Deutschland-Türkei Der Podolski-Patriotismus

Kein Fußball-Krieg, nirgends: Wenn Fatih Terims Mannen gegen die deutsche Elf spielen, werden sich viele Türken in Deutschland doppelt patriotisch fühlen. Da greift das Podolski-Prinzip: Mit dem einen Land treffen - und mit dem anderen trauern. Oder umgekehrt.

Von Reinhard Mohr


Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, sagt der Volksmund. Aber wir wissen auch: Er ist zugleich Ersatzkrieg und Ersatzreligion. Das zeigt sich schon jeden Samstag im Normalbetrieb der Bundesliga. Erst recht gilt das für Welt- oder Europameisterschaften, wo immer wieder archaische, nationalistisch gefärbte Gefühlswelten aufbrechen.

Die Metaphorik ist entsprechend: Von deutschen "Panzern" schreiben türkische Zeitungen vor dem heutigen Halbfinalspiel Deutschland-Türkei, während die andere Seite prophezeit, die Türken würden heute, wie anno 1683 vor den Toren Wiens, dem Austragungsort des EM-Finales, gestoppt werden. Wird es also doch "echten" Krieg geben heute Abend? Unsinn.

Erinnern Sie sich noch an die widerwärtige Propaganda einiger polnischer Boulevardblätter, an das Bild mit den abgeschnittenen Köpfen von Löw und Ballack? Oder an den Versuch der Österreicher, mit der legendären "Schmach von Cordoba" Angst und Schrecken zu verbreiten? In beiden Fällen wurde das chauvinistische Kampfgeschrei zum Bumerang – vor allem auf dem grünen Rasen. Kein Krieg, nirgends. Stattdessen 1:0, 2:0. Und ab unter die Dusche.

So wird es auch heute sein. Nur wer die Nerven behält und den besseren Fußball spielt, wird gewinnen. Wer sich vom national(istisch)en Fieber anstecken lässt, geht als Verlierer vom Platz. Dass ausgerechnet ein Intellektueller die schlimmste Entgleisung produziert hat, ist da fast schon wieder ein Trost. Kein Fußballfan, ob deutsch, türkisch oder deutschtürkisch, käme auf die abwegige Idee, die gut fünf Millionen Türken in der EU als "die neuen Juden Europas" zu bezeichnen – wie es Faruk Sen, der Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen getan hat.

Freilich gibt es auch Irrläufer ohne akademische Ausbildung, die, wie in Berlin-Kreuzberg, die Reifen von Autos mit türkischer Flagge zerstochen haben. Dabei ist Kreuzberg, jener Stadtteil Berlins, in dem mehr Türken leben als in vielen Städten hinterm Bosporus, in Wahrheit schon jetzt Gewinner des Halbfinalspiels: Wie auch immer das Spiel ausgehen wird, die Kreuzberger können in jedem Fall singen: "So seh'n Sieger aus, Schalallallüüllüü!" Eine passende deutsch-türkische Hymne kursiert schon im Internet.

Nicht wenige haben vorsorglich gleich doppelt geflaggt, türkisch und deutsch in allen Variationen und Kombinationen. Schon vor zwei Jahren, während der WM 2006, an der die Türkei gar nicht teilnahm, flatterten an vielen Kebab-Läden und Dönerbuden schwarzrotgoldene Fähnchen. Vom Sommer 1990 gar nicht zu reden, als türkische Jugendliche den Finalsieg der deutschen Nationalmannschaft auf dem Kurfürstendamm feierten. Und auch heute schlagen in mancher Brust, ob in Frankfurt oder Köln, Duisburg oder München, gleich zwei Herzen – für Deutschland und für die Türkei. Wie bei Hamit Altintop, gebürtiger Gelsenkirchener, der sogar bekennt, er verdanke "alles" Deutschland. Wer von uns eingeborenen Deutschländern würde das wohl sagen?

"Menetekel für diese Republik"

"Unsere Türken" lautet denn auch die hoffnungsfrohe, fast schon besitzanzeigende Überschrift des Leitartikels der konservativen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" – am Ende aber erscheint "der türkische Fahnenwald" doch wieder nur als "ein Menetekel für diese Republik", als unheilschwangeres Zeichen also.

Warum eigentlich? Gilt das auch für italienische, spanische oder französische Fahnenwälder? Es ist genau diese Sprache der Angstmacherei, die irrationale Reaktionen und Gefühle fördert und politisch in die Irre führt. Denn gerade das schwarzrotgoldene "Sommermärchen" von 2006 hat gezeigt, dass Heiterkeit und Selbstbewusstsein keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.

Der viel beschworene neue deutsche Patriotismus ist daher das komplette Gegenteil eines ängstlichen, verdruckst-aggressiven Nationalchauvinismus, der sich ständig von fremden Mächten umzingelt fühlt. Die fröhliche Selbstverständlichkeit, mit der landauf, landab die Deutschlandfähnchen flattern, wird genauso von den türkischstämmigen Bürgern in Anspruch genommen, die ihren rot unterlegten Halbmond ans Taxi oder aus dem Fenster hängen.

Mehr noch: Aylin Selcuk, Gründerin des Vereins "Die Deukische Generation", erzählte vor zwei Tagen auf einer Veranstaltung in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin, beim Viertelfinalspiel gegen Portugal habe sie ein schwarzrotgoldenes T-Shirt getragen. Warum wohl? Weil die Neunzehnjährige, die im zweiten Semester Zahnmedizin studiert und perfekt Deutsch spricht, zwar türkische Eltern hat, aber in Deutschland geboren wurde. Wie viele andere ihrer Generation hat sie es satt, immer wieder als Fremde im eigenen Land wahrgenommen zu werden, auch wenn sie zum "Integrationsgipfel" bei der Bundeskanzlerin eingeladen wurde.

Dennoch will sie ihre Herkunft und die ihrer Eltern und Großeltern nicht verleugnen. Ganz einfach: Es handelt sich um das Phänomen eines gleichsam doppelten Patriotismus. Eine Art deutsch-türkischer Podolskismus: Für das eine Land treffen und mit dem anderen Land trauern. Und umgekehrt.

Dass diese zwiespältigen, gespaltenen und ambivalenten Identitäten immer mehr Teil der europäischen, also auch deutschen Gesellschaft sein werden, ist unübersehbar und wird nur von denen bestritten, die gar nicht wissen, wer sie sind und deshalb um sich schlagen.

Wenn die türkische Mannschaft heute wider Erwarten schwächeln oder gar verlieren sollte, dann kann das nur einen Grund haben. Günter Wallraff enthüllt: "Ich war Hakan." Im Übrigen gilt der berühmte Satz des Alten Fritz: "Dann jubelt mal schön. Voll krass!"



insgesamt 11 Beiträge
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ichbinesselbst, 25.06.2008
1. Zusammen das Spiel ansehen
Ich wünsche gutes Wetter in ganz Deutschland ... und da wo es auch wirklich gut ist, dass die Leute Strassenfeste machen oder hinter ihren Häusern gemeinsam lecker brutzeln und auf einem grossen Flachbildschirm das Spiel gucken. Für mich ist es völlig egal, welche Nationalität, Religion, Hautfarbe etc jemand hat. 1. Er/Sie sollte einigermasen deutsch (oder auch gerne englisch) sprechen, damit man sich unterhalten kann und 2. er/sie sollte einfach ein anständiger Mensch sein, der den anderen achtet. Die Würde des Menschen ist unantastbar (Par. 1 des Grundgesetzes). Gemeinsames Feiern ist unersetzbar.
imation, 25.06.2008
2. Migrantenstadl
Was dieses ganze Migrantenstadl soll, das gerade Aufgeführt wird weiss ich nicht. Was ich weiss ist das für mich als Deutschen nur die deutsche Mannschaft zählt. Dies geht auch allen Freunden von mir so. Die Türken sind mir vollkommen Wurst.
dubidu 25.06.2008
3. Deutschland-Türkei: Der doppelte Patriotismus
So allmählich wird es albern um den Fußball!
dubidu 25.06.2008
4. ......
Zitat von imationWas dieses ganze Migrantenstadl soll, das gerade Aufgeführt wird weiss ich nicht. Was ich weiss ist das für mich als Deutschen nur die deutsche Mannschaft zählt. Dies geht auch allen Freunden von mir so. Die Türken sind mir vollkommen Wurst.
Den Türken sind wir auch Wurst! Aber wir können doch nicht verlieren, nur das es friedlich bleibt!
ach-nur-so 25.06.2008
5. Patriatismus: nur bedingt lobenswert
---Zitat--- betr. dieses Video auf youtube, welches ich nicht noch einmal näher benennen möchte ---Zitatende--- Da haben Sie sich und uns einen Bärendienst erwiesen, Herr Mohr. Schauen Sie mal in die Kommentare zum Video: Rassismus von beiden Seiten. Wenig zu sehen von "Duo-Patriotismus". ---Zitat--- Wie bei Hamit Altintop, gebürtiger Gelsenkirchener, der sogar bekennt, er verdanke "alles" Deutschland. Wer von uns eingeborenen Deutschländern würde das wohl sagen? ---Zitatende--- Das würde jeder Mensch sagen, der es in (bzw. durch) Deutschland zu etwas gebracht hat. Begreifen Sie endlich, dass die Probleme sozialer Natur sind, daraus resultierend erst "national(istisch)er". ---Zitat--- Aylin Selcuk, Gründerin des Vereins "Die Deukische Generation", erzählte vor zwei Tagen auf einer Veranstaltung in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin, beim Viertelfinalspiel gegen Portugal habe sie ein schwarzrotgoldenes T-Shirt getragen. Warum wohl? Weil die Neunzehnjährige, die im zweiten Semester Zahnmedizin studiert und perfekt Deutsch spricht, zwar türkische Eltern hat, aber in Deutschland geboren wurde. Dennoch will sie ihre Herkunft und die ihrer Eltern und Großeltern nicht verleugnen. ---Zitatende--- Sie argumentieren hier sogar mit meinen Gegenargumenten. Wenn Sie allerdings der Meinung sind, dass Integration an "Leuchttürmen" festzumachen ist, dann sei es Ihnen erlaubt. Der Punkt ist doch, dass eine herkunftsbewußte Zahnmedizinstudentin nicht als Ausgleich für das Phänomen "Erdogan in der Köln-Arena" herhalten kann. Ihr Beispiel kann allenfalls (und sollte sogar) den Anspruch erheben, als Leitbild angenommen zu werden. Nochmal: es ist ein soziales Problem, kein kulturelles. ---Zitat--- Im Übrigen gilt der berühmte Satz des Alten Fritz: "Dann jubelt mal schön. Voll krass!" ---Zitatende--- Im Übrigen gilt: der Glaube, sich die Welt schreiben zu können, wie man sie haben will, scheint bei Beck gut zu funktionieren. Diese Sache hier dürfte für Ihr journalistisches Selbstverständnis zu tief in der Proletarität des Alltags verwurzelt sein. Glauben Sie mir, EM und WM alle zwei Jahre werden die Mammutaufgabe der Integration nicht stemmen können. Fähnchen auch nicht - und seien sie noch so international. Zwar stirbt die Hoffnung zuletzt, aber sich die Dinge schöner zu reden, als sie sind, funktioniert nur, wenn niemand merkt, dass man genau das tut. Natürlich werden Deutsche und Türken, Deutschtürken, Türkischdeutsche und andere heute Abend friedlich miteinander feiern. Wer hat etwas anderes behauptet? :o) Und das, obwohl die EM als "sportlicher Wettkampf" betrachtet durchaus polasieren darf - ja soll. Ich jedenfalls erkenne keinen Grund, den Begriff "Patriotismus" ausgerechnet einen Wettkampf betreffend aufweichen zu wollen, um Frieden zu propagieren. Frieden ist für mich das friedliche Miteinander trotz unterschiedlicher Interessen! Der Versuch der Gleichmacherei des Friedes Willen ist kontraproduktiv. Letzte Frage: bei Podolski isses klar, aber wie begründet man Patriotismus für ein Land, dessen Erde man noch nie unter den Schuhsohlen gespürt hat? Mehr noch: kein Mallorca-Urlauber empfindet patriotische Gefühle für Spanien, die durch den Urlaub begründbar wären. Patriotismus bleibt Partriotismus - und nur bedingt lobenswert. Danke.
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