"Die Affäre Semmeling" Trotzdem schön

Jetzt ist Dieter Wedels "Affäre Semmeling" vorbei. Ein guter Film ist aus dem viel versprechenden Ansatz bis zum Schluss nicht geworden. Aber wenigstens das Drumherum hat Spaß gemacht. Eine Nachlese...

Von Christian Bartels


Regisseur Wedel: Jede Menge Gesprächsstoff
DDP

Regisseur Wedel: Jede Menge Gesprächsstoff

"Wann hat es aufgehört, Spaß zu machen?" - ein Dialogsatz gestern Abend im letzten Teil der "Affäre Semmeling", als die Karrieren des Kanzlerkandidatschafts-Kandidaten (Heinz Hoenig) und seines Beraters Sigi Semmeling (Stefan Kurt) abrupt endeten - und gleichzeitig das zentrale Motiv des Films: Wann hat der Wedel-Sechsteiler aufgehört, Spaß zu machen?

Unsere Politiker waren von Anfang an gespalten. Hamburgs Ex-Wirtschaftssenator Thomas Mirow, SPD, fand, die Wirkungsweisen der Großstadtpolitik würden nicht durchschaut: "Man ist nicht gespannt, man leidet nicht mit" ("SZ"). Ex-Wirtschaftsminister Oskar Lafontaine, auch SPD, fand die "Mauscheleien der Politik realistisch dargestellt". Denn in der Politik ginge es ja zu wie in jedem Karnevals- oder Kaninchenzuchtverein ("Hörzu"). Der amtierende Hamburger Bürgermeister Ole von Beust fand die Handlung fesselnd, aber der kommt ja auch von der CDU.

Aktive und nicht mehr aktive Politiker ließen verlauten, Wedel zeige Politik, "wie der kleine Moritz" sie sich vorstellt. Meist ließen sie es in so onkelhaftem Ton verlauten, wie der kleine Moritz, wenn es ihn im Informationszeitalter noch gäbe, ihn von seinen führenden Politikern vermuten würde. Man müsste die Deutschen mal befragen, ob sie gern von Politikern regiert würden, die "immer noch einen Ständer kriegen", wenn ihnen in der Politik mal wieder was gelungen ist (Dialogzitat Hoenig). Jedenfalls bot "Die Affäre Semmeling" jede Menge Gesprächsstoff.

Quote gleich Qualität?

"Semmeling"-Darsteller Kurt, Makatsch: Kein Hauch von Doppelbödigkeit
AP

"Semmeling"-Darsteller Kurt, Makatsch: Kein Hauch von Doppelbödigkeit

Großen Nachrichtenwert hatten die Quoten. Wäre das ZDF ein Privatsender und scharf nur auf unter 50-jährige Zuschauer, könnte es zufrieden sein, weil es von denen fast immer an die zwei Millionen erreichte - deutlich über Senderschnitt. Das ZDF wird aber ansonsten vor allem von Älteren eingeschaltet, von denen waren bei durchschnittlich 5,59 Millionen Zuschauern jedoch relativ wenige dabei. Selbst der ARD-Dreiteiler "Liebe, Lügen, Leidenschaften", produziert von der Lisa-Film am Wörthersee, seit Jahrzehnten unerschütterlicher Hort deutschsprachigen Schwachsinns ("Wenn mein Schätzchen auf die Pauke haut"), freute sich über mehr Zuspruch aus dieser Zielgruppe. Dass auch RTL-Wiederholungen noch mehr Quote machten, vermeldeten Medienressorts triumphal, als sei Quote der allseits anerkannte Maßstab für Qualität.

Wedel aber macht aus jedem Stoff mehrteilige Dramen, so auch aus der "Quotenkatastrophe". Erst übte er öffentliche Selbstkritik ("BamS"): "Eine so niedrige Quote hatte ich noch nie... Wenn es an jemandem liegt, dann muss es an mir liegen." Dann sagte er der "Saarbrücker Zeitung", man dürfe dem Zerstreuungsbedürfnis des Zuschauers nicht immer weiter entgegenkommen. Und während ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke glaubte, dass der nächste Wedel kein Sechsteiler werde ("Hannoversche Allgemeine Zeitung"), glaubte Wedel ("Nordwest-Zeitung", Oldenburg): "Es gibt eine Menge Leute, die sagen, sie würden es gerne sehen, könnten sich aber keine sechs Abende freihalten." Wie gesagt: jede Menge Gesprächsstoff.

Damit zum Film selbst: Die Kritik hatte zwei Teile vorab zu sehen bekommen und zeigte sich kollektiv angetan. Die ersten Teile hatten ja auch durchaus Spaß gemacht: als Exposition zum Porträt einer Schnäppchenjäger-Gesellschaft, in der Kleinsparer wie Großkonzerne Verluste gewinnbringend verlagern wollen, in der alle ihre Karrieren planen, nur der sympathisch ambitionsfreie Sigi Semmeling nicht. Es konnte schon so scheinen, dass der Sog, den Wedels "Schattenmann" vor sechs Jahren entwickelt hatte, wiederkommen würde.

Wundertüte voller Handlungsstränge

"Quotenkatastrophe": Zuschauerentwicklung der "Affäre Semmeling"
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"Quotenkatastrophe": Zuschauerentwicklung der "Affäre Semmeling"

Er kam aber nicht. "Die Affäre Semmeling" blieb eine Wundertüte voller Handlungsstränge, die der Autorenfilmer und Produzent Wedel nicht mehr unter Kontrolle kriegte. Zwei Subplots sollten Säulen der Handlung sein: der Finanzamt- Ärger der alten Semmelings und die Rathausintrigen. Schon die, freundlich formuliert, dramatische Verdichtung beider Stränge enttäuschte. Dass der alte Semmeling den alten SPD-Strippenzieher (Mario Adorf) bei der gemeinsamen Darmspiegelung im Krankenhaus kennen lernt - geschenkt. Aber die Story vom Erbe des Musikinstrumenten-Händlers Onkel Gustav macht bei retrospektiver Betrachtung den ganzen Finanzamts-Plot zum Nullsummenspiel: Erst stürzt das Erbe die Semmelings in den Ruin, weil sie das Haus verkaufen, obwohl es als Betriebsvermögen verbucht war. Dann entpuppen sich die alten Instrumente "wie durch ein Wunder" (ZDF-Pressetext) als unglaublich wertvoll und lösen alle Probleme.

Das ist ebenso schlicht gedacht, wie die Titelhelden entworfen wurden: Der alte Semmeling (Fritz Lichtenhahn) erschien zusehends als unbelehrbar dümmliche Witzfigur. Und sein Sohn Sigi nimmt als aufstrebender Politiker in aller Öffentlichkeit per Handschlag ein Darlehen aus der Industrie an. Das ist zu albern, um als Grundstein für Rathausintrigen zu taugen. Schlimmer noch ist aber, dass Sigi als einzige Schnittstelle beider Subplots nie zu jenem Sympathieträger wurde, den der Sechsteiler dringend gebraucht hätte. Keinen Hauch von jener Doppelbödigkeit, die er als "Schattenmann" im letzten "guten" Wedel entwickelt hatte, konnte Kurt zeigen. Im ganzen Film blieb er ein blasser Spießer, der ernst guckt und sich irgendwann offenbar entschließt, jetzt auch Karriere zu machen, aber mit niemandem darüber spricht. Einer, der in seinen wenigen emotionalen Momenten Sätze sagt wie "Manchmal muss man das Dorf verbrennen, um das Land zu retten" - noch vor 60 Jahren hätten weit über 50 Prozent der Deutschen das gut gefunden, eine tolle Quote.

Darsteller Adorf, Atzorn: Bärbeißige Machtklempner
ZDF/UWE ERNST

Darsteller Adorf, Atzorn: Bärbeißige Machtklempner

Dabei hat Wedel das Geschichtenerzählen gar nicht verlernt, an interessanteren Charakteren herrschte kein Mangel: Richy Müller mit seiner phänomenalen Nase etwa, der immer verkniffen guckend hinter Rathaussäulen stand und sich am Ende aufhängte - ein kleiner Verräter mit Fallhöhe, von dem man gern mehr erfahren hätte. Oder Heike Makatsch, die in leider wenigen Szenen den beschränkten Spielraum von Wedels Frauenbild gut ausgefüllt hat. Auch Mario Adorf, der in Teil sechs endlich (nach fünf Folgen Antizipation) auf dem Totenbett liegt und dann doch wieder aufersteht, so dass die schon ausgefallenen Haare wieder wuchern und die Altersflecken verpuffen, hat als bärbeißiger "Machtklempner" eine stereotype Rolle mit Leben befüllt.

Das waren nette Facetten, die "Die Affäre Semmeling" aber wie ein großer langer Dauer-Trailer abhakte, immer wieder mit Timing-Problemen kämpfend, mit Kamera-fährt-aufs-Gesicht-und-Schnitt-Bildsprache und Textpointen, die teils hübsch waren, teils doof und teils geklaut, wie Harald Schmidts Gagschreiber entdeckt hatten.

Alles in allem boten die "Semmelings" also viel Reibungsfläche - für TV-Entertainer, abgehalfterte Politiker und kleine Moritze, Spötter und Fans, Schnäppchenjäger und Kulturkritiker - kurz: gesamtgesellschaftlichen Gesprächsstoff. Schön eigentlich, dass es so etwas noch gibt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das ja auch einen Integrationsauftrag hat. Schade eigentlich, dass es wohl wieder vier Jahre bis zum nächsten Wedel dauert und der wohl kein Sechsteiler mehr ist.



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