Deutsches Theater Berlin Onkel Wanjas Suche nach Sinn

Bravo-Rufe für den Hauptdarsteller: Am Deutschen Theater Berlin ist der Schauspieler Ulrich Matthes als "Onkel Wanja" gefeiert worden. Bei der Premiere des Tschechow-Dramas setzte Regisseur Jürgen Gosch auf eine leicht selbstironische Interpretation.

Von Christine Wahl


"Wenn man kein wirkliches Leben hat", weiß Anton Tschechows "Onkel Wanja" schon früh am Abend zu ernüchtern, "nimmt man eben die Illusion". Richtig hart wird es allerdings dann, wenn selbst die nicht mehr gut aussieht - sondern zum Beispiel so einen folkloristischen Schnauzbart trägt und sich kraft seiner Volltrunkenheit in so albernen Tanzschritten wiegt wie der Doktor Astrow.

Constanze Becker als Elena und Ulrich Matthes als Wanja: Gnadenlos überzeugend, äußerst schmerzhaft und dabei vollständig unsentimental
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Constanze Becker als Elena und Ulrich Matthes als Wanja: Gnadenlos überzeugend, äußerst schmerzhaft und dabei vollständig unsentimental

Tatsächlich muss man sich den Landarzt – auch wenn es auf den ersten Blick nicht ganz leicht fällt - als den von weiblicher Seite begehrtesten Teil jener Bildungsaristokratie vorstellen, die sich in Tschechows "Szenen aus dem Landleben" monatelang auf dem von Wanja verwalteten Gut langweilt. Den Dreh- und Angelpunkt dieses Müßiggangs bilden ein weinerlicher Professor im Ruhestand, der 25 Jahre lang wacker über Kunst geschrieben hat, ohne davon auch nur die geringste Ahnung zu haben, und seine 27-jährige Frau Elena. Die eignet sich offenbar gerade, weil sie so eine "langweilige Episodenfigur" ist, bestens als Adressatin der versammelten Männersehnsüchte: Die Gefahr, dass sie die Projektionsfläche durch allzu markante Eigenkonturen verstellt, hält sich in überschaubaren Grenzen. Was Wunder, dass Wanja genauso hin und weg ist wie der Folklore-Schnauzer-Astrow, welcher seinerseits wiederum nicht nur Elena, sondern auch Wanjas Nichte Sonja schwer beeindruckt.

Bei Tschechow trinkt und redet der Landarzt zwar auch schon mehr als zu arbeiten, das aber tut er immerhin schön: Er scheint zumindest noch über eine wehmütige, wenn auch schwer regressiv anmutende Illusion vom Bäumepflanzen und dem in der ökologisch korrekten Waldluft mit sich selbst identischen Menschen zu verfügen.

Bekenntnisse am Stammtisch

Derlei hat sich in Jürgen Goschs konsequenter Inszenierung am Deutschen Theater Berlin schon mit dem ersten Blick aufs Bühnenbild erledigt. Der typische, hinten und seitlich geschlossene Kasten von Johannes Schütz, aus dem es für die Schauspieler kein Entrinnen gibt, ist diesmal von trister Lehmfarbe: Statt melancholisch (ver)blühender Waldlandschaften gibt es hier nur unbestellte Erdschichten, die den Schauspielern nach einer halben Stunde an den Klamotten kleben und nicht eben aussehen, als ob darin je noch mal etwas Gesundes wachsen könnte.

Dem gemäß ist Astrows müder Idealismus zur geschwätzigen Partyattitüde verkommen: Wenn Jens Harzers Landarzt sein ökologisches Gedankengut zum Besten gibt, klingt das eher nach "Klar bin ich auch gegen Klimakatastrophe" zwischen dem vierten und fünften Klaren am Mediziner-Stammtisch, wo im übrigen selbst der Zynismus mehr Accessoire denn Leidenschaft ist: Sehr zeitgemäß.

So einer, das steht fest, würde Elena unter besseren Umständen nicht unterlaufen. Jedenfalls nicht einer Elena vom Schlage der Constanze Becker, die statt der gelangweilten Schönen als barsche Frühdesillusionierte im baumwollenen Männerschlafanzug oder im roten Landleben-Rolli auftritt – wobei sich die Barschheit in allererster Linie gegen sie selbst richtet. Diese Frau weiß genauer, als ihr lieb ist, dass die mal sabbernd grabschenden, mal elegisch durch die Luft rudernden Männerhände, die nach ihr greifen, nicht sie, sondern den letzten vermeintlichen Strohhalm aus ihrem verpfuschten Leben heraus meinen. Und in diesem verpfuschten Leben steckt sie selbst so tief genug drin, dass sie nur neurotisch abwehren und sich ihrerseits den Schwätzer von Landarzt zum lohnenden Objekt zurechtlügen kann. Hier geht es schließlich längst nicht mehr darum zu glauben, man könne das Ruder noch irgendwie herumreißen, sondern hier ist schon der bloße Glaube an den Glauben das Höchste der raren Glücksgefühle!

Slapstick in den Abgründen

Auf eine entsprechend unterschwellig aggressive Art spricht, schweigt und leidet hier jeder am anderen vorbei. Sich auch noch ansatzweise mit der Frustration des Nächsten auseinanderzusetzen, überstiege schlichtweg die letzten mobilisierten Selbserhaltungskräfte. Wer sich mal, wie Elena und Meike Drostes ebenfalls eher ruppig auf Eigen(über)leben als auf Tschechowsche Duldsamkeit ausgerichtete Sonja verschwistert, tut es keinesfalls unter zwei Promille und aus Sympathie, sondern aus schlichter Einsamkeitsnot.

Und aus alledem hat Gosch nun dreieinhalb Stunden großen Schauspielertheaters gemacht! Wenn Beckers Elena in einer Mischung aus resignierter Duldung und Ekel das brachial-besitzergreifende Um-sich-Grabschen ihres Pflegefalls von Gatten alias Christian Grashof über sich ergehen lässt, der ihr mit seinen aufmerksamkeitsheischenden Schmerzensschreien wahrscheinlich schon die siebte Nachtruhe in Folge stiehlt, ist das hochkarätiger Slapstick – der sich schmerzlich gut in den Abgründen auskennt. Großartig auch, wie Elena später diese kleine Hoffnung auf die Hoffnung in Gestalt Astrows völlig aus der Bahn wirft und Harzers Arzt unter der eitlen Schwätzer-Attitüde plötzlich so etwas wie ein Gefühl hervorgräbt, ohne es gleich himmelstürmend zu übertreiben.

Vor allem aber ist es der Abend des Ulrich Matthes: Wer wirklich sehen will, wie es ausschaut, wenn Träume platzen und sich dann ein ganzes fehlgeleitetes Leben auflöst – gnadenlos überzeugend, äußerst schmerzhaft und dabei vollständig unsentimental – muss diesen Schauspieler als Onkel Wanja erleben! Matthes lässt den Titel-Antihelden, der dem egomanischen Kunstwissenschaftler-Pflegefall aus verfehlter Verehrung sein ganzes Leben zu Füßen gelegt hat, vom anfänglichen Zynismus des Intellektuellen Stufe um Stufe fallen: Irgendwann gibt es wenigstens noch die rückwärts gewandte Sehnsucht, was das hätte sein können: ein Leben. Nach dreieinhalb Stunden ist dann noch nicht mal mehr sekundenweiser Selbstbetrug möglich. Da bleibt nur die finale Einsicht, dass es fortan ohne regressiven Illusionszipfel dem Ende zugeht – und wenn man Pech hat, noch nicht mal schnell. Matthes laufen die Tränen übers Gesicht, während Sonja ihn mit ihren jenseitigen Verheißungen aufzumuntern versucht. Wann sah man im Theater zuletzt einen Schauspieler derart weinen, ohne dass es sentimental wirkte, sondern einfach nur knallhart? Stimmig?



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