Unesco-Abkommen zu Kulturerbe: Fasching, Jodeln, Spreewaldgurke

Von Karoline Kuhla

Werden Oktoberfest, Kölner Karneval oder Grünkohl mit Pinkel bald Unesco-Kulturerbe? Die Bundesrepublik beschloss am Mittwoch den Beitritt zu einem Abkommen, das kulturelle Traditionen, Bräuche und Feste unter Schutz stellt - und mit einem prestigeträchtigen Titel versieht.

Schützenswerte Bräuche: Das ist das immaterielle Deutschland Fotos
DPA

Gehört das Osterfeuer dazu? Der Kölner Karneval? Wie wäre es mit der Spreewaldgurke? Und was ist mit dem Schuhplattler? Oder der Augsburger Puppenkiste? Sind die nicht auch unverzichtbar für die deutsche Kulturidentität? Diffizile Fragen - über die sich jetzt Herr Wulf und Frau Merkel den Kopf zerbrechen dürfen.

Denn nach jahrelanger Verzögerung hat Deutschland am Mittwoch endlich die Unesco-Konvention zum sogenannten immateriellen Kulturerbe ratifiziert - das Kabinett beschloss den Beitritt, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) mitteilte. Nun gilt es, eine nationale Liste mit schützenswerten Gütern zu erstellen, von der Deutschland jährlich zwei Vorschläge einreichen darf.

Laut offizieller Definition gelten als immaterielles Kulturerbe - nicht zu verwechseln mit dem Weltkulturerbe - "lebendige kulturelle Ausdrucksformen, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen werden". Die Formulierung soll verhindern, dass Traditionen künstlich am Leben gehalten oder wiederbelebt werden.

Über die Aufnahme einer Tradition und damit die Titelvergabe befindet ein Ausschuss, rotierend zusammengesetzt aus den Mitgliedstaaten des Abkommens - seit 2003 sind insgesamt 148 Staaten beigetreten. Den Anfang machten Länder wie Algerien, China, Litauen und Lettland, Weißrussland, Syrien, die Arabischen Emirate, Kroatien, Oman und Peru. Außer Island war unter den 30 Gründerstaaten kein westliches Land vertreten.

"Es war ursprünglich ein asiatisches Projekt. Dort hat man einen anderen Blick auf Kulturerbe, menschliches Können steht im Vordergrund", erklärt Christine M. Merkel, Leiterin des Fachbereichs Kultur bei der Deutschen Unesco Kommission (DUK). Die mit Weltkulturerbe- und Weltnaturerbetiteln gesättigten westlichen Staaten ließen sich Zeit. Mit Belgien, Frankreich, Norwegen, Griechenland und Italien traten ab 2006 ein paar erste europäische Schwergewichte dem Abkommen bei.

Deutschland zögerte etwas länger. Zum einen sei es ein wenig unklar, nach welchen Kriterien ausgewählt werden würde; eine recht typisch deutsche - ebenfalls schützenswerte? - Sehnsucht nach Ordnung und Regeln. Zum anderen habe man Bedenken, es könne Missbrauch aus ökonomischen, politischen oder ideologischen Interessen geben, so Christine M. Merkel: "Wir haben enorme Instrumentalisierungen im völkischen und später im sozialistischen Bereich erlebt."

Absage ans Oktoberfest

Nun aber blicken die deutschen Kulturschützer nach vorne. Ist der Beitritt vollzogen, dürfte in Deutschland eine Diskussion um das immaterielle Kulturerbe ausbrechen, die ganze Talkshow-Wochen füllen könnte: Wo verläuft die Grenze zwischen Kitsch und Kultur? Und Kultur und Kommerz? Scheiden sich die Geister an Schrebergarten, Weinkönigin oder Grünkohl mit Pinkel? Werden Katholiken und Protestanten um Reformations- oder Dreikönigstag feilschen? Und schaffen es Meenzer Fassenacht, Kölner Karneval sowie Würzburger Fasching, sich für die fünfte Jahreszeit stark zu machen?

Damit eine Ausdrucksform zum immateriellen Kulturerbe erklärt werden kann, muss sie bestimmte Kriterien erfüllen. Es muss Menschen geben, die sie als Teil ihres Kulturerbes ansehen, sie ausüben und von einer Generation an die nächste weitergeben. Dabei können die Ausdrucksformen auch fortwährend neu gestaltet werden. Entscheidend ist, dass sie ein Gefühl von "Identität und Kontinuität" vermitteln und nicht gegen internationale Menschenrechtsübereinkünfte verstoßen.

Viele kulturelle Traditionen sind nicht national begrenzt, sondern auch im Ausland Sitte. Deshalb sind gemeinsame Nominierungen möglich. Die Falknerei wurde beispielsweise von elf Staaten nominiert, darunter Frankreich, Katar, Südkorea und Syrien. Für das Chorgemeinschaftswesen, die Jodelkunst und die Reetdachdeckerei könnte sich Deutschland gemeinsam mit den baltischen Staaten, Österreich und der Schweiz beziehungsweise Holland engagieren.

Die Unesco-Kategorien umfassen "mündliche Traditionen und Ausdrucksformen", "darstellende Künste", "gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste", "Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur und dem Universum" sowie "Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken". Bei allen gilt: "Folklore zu kommerziellen Zwecken" ist verboten.

Doch natürlich sind mit der Auszeichnung finanzielle Hoffnungen verbunden - auf den Titel dürften Touristen folgen. Kritisch dürfte wegen des Kommerzverbotes die Nominierung des größten Volksfestes der Welt werden: Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende im Münchner Stadtrat, Helmut Schmid, hat bereits einen Antrag gestellt, das Oktoberfest nicht zum Kulturerbe zu erklären. Schmid, der auch Wiesnstadtrat ist, kommentierte die Idee mit: "Ich halte das schlichtweg für einen ausg'machten Schmarrn." Der Münchner Stadtrat hat in der Sache noch keine Entscheidung getroffen. Man wolle abwarten, bis der Ratifizierungsprozess abgeschlossen sei, heißt es aus der Landeshauptstadt.

Die Deutsche Unesco-Kommission begrüßt den Beginn der Diskussion. Die Gespräche sollten von "unten nach oben" geführt werden, so wünscht es sich DUK-Vizepräsident Wulf, sprich: Das Volk soll Vorschläge einreichen, auch Nichtregierungsorganisationen seien aufgerufen. Wie genau das nationale Entscheidungsgremium zusammengesetzt sein wird, ist bisher ungeklärt. Fest steht: Kultur ist Ländersache. 16 Bundesländer müssen sich also pro Jahr auf zwei Kandidaten einigen - da ist Streit programmiert.

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SchneiderG 13.12.2012
Zitat von sysopOktoberfest; Meenzer Fassenacht, Kölner Karneval sowie Würzburger Fasching
Welch ein Unsinn sowas überhaupt als Vorschlag einzubringen. Wenn überhaupt wäre es die "alemannische Fastnacht" die auch noch länderübergreifend Tradition hat.
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