Ausstellung "Food": Brot für die Kunst

Von Ingeborg Wiensowski

Bohnen auf einem Totenschädel, eine leuchtende Skulptur aus Brot: In der Genfer Schau "Food. Reflections on Mother Earth, Agriculture and Nutrition" kommentieren Künstler die Nahrungsmittelwirtschaft und machen dabei selbst das Essen einer Zwiebel zu einem politischen Akt.

Wenn eine Ausstellung "Food. Reflections on Mother Earth, Agriculture and Nutrition" heißt, dann geht es um Konzeptkunst oder, wie man heute sagt, um Kontextkunst. Das heißt, Künstler positionieren sich mit Ideen und Konzepten zu sozialen, politischen, wirtschaftlichen Fragestellungen oder beziehen konkret, wie in diesem Fall, zum Umgang mit dem Planeten Erde, zu seiner Bewirtschaftung und zur Ernährung der Weltbevölkerung Stellung.

Neu ist das nicht, und die Genfer Ausstellung "Food" im Musée Ariana tut auch nicht so, als ob sich die Kunst erst jetzt diesem Thema widmet. Denn die Schau wurde von der Kuratorin Adelina von Fürstenberg konzipiert, und die hat schon vor vielen Jahren Konzeptkünstler ausgestellt, die sich mit gesellschaftlichen Themen beschäftigt haben. Schon damals waren einige der 27 Künstler dabei, die jetzt bei "Food" ausstellen. Mehr als die Hälfte der Künstler allerdings gehört einer jüngeren Generation an, und sie kommen als aller Welt.

Vor 30 Jahren machte Joseph Beuys mit seiner großen Pflanzaktion "7000 Eichen" klar, dass durch Kunst die Umwelt neu gesehen werden kann und dass es sich bei künstlerischer Beschäftigung mit Ressourcen nicht um plakative Illustration von Ökologie handelt, sondern um politische Kunst. In der "Food"-Ausstellung ist Beuys nun mit seinem Olivenöl-Container "Oil Can F.I.U." von 1980 und mit einer Rotwein-Box "Vino F.I.U." von 1983 vertreten. Damals hatte er eine "Freie Internationale Universität", kurz F.I.U., gegründet und ging für sein Projekt "Verteidigung der Natur" in das italienische Dorf Bolognano. Dort erklärte er seinen Aufenthalt zur "sozialen Plastik" und wollte "nicht nur die ästhetische Praxis, sondern auch die ökonomische und ökologische Praxis" reformieren.

Immer wieder beißt Abramovic in das rohe Zwiebelfleisch

Auch Marina Abramovic wurde schon früh von Fürstenberg ausgestellt. Von ihr ist das Video "The Onion" von 1996 zu sehen, in dem sie in einer Performance eine Zwiebel isst. Immer wieder beißt sie in das rohe Zwiebelfleisch und kaut es, während man im Close-up in ihr von Tränen überlaufendes Gesicht schaut. Aus dem Off hört man Abramovics Stimme immer wieder dieselben Sätze sagen: "I'm tired of taking planes so often, wait in the waiting rooms, bus stations, train, airports. I'm tired of waiting forever at passport control. Quickly buy in malls..." Abramovic bezieht sich nicht direkt auf die zunehmende Ausbeutung der Natur, sondern sie nutzt das Essen einer beißend-scharfen Zwiebel als Symbol, um ihr Leiden an gesellschaftlichen, kulturellen und politisch-nationalen Zuständen zu demonstrieren.

Natürlich fehlt Daniel Spoerri nicht in der Schau. Seine Tischplatten mit den Resten eines Essens sind seit den sechziger Jahren berühmt. Außerdem drehte Tony Morgan nach einer Idee von Spoerri seinen Film "Beefsteak (Résurrection)", der die Geschichte eines Steaks rückwärts erzählt - vom Verspeisen des Fleisches bis zur Geburt des Kalbs, von dem das Fleisch stammte. Auch Dieter Roth ist mit "Portrait of the artist as Vogelfutterbüste" aus Schokolade und Vogelfutter von 1969 dabei, und von Marcel Broodthaers ist ein Foto von 1975 zu sehen, für das er Lebensmittel mit absurdem Witz als Spiegel der Gesellschaft einsetzt.

Der spanische Künstler Miralda, der 2000 auf der Expo in Hannover den "Pavillon für Esskulturen" kuratierte, stellt Totenschädel aus, die mit Bohnen überzogen sind, der ältesten kultivierten Pflanze überhaupt. Mit den "Bildern von Tod und Leben" wolle er sowohl "biologische Vielfalt als auch die Gefahr ihrer Zerstörung" zeigen.

Ein Gesicht wird zur Landschaft, Haare sind Bäume, Haut ist Erde

Die jüngeren Künstler benutzen weniger direkte Symbole. Pipilotti Rists Kurzfilm "I Drink Your Bath Water" (2008) erklärt, dass zwischen Mensch und Pflanze kein Unterschied besteht: Ein Gesicht wird zur Landschaft, Haare sind Bäume, Haut ist Erde, Falten sind Pfade und glänzende Augen sind wie Seen. Der Brasilianer Ernesto Neto hat in seine schönen, farbigen Netzskulpturen aus Kunststoff verschiedene Bohnen gefüllt, während die beiden Kubaner Marco Antonio Castillo Valdés und Dagoberto Rodríguez Sánchez von "Los Carpinteros" aus Brot eine leuchtende Skulptur gemacht haben. Brot, in aller Welt das meistgegessene Lebensmittel, steht hier für die Beziehung von Kultur und Natur und für Globalisierung.

Fürstenberg hat die Ausstellung für "Art for the World" kuratiert, einer mit dem "United Nations Department of Public Information" verbundenen Organisation. Da kann man nur hoffen, dass alle Uno-Vertreter die Ausstellung sehen und die "universellen Sprache der Kunst" verstehen, die sie sich wünschen. Und dass sie bei einer Neugestaltung unserer Welt nicht nur auf Industrie und Hightech von Ingenieuren und Designern setzen, sondern dass sich auch die kleinen Gesten von Künstlern in ihrem Gedächtnis tief verankert haben.


Food. Reflections on Mother Earth, Agriculture and Feeding. Genf. Museum Ariana. 18.12.-21.2.2013. Die Schau wandert nach Mailand, Sao Paulo und 2014/15 nach Marseille.

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1. Kontextkunst ist nicht gleich umbenannte Konzeptkunst
thisname 11.12.2012
Manchmal wundert man sich wirklich wer hier die Artikel schreibt und redigiert, dass so eine locker-flockige Umbenennung wie: "Konzeptkunst oder, wie man heute sagt, um Kontextkunst." stattfinden und gedruckt/gepostet werden kann. Kontextkunst enstand aus der Konzeptkunst, dies hat aber nichts mit 'Umbenennung' zu tun. Der Begriff basiert konkret auf einer Ausstellung, die Peter Weibel in der Neue Galerie im Künstlerhaus Graz 1993 kuratierte. (Dies lässt sich leicht auch online recherchieren!) Desgleichen unterscheiden sich die Ansprüche und Praktiken der Kontextkünstler durchaus von denen reiner Konzeptkünstler. Sie beziehen sich eben konkret auf einen bestimmten Kontext und der Praxis, die sich daraus ergibt. Dies führte vor allem in den 1990ger Jahren zur Anwendung von Methoden der Kontextualisierung, um Verbindungen zwischen den Kunstwerken und deren Bedingungen der Produktion aufzuzeigen. Vielleicht hätte es geholfen sich einmal die Bedeutung des Wortes 'Kontext' zu vergegenwärtigen. Das man sich mit einem Thema beschäftigt, bedeutet nicht gleichzeitig, dass man auch in diesem Kontext arbeitet. Kontextkunst setzt eigentlich eine konkrete Auseinadersetzung mit dieser Situation voraus. Als nun Abramovic performativ in eine Zwiebel biss, oder Spoerri seine Tische konservierte, hatte dies sicher andere ‘Kontexte‘ – eben auch der Zeit eingebunden. Selbst wenn die Arbeiten sich ändern, wenn sie in einem anderen Umfeld gezeigt werden – sollte man doch vorsichtig sein, hierfür gleich eine Begriffsumbenennung zu rechtfertigen. Denn dies stellt ‘Kontexte‘ her, die es so nie gegeben hat, und die den künstlerischen Arbeiten nicht gerecht werden. Ganz zu schweigen von den tatsächlichen Kontextkünstlern, denen somit ihre, der Zeit eingebunde Ansprüche, abgesprochen werden.
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