Kommentar zum WM-Rausch Nach Tagen wie diesen

Neuer! Müller! Klose! Götze! Löw! Heute erlebt Deutschland noch mal Jubel am Brandenburger Tor, danach ist die Weltmeisterschaft endgültig vorbei. Und dann?

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Fanmeilen-Besucher: Bis gerade eben noch die allerwichtigste Sache der Welt
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Fanmeilen-Besucher: Bis gerade eben noch die allerwichtigste Sache der Welt


Doch, doch, lassen Sie es ruhig noch etwas dran, das Deutschlandfähnchen am Auto, und die Außenspiegelkondome in Schwarz-Rot-Gold können auch noch bleiben - darf jeder sehen, wie stolz Sie sind auf diese tolle Mannschaft, auf Jogi Löw und seine Weltmeister.

Heute gibt es noch mal Grund zum Jubeln, die deutsche Fußballnationalmannschaft kehrt siegreich heim aus Brasilien, auf der Fanmeile am Brandenburger Tor wird sie sich feiern lassen, es werden Hunderttausende erwartet, parken Sie bitte außerhalb. Kommen Sie früh, bald wird wegen Überfüllung geschlossen sein, holen Sie sich als Erstes ein Bier oder am besten gleich drei, soll schwül werden in Berlin. Und dann brüllen Sie Ihre Freude heraus, noch einmal, Neuer! Klose! Müller! Götze! Weltmeister!

Und dann, ein paar Stunden später, oder vielleicht erst morgen, werden Sie langsam wieder nüchtern. Die WM ist endgültig aus, die Spieler sind in den Urlaub gefahren, am Brandenburger Tor hat die Stadtreinigung auch die letzten Schland-Ketten zusammengekehrt, und jetzt kommt die Leere nach den Spielen. Schön war die Zeit, jetzt ist sie vorbei.

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Fußball, bis gerade eben noch die allerwichtigste Sache der Welt, schrumpft wieder zusammen auf eine Angelegenheit für Bundesligafans, und die Medien werden sich bald auch wieder beruhigen, möglicherweise sogar das ZDF und auch SPIEGEL ONLINE, und wo gerade noch Jubelbilder in Dauerschleife zu sehen waren, wird es wieder trist. Vielleicht haben Sie es ja nebenher in einer Halbzeitpause wahrgenommen, zwischen Expertengespräch und Cola-Werbung: Die Welt ist nicht besser und jedenfalls nicht friedlicher geworden, während sich der Großteil ihrer bessergestellten Bewohner im Fußballdelirium befand.

Vielleicht geht ja doch noch etwas

Und jetzt kommt der Absatz, den niemand lesen mag, die schlechte Laune, all die schlimmen Dinge, die sich so leicht wegdrücken ließen während der Weltmeisterschaft: Im Irak verbreitet eine Terrorarmee Angst und Schrecken, in Syrien bringen sie sich nach wie vor gegenseitig um, über Israel und dem Gazastreifen fliegen Raketen und Kampfjets, im Osten der Ukraine herrscht Bürgerkrieg, und was Argentinien betrifft, ist es jetzt nicht mehr interessant, wie Lionel Messi zu decken ist, sondern interessant ist, ob der ganze Staat demnächst wieder pleitegeht, weil er nicht in der Lage ist, die Traumrenditen eines Hedgefonds zu bedienen.

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Beziehungsweise: Das ist selbstverständlich überhaupt nicht interessant, kein Mensch interessiert sich dafür. Und es wäre ziemlich naiv, jetzt zu erwarten, dass das Interesse an den Problemen dieser Welt schlagartig steigt, nur weil die WM vorbei ist. Es wäre eine recht unrealistische Forderung, dass man sich ab heute Abend doch bitte wenigstens halb so viel aufregen könnte über die soziale Ungleichheit in Brasilien wie noch vor Tagen über einen nicht gegebenen Elfmeter. Nein, das wäre zu viel verlangt.

Aber vielleicht geht ja doch noch etwas, vielleicht könnte eine Erkenntnis bleiben über die Spiele hinaus, eine Tatsache, die sich die Bewohner dieses Landes wenigstens einmal kurz vor Augen führen könnten, nachdem sie sich heiser gejubelt haben und bevor sie wieder beginnen, sich über das Büro zu ärgern, über die Steuer und die Nebenkostenabrechnung:

Es geht uns verdammt gut hier, uns Weltmeistern.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kuzmany leitet den Bereich Meinung und Debatte bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 72 Beiträge
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walk&talk 15.07.2014
1. Ankunft wird gegen 1030 Uhr sein in Tegel.
Ich hoffe die Mannschaft wird trotz der 2 stündigen Verspätung herzlich gefeiert.
weserwasser 15.07.2014
2.
Zitat von sysopGetty ImagesNeuer! Müller! Klose! Götze! Löw! Heute erlebt Deutschland noch mal Jubel am Brandenburger Tor, danach ist die Weltmeisterschaft endgültig vorbei. Und dann? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/deutschland-nach-dem-wm-gewinn-weltmeister-kommentar-a-981024.html
dann geht´s ganz normal weiter , Freundschaftspiele gehen verloren , Bayern wird wieder Meister , Hoeneß wird vorzeitig entlassen - wegen guter Führung , über Löw wird geschimpft , usw usw
ekel-alfred 15.07.2014
3. Ernüchterung nach WM Rausch!
Zitat von sysopGetty ImagesNeuer! Müller! Klose! Götze! Löw! Heute erlebt Deutschland noch mal Jubel am Brandenburger Tor, danach ist die Weltmeisterschaft endgültig vorbei. Und dann? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/deutschland-nach-dem-wm-gewinn-weltmeister-kommentar-a-981024.html
Das kommt immer auf den Standpunkt an.... es war auch schon mal besser! Sicher, wir haben hier Frieden. Aber wohin steuert dieses Schland? Bei den derzeitigen Umverteilungsorgien könnte der soziale Frieden, der erste sein, der bricht.
Nabob 15.07.2014
4. ...danach endgültig vorbei ...
Zitat von sysopGetty ImagesNeuer! Müller! Klose! Götze! Löw! Heute erlebt Deutschland noch mal Jubel am Brandenburger Tor, danach ist die Weltmeisterschaft endgültig vorbei. Und dann? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/deutschland-nach-dem-wm-gewinn-weltmeister-kommentar-a-981024.html
Und dann fällt der deutsche Sportjournalismus in großes schwarzes Loch und die Aktiven sind endlich erlöst und können ihren persönlichen Erfolg endlich allein mit ihren Liebsten genießen. Auch der gemeine Konsument ist erlöst, weil Menge bekanntlich Qualität beseitigt.
rödelkröte 15.07.2014
5. es geht uns verdammt gut ...
"Aber vielleicht geht ja doch noch etwas, vielleicht könnte eine Erkenntnis bleiben über die Spiele hinaus, eine Tatsache, die sich die Bewohner dieses Landes wenigstens einmal kurz vor Augen führen könnten, nachdem sie sich heiser gejubelt haben und bevor sie wieder beginnen, sich über das Büro zu ärgern, über die Steuer und die Nebenkostenabrechnung: Es geht uns verdammt gut hier, uns Weltmeistern." Und wie so oft wird auch hier schweigend über die Tatsache hinweggegangen, dass es viele gibt, für die es ein LUXUS wäre, sich über "das Büro zu ärgern, die Steuern und die Nebenkostenabrechnung". Für viele geht es auch in diesem Land nur noch um das schiere, nackte Existieren, völlig unbemerkt von allen Bessergestellten und bestenfalls argwöhnisch beäugt.
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