neue deutsche Patriotismus artikuliert, freilich multikulturell geerdet? Schließlich ist Mandy laut "FHM" "Halbitalienerin". Dank Mario Gomez, Cacau, Podolski und Co. ist dem deutschen Manne ja längst nichts mehr fremd. Hauptsache, die Burschen siegen für Deutschland.

So ist das dann auch mit den Mädels. Aufgewachsen zwischen Rhein und Elbe, umgeben von sauberen Flüssen, grünen Wäldern und frischer Luft (Feinstaubverordnung!), lassen sie Weltstars wie Natalie Imbruglia, Nelly Furtado und Cate Blanchett locker hinter sich. Selbst Sandra Maischberger, die Grand Old Lady des gepflegten Gesellschaftstalks, rangiert 15 Plätze vor Nicole Richie und noch acht Plazierungen vor Gisèle Bündchen!

Wir mögen's solide, und vielleicht ist es kein Zufall, dass der englische Superlativ "sexiest" kein deutsches Pendant hat. Auch "Erotik" hat bekanntlich eher keine germanischen Wurzeln, sondern altgriechisch-römische. Hermann der Cherusker hatte mit dem ganzen "Gedöns" (Gerhard Schröder) nichts am Hut. Ganz anders als Odysseus, der den unverschämten Freiern seiner Penelope zeigte, wie der Pfeil des Begehrens ins Ziel geht.

Ausstaffiert statt raffiniert

So bleibt zunächst nur die nackte Haut als Basiskriterium, jener Dreiklang von Busen, Beine, Po, der im Hochglanz-Spezialheft von FHM denn auch ausgiebig gewürdigt wird - schön säuberlich aufgereiht von 1 bis 100. Mandy Capristo posiert im lila Einteiler und würde darin jedem Bademoden-Prospekt von H&M zur Ehre gereichen.

Aber sonst? Ausstrahlung, Spannung, das flackernde Irrlicht der Verführung, das ewig Weibliche, das Männer in den Abgrund des Wahnsinns zieht? Fehlanzeige. Dagegen war das langsame Ausziehen eines einzelnen überlangen Damenhandschuhs von Rita Hayworth in "Gilda" (1946) eine erotische Explosion galaktischen Ausmaßes.

Eine Sache aber hat der deutsche Mann instinktiv richtig gemacht: Heidi Klum verbannte er auf den letzten Platz - Nummer 100.

Womöglich hat hier Roger Willemsen einmal wirklich segensreich gewirkt. Sein Klum-Bashing - "eine unschöne Frau mit laubgesägtem Gouvernantenprofil" - traf offenbar den empfindlichen Nerv des Teutonen.

Da kennt er dann kein Pardon, bevor er wieder die Motorhaube aufmacht.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Geht das überhaupt zusammen: Germania und Sex Appeal?
duk2500 03.06.2009
Eher nicht, wenn sie nicht den Mund halten oder versuchen, auf Stöckelabsätzen zu laufen. (Achtung: Ironie!)
2. Bilder und deren Wahrheit
mardas 03.06.2009
Der Kolumnist hat schon Recht, wenn es mit der Erotik und den "Attraktionen" nicht so weit her ist. Was mir aber gerade auffällt, ist die Tatsache, dass das Nr. 1-Sternchen Mandy Capristo so dermaßen korrigiert wirkt, als hätte man die Hälfte des Bildes nachgemalt. Da befinde ich die gesamte Auflistung als absolut unrepräsentativ, mit der Ausnahme von Heidi Klum.
3. Geht das überhaupt zusammen: Mohr und ein lesenswerter Artikel?
Cipo, 03.06.2009
Zitat von sysopDas Herrenmagazin "FHM" kürt die "Sexiest Woman in the World". Die Damenwahl fiel dieses Mal überraschend patriotisch aus. Reinhard Mohr fragt sich deshalb: Was ist dran am Teutonen-Erotik. Geht das überhaupt zusammen: Germania und Sex Appeal? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,628341,00.html
Gerade wenn man gedacht hat, Reinhard Mohrs Themen könnten gar nicht mehr flacher werden, legt er die intellektuelle Meßlatte noch ein paar Zentimeter tiefer.
4. FH was?
Vision6, 03.06.2009
Zitat von mardasDer Kolumnist hat schon Recht, wenn es mit der Erotik und den "Attraktionen" nicht so weit her ist. Was mir aber gerade auffällt, ist die Tatsache, dass das Nr. 1-Sternchen Mandy Capristo so dermaßen korrigiert wirkt, als hätte man die Hälfte des Bildes nachgemalt. Da befinde ich die gesamte Auflistung als absolut unrepräsentativ, mit der Ausnahme von Heidi Klum.
Dem kann man(n) nur zustimmen. Allerdings sollte man sich mal die Frage stellen, wer denn wohl diese 210000 'Männer' sein mögen, die für so etwas bei FHM abstimmen...
5. sexy sexy
H. Hipper, 03.06.2009
Zitat von sysopDas Herrenmagazin "FHM" kürt die "Sexiest Woman in the World". Die Damenwahl fiel dieses Mal überraschend patriotisch aus. Reinhard Mohr fragt sich deshalb: Was ist dran am Teutonen-Erotik. Geht das überhaupt zusammen: Germania und Sex Appeal? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,628341,00.html
Also (zumindest) für Max Mosley mit Sicherheit!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 32 Kommentare
Fotostrecke
"Sexiest Woman in the World": Auf deutsche Linie gebracht