"Blechtrommel" am Thalia Theater Das doppelte Oskarchen

Romane auf der Theaterbühne, dafür gibt es in Hamburg den Regie-Spezialisten Luk Perceval. Jetzt nahm er sich "Die Blechtrommel" von Günter Grass vor. Das gelang trotz einiger famoser Einzelleistungen bestenfalls lehrreich.

DPA

Von


Der Künstler war anwesend. "Als ich der Inszenierung zuhörte, hatte ich ganz vergessen, dass ich der Autor bin!", sagte Günter Grass nach dieser "Blechtrommel"-Premiere während der lockeren Party. Sogar auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters hatte sich der Nobelpreisträger fröhlich lächelnd verbeugt, an seiner Seite der sehr junge David Hofner, der mit gespenstisch cooler Intensität die Texte des kleinwüchsigen Helden Oskar Matzerath aus dem Off gelesen hatte. Der 87-jährige Dichter und der kleine, fast kindliche Star des Abends Hand in Hand beim Schlussapplaus: ein schönes Bild.

Davor schimmerte Luk Percevals Literatur-Bearbeitung nicht ganz so glanzvoll. Auf knappe zwei Stunden heruntergekürzt segelte seine "Blechtrommel" in recht ruhigen Gewässern. Jede Menge weiße Wäsche hing über die gesamte Bühnenhöhe, das erinnerte an ein Schiff, dessen Takelage bei den berühmten, glassprengenden Oskar-Schreien stets wie von einem Sturm gebläht in rasante Bewegung geriet. Man konnte die Wäschestücke und Fetzen auch als Glasscherben übersetzen, wenn einem nach bildkräftigen Symbolen war.

Noch einen drauf setzte Luk Perceval mit Textprojektionen auf die Walla-Wäsche, falls im Publikum jemand dem überaus klaren Vortrag des Lese-Genies David Hofner nicht recht folgen konnte. Ein Hauch von Volkshochschule wehte nicht nur einmal über die Bretter. Oft erinnerte man sich an die bekannte Verfilmung Volker Schlöndorffs, die ähnlich strukturiert den Roman auf ein leichter konsumierbares Format eingedampft hatte.

Tempo, Slapstick und solides Remmidemmi

Dass das wunderbare siebenköpfige Schauspieler-Ensemble über exzellente Gesangsstimmen verfügte, gereichte vom Start weg zum roten Faden der Inszenierung. Ob Volkstümliches wie "An der Saale hellem Strande" oder Country-Pop wie "Don't Fence Me In", stets intonierte das Septett in bester Harmony-Qualität die nicht immer leichten Arrangements. Was genau diese kunstvollen Darbietungen mit der Geschichte des renitenten Oskar Matzerath und seiner anarchischen Sicht auf die deutsche Geschichte zu tun hatten, wurde nicht ganz klar. Auf jeden Fall trennte der virtuose Gesang die Szenen sehr ästhetisch.

Die Regie-Ästhetik ließ den Darstellern viel Raum, beschränkte sich auf routiniert choreografierte Personenregie, wie sie Luk Perceval schon in seinen wesentlich aufwendigeren Literatur-Adaptionen von Dostojewskis "Die Brüder Karamosow" oder Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" sehr effizient eingesetzt hat. Thilo Werner und die grandiose Gabriela Maria Schmeide (zuletzt auf der Leinwand in Sönke Wortmanns "Frau Müller muss weg!" erfolgreich) spielten gleich mehrere Rollen, was Tempo, Slapstick und solides Remmidemmi brachte, denn ansonsten bremste Perceval das Geschehen gerne aus.

Die große Kunst der Barbara Nüsse

Größter schauspielerischer Gewinn des Abends allerdings war Barbara Nüsse in der Rolle des Oskar Matzerath, als doppeltes Oskarchen zur magischen Off-Stimme David Hofners. Was zunächst wie ein Gag anmutete - die 72-jährige Grande Dame des Thalia Theaters als schreiender Blechtrommler - entwickelte sich dank der großen Kunst der Barbara Nüsse zu einer völlig eigenständigen, bühnentauglichen Interpretation der Romanfigur. Nüsse gelang das Paradoxon, gleichzeitig Nähe und eine distanzierte Sicht auf Oskar Matzerath aufzubauen. Leider machte die Regie aus dieser Option zu wenig. Barbara Nüsse konnte nur die neu ausgeleuchtete Figur situativ aufglänzen lassen - ein stringentes dramatisches Erlebnis, ein Verlauf, um den es ja auf der Bühne gehen sollte, wurde nicht daraus.

Texttreu, erwartbar und deshalb etwas langweilig

Weitere Thalia-Stars wie Alexander Simon als Oskars Vater Alfred Matzerath und André Szymanski als Jan Bronski lieferten verlässliche Studien ab, die aber wie alles stets Momentaufnahmen wie aus dem literarischen Fotoalbum blieben. Texttreu, erwartbar und daher etwas langweilig, weshalb sich auch die zwei Theaterstunden spürbar dehnten.

Auf die gleiche Dauer hatte vor wenigen Wochen Regisseur Oliver Reese die "Blechtrommel" im Frankfurter Schauspiel zu einem Ein-Personen-Oskar-Stück reduziert: Das Grass-Buch, seit Erscheinen 1959 umstritten und debattiert, erwies sich an diesem nicht ganz gelungen Thalia-Abend als dauerhaftes Objekt künstlerischer Begierde. Aber vielleicht sollte sich Luk Perceval einfach einmal wieder Stoffen widmen, die für die Bühne konzipiert wurden, damit nicht mehr die dramaturgische Gymnastik im Vordergrund steht.

Zum Schluss gab es freundlichen, aber kurzen Premieren-Applaus, vor allem für den ehrwürdigen Grass und seine jugendliche Stimme.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chuckal 30.03.2015
1. Was soll das eigentlich?
Klar, der eitle Günter freut sich über die Aufmerksamkeit und über die Kohle, aber was soll dieser Stoff heutzutage auf einer Theaterbühne. Eigentlich ein Armutszeugnis für die Dramaturgien der Theater sich auf solche, doch bestenfalls Readers-Digest-mäßige Fassungen zu stützen. Das ist schon bei den Mann-Adaptionen immer etwas zweifelhaft, aber bei Grass doch nun völlig absurd. Sage ich ohne Kenntnis der Aufführung. Vielleicht widerspricht jemand?!
BettyB. 30.03.2015
2. Nun und dann kommt Rakso in die Garage
On die VHS es besser bringt? Bestimmt anders, ganz anders...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.