Deutsche Kleinstädte "Im Saarland sieht es deprimierender aus als im Osten"

Es ist leicht, sich über Kleinstädte lustig zu machen, sagt Fotografie-Legende Ute Mahler. Sie näherte sich den Orten und Menschen mit Respekt. Dann aber konnte sie den Schrecken nicht weglachen.

Ute Mahler & Werner Mahler/ Hartmann Books

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Sie haben deutsche Kleinstädte fotografiert - und zwar die hässlichen. Warum?

Ute Mahler: Wir finden sie nicht hässlich, sie sind einfach nur ganz normal. Viele Kleinstädte haben ein Problem: Die Bevölkerung überaltert, und die Gemeinden kämpfen mit riesigen Finanzlöchern. Mein Mann und ich haben unsere Jugend in Kleinstädten als sehr schön und prägend erlebt. Wir haben uns gefragt: Wer wohnt dort heute noch, und warum? Und gibt es etwas, das alle Kleinstädte verbindet?

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Tausende solcher Orte mit bis zu 20.000 Einwohnern. Wie haben Sie "Ihre" Kleinstädte ausgewählt?

Zur Person
  • Dawin Meckel/ OSTKREUZ
    Die Fotografin Ute Mahler, 69, ist Professorin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Gemeinsam mit ihrem Mann Werner Mahler hatte sie nach dem Mauerfall die Berliner Fotoagentur Ostkreuz gegründet, die mehrfach mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. Für das Projekt "Kleinstadt" reisten Ute und Werner Mahler drei Jahre lang in deutsche Kleinstädte.

Mahler: Wir haben uns von Zahlen leiten lassen: Wo gehen Bevölkerungszahlen dramatisch zurück, wo sind strukturschwache Regionen? In diesen Gegenden wird das Dilemma besonders deutlich - die Jugend geht fort und mit ihr die Zukunft. Diese Städte sind nicht besonders pittoresk oder romantisch. Die Ladengeschäfte sind leer, es gibt keine vorzeigbaren Sehenswürdigkeiten. Es gibt Regionen in Deutschland wie Baden-Württemberg oder Bayern, da scheint das Leben in Kleinstädten noch zu funktionieren. Wir waren dort, aber haben nicht fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Baden-Württemberg wegzulassen verzerrt aber doch das Gesamtbild?

Mahler: Es ist eine subjektive Arbeit, keine dokumentarische. Es ist unsere Sicht auf ein gesellschaftliches Phänomen, das sehr viele Menschen betrifft. Wir haben versucht, die vielen Orte auf eine Kleinstadt zu verdichten. Natürlich ist Rotenburg ob der Tauber ein vorzeigbarer, funktionierender, lebenswerter Ort. Doch in den vielen blasseren Kleinstädten ist es schwieriger, zu bleiben. Wir haben uns auf die jungen Menschen konzentriert. Sie sind in diese Orte hineingeboren und könnten deren Zukunft sein. Doch das geht nur, wenn die Bedingungen stimmen: Ausbildungsmöglichkeiten, Arbeitsplätze.

SPIEGEL ONLINE: Von all dem gibt es zu wenig. Wie bildet man das ab?

Mahler: Es war eine undefinierte Suche nach etwas, was sich mitzunehmen lohnt, ohne konkrete Situationen oder Personen im Sinn zu haben. Ich hatte fast immer das Gefühl, ich sei am falschen Ort zur falschen Zeit. Aber vielleicht gehört das eben auch zum Kleinstadtgefühl. Man ist einfach da und harrt der Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach langer Warterei. Brauchten Sie viel Geduld?

Mahler: Ja, denn die meiste Zeit über sind Kleinstädte einfach leer. Morgens um sieben fahren die Jugendlichen mit dem Bus in die Schulen in die nächsten größeren Städten, nachmittags verschwinden sie wieder in den Wohnungen der Eltern. Im Stadtbild tauchen sie fast nie auf. Nur an Bushaltestellen treffen sie sich oder an den kleinen Bahnhöfen. Nicht etwa, weil sie irgendwohin fahren wollen - an der Haltestelle ist einfach eine Überdachung, da sind Bänke, und irgendwann kommt mal jemand vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Da sind natürlich zwei Profifotografen, die um Bilder bitten, ein außergewöhnliches Ereignis.

Mahler: Das waren tolle Begegnungen. Die Jugendlichen haben erstaunlich positiv und offen reagiert, sie waren auffallend höflich. Nicht einmal haben wir einen Korb bekommen, im Gegenteil: Manchmal haben die Jugendlichen noch Freunde angerufen, die auch zur Clique gehörten, damit die auch mit aufs Bild kamen. In solchen Fällen haben wir eben noch eine halbe Stunde gewartet. Verabredet haben wir uns nie. Wir haben die Jugendlichen angesprochen und sie ihre Ideen entwickeln lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sahen deren Zukunftspläne aus?

Mahler: Zumindest die Hälfte der Teenager um 15 Jahre, mit denen wir gesprochen haben, würde gerne in der Heimat bleiben, sie lieben das starke Gemeinschaftsgefühl. Doch ab einem Alter von 18 oder 19 Jahren kommen Zweifel: "Was soll ich denn hier?" Sie erträumen sich ein aufregendes, gutes Leben, und davon verspricht man sich in der Großstadt eben mehr.

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Ute und Werner Mahler:
Kleinstadt

Hartmann Projects Verlag; 144 Seiten; 49,00 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Spürten Sie da einen Unterschied zwischen Ost und West?

Mahler: Gar nicht. Eher noch zwischen Nord und Süd - in der Oberpfalz wirkten die jungen Leute viel offener als in Schleswig-Holstein. Aber Ost oder West, das scheint in der Generation der heute 20-Jährigen endlich keine Rolle mehr zu spielen. Da gab es ganz andere Überraschungen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Mahler: Ich hatte nicht erwartet, wie deprimierend es etwa im Saarland aussieht. Das ist viel gravierender als in ostdeutschen Kleinstädten, in deren Sanierung nach der Wende ja viel Unterstützung geflossen ist. Dort sehen Straßen und Fassaden teilweise aus wie perfekte Kulissen, in denen man nur die Statisten vermisst. Im Saarland fehlen die Leute auch - doch es sieht noch trostloser aus, weil dort die große Sanierungswelle in den Sechziger- und Siebzigerjahren war und danach nicht mehr viel passiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist Ihr Bildband sehr sensibel geworden - er zeigt keine alten Menschen, hässliche Gaststätten, trostlose Spießigkeit.

Mahler: Ach, es wäre so leicht gewesen, die vielen Hässlichkeiten zu zeigen. Etwa wenn Menschen versuchen, ihrem Haus einen individuellen Touch zu geben, anzubauen, zu umzäunen. Doch wir wollten nicht vorführen. Wir wollten genau hinschauen und uns mit Respekt nähern. Das tut manchmal allerdings mehr weh, weil man den Schrecken nicht weglachen kann.

Im Video: Lost in Löbau - Niedergang einer sächsischen Kleinstadt

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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
skeptiker97 05.12.2018
1. Gute Sache!
Hier wird mal ein flächendeckendes Problem aufgegriffen, das m.E. wichtiger ist, als die Befindlichkeiten von Großstädtern oder "Zugewanderten". Das hier betrifft viel mehr Menschen. Zudem wird immer beklagt, daß die Ballungsgebiete immer mehr Wohnungs-, Verkehrs- und Umweltprpbleme haben. Hier bestünde die Möglichkeit, Anreize zu schaffen, meht Produktivität in der Fläche anzusiedeln. Aber dazu erfordert es etwas mehr Interesse und Kreativität der Politik in D. Aber da sieht es schlecht aus: Kreativität Fehlanzeige und Interesse ist da mehr an Großstädten, "Zugwanderten" und allenfalls an Problemregionen außerhalb von D. Das beginnt schon bei Fragenn der Infrastruktur in der Fläche, die man vernachlässigt.
Nikolas Schürmann 05.12.2018
2. Man sollte es nicht überdramtisieren
Auch wenn es sicherlich ein Stadt Land Gefälle gibt: Auch die Deutschen die auf dem Land wohnen, sind im internationalen Vergleich sehr reich. Das Problem an Dörfern und Kleinstädten sehe ich darin, dass man nur in Großstädten wirklich studieren kann. Natürlich ziehen die Jugendlichen dann nach dem Abitur weg.
frafra 05.12.2018
3. Beispiel Saarland
Da können wir uns lebhaft vorstellen was uns mit einer KKH in Deutschland erwartet. Sie war ja Ministerprädidentin im Saarland als die Koalition mit Pauken und Trompeten zusammengebrochen ist.
gixxe97 05.12.2018
4. Blödsinn
Zitat von frafraDa können wir uns lebhaft vorstellen was uns mit einer KKH in Deutschland erwartet. Sie war ja Ministerprädidentin im Saarland als die Koalition mit Pauken und Trompeten zusammengebrochen ist.
AKK ist viel zu jung, um das verbockt zu haben. Sie denken viel zu kurz. Solche Ereignisse brauchen Jahrzehnte. Da waren auch andere Parteien beteiligt.
spon-facebook-1261351808 05.12.2018
5. Nie wieder Kleinstadt!
Da Deutschland insbesondere in der Provinz immer weiter nach recht abdriftet, lobe ich mir doch mein Leben in der Großstadt. Ich komme aus einer schwäbischen Kleinstadt und weiß, wovon ich rede...
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