Deutschland in Schwarz-Rot-Gold Köhler und Künast erfreut über Fahnenmeer

Bundespräsident Horst Köhler und Grünen Fraktionschefin Renate Künast sehen die massive Präsenz von Deutschlandflaggen anlässlich der WM positiv. Dies sei kein Vorbote eines neuen Nationalismus. Eine portugiesische Zeitung bezeichnete die WM als "die beste Gruppentherapie" für die Deutschen.


Berlin – Bundespräsident Köhler bezeichnete das schwarz-rot-goldene Flaggenmeer als etwa Schönes, weil die Menschen sich durch das Zeigen der Fahnen mit der Nationalelf identifizierten. Es sei zudem Ausdruck ihrer Freude, dass die WM in Deutschland stattfinde, erklärte der Präsident heute im Deutschlandfunk. Er würde das nicht als "Fahnenrausch" bewerten, "aber doch als Hinweis, dass sich das Land weiter normalisiert, dass man jetzt unverkrampfter auf seine eigene Nationalflagge zeigt und sich mit ihr schmückt". Für einen Vorboten eines neuen Nationalismus halte er die Fahnenpräsenz nicht.

Baby in Fankluft: "Ganz ohne Krampf"
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Erleichtert äußerte sich das Staatsoberhaupt, dass es während der WM bislang nicht zu rassistisch motivierten Gewalttaten gekommen sei. Man dürfe aber nicht übersehen, dass es Probleme mit der Fremdenfeindlichkeit gebe. Diese habe sich Deutschland aber zum Teil selbst zuzuschreiben, weil es die Integration von Ausländern verschlafen habe.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast hat die nationale Begeisterung, die die deutsche Bevölkerung angesichts der Fußball-WM ergriffen hat, als positives Zeichen gewertet. "Ganz Deutschland jubelt schwarzrotgold - und Freunde aus aller Welt feiern fröhlich mit", schreibt Künast in einem Gastbeitrag für "Bild am Sonntag". Die Fußball-WM sei ein "Fest der Farben, der Nationen, der Menschen, und Schwarzrotgold ist unser Ausweis als Gastgeber: Kommt her, wir zeigen euch, wie schön Deutschland sein kann".

"Gruppentherapie für die Deutschen"

Gleichzeitig bezeichnete Künast die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte als Voraussetzung für die nationale Begeisterung. "Jetzt erscheint uns das alles so normal, macht viel Spaß und ist ganz ohne Krampf", sagte sie und fügte hinzu: "Wir verdanken das gerade auch unserer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte." Das Holocaust-Mahnmal in Berlin sei dafür ein Symbol. Deshalb könnten die Deutschen entspannt mit Freunden aus allen Teilen der Welt feiern. So schwenke das ganze Land mit demokratischer Leichtigkeit die schwarz-rot-goldenen Fahnen - "ohne dass daraus Nationalismus wächst, ohne dass daraus ein Vorwurf entsteht". Das sei faszinierend.

Die internationale Presse wertete Patriotismus-Welle bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland einhellig positiv. "Die Fans des Teams von Jürgen Klinsmann müssen sich nicht mehr mit den Erinnerungen ihrer Eltern herumplagen, die mit einem kollektiven Schuldgefühl wegen der Verbrechen des Hitler-Regimes aufgewachsen waren", schreibt die Pariser Zeitung "Le Monde". "Vor nicht so langer Zeit hatte das Schwenken der Nationalflagge noch als deplatziert gegolten." Das Konkurrenzblatt "Libération" bescheinigt den Deutschen: "Sie haben allen Grund, auf ihre Erfindungen stolz zu sein - wie die Lederhose, den Porsche, das Aspirin oder die Wurst ohne Pelle."

Die WM half den Deutschen nach Ansicht der US-Zeitung "The Miami Herald" dabei, ein lange Zeit unterdrücktes Gefühl von Nationalstolz zu entdecken. Die mexikanische Zeitung "El Universal" berichtet: "Deutschland hüllt sich mit einer Begeisterung in Schwarz-Rot-Gold, wie man es seit Kriegsende noch nicht erlebt hat. Die kollektive Buße währte 61 Jahre. Der Zauber des Fußballs setzte ihr ein Ende." Das portugiesische Blatt "Diário de Notícias" ergänzt: "Die WM wird zur besten Gruppentherapie für die Deutschen, die sich mit großen Identitätskomplexen herumplagen, obwohl sie Exportweltmeister sind und ein großzügiges Sozialsystem haben."

Deutschlandlied "aus großer demokratischer Tradition"

Nach Kritik an der Nationalhymne durch die Lehrergewerkschaft GEW hat der Berliner Historiker Christoph Stölzl das Deutschlandlied gegen Vorwürfe des Nationalismus verteidigt. Die Hymne sei "aus großer demokratischer Tradition" entstanden. Die Wiedergewinnung des Liedes in der Bundesrepublik nach dem Krieg sei ein "legitimer Teil der Erinnerung eines Volkes" gewesen, "gegen die bösen Erinnerungen und die Schändung durch die Zwangsverbindung mit dem Horst-Wessel-Lied der Nationalsozialisten". Das sei ein wichtiges Zeichen für den demokratischen Neubeginn in Deutschland gewesen..

Im übrigen sei der Inhalt des Deutschlandliedes im Vergleich zu manchen anderen kämpferischen Nationalhymnen "sehr moderat im Ton, da fließt kein Blut". Die anderen Nationen könnten zudem gut unterscheiden "zwischen historisch gewordenen Texten und der aktuellen friedlichen Gesinnung" eines Volkes, erklärte der langjährige Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

Auch das zurzeit allgegenwärtige Meer von schwarz-rot-goldenen Fahnen bei der Fußball- Weltmeisterschaft findet Stölzl "völlig normal, mir gefällt das". Das sei ein "normaler Flaggen-Code", wie er bei allen Völkern bei feierlichen Stimmungen selbstverständlich sei. "Völker dürfen auch mal festlich sein und nicht nur verbissen."

hda/Reuters/dpa/ddp



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