Die Bühnenbilder der Anna Viebrock Ranzige Treppe ins Nichts

Tapeten blättern ab, die Möblierung beschwört vergangene Jahrzehnte, eine Notbremse hängt sieben Meter hoch: Die Bühnenräume von Anna Viebrock sind moderne Klassiker des deutschen Theaters. Pünktlich zu ihrem 60. Geburtstag würdigt ein Bildband die Ausstatterin und Regisseurin.

Anna Viebrock

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Er ist eine Marke des Gegenwartstheaters: der Viebrock-Raum. Ein Raum, in dem das Leben Spuren hinterlassen hat, ein miefiger und ranziger, schäbiger und schmuddeliger, verschwiemelter und vergammelter, verlotterter und verrotteter Wartesaal, in dem viel Zeit verstrichen ist und in dem die Zeit nun stillsteht, ein Museum des Muffs.

Blümchentapeten und Neonröhren gehören hinein, grässlich gemusterte Teppiche und Fußbodenkacheln, blasses Linoleum und dunkel gemaserte Täfelungen. Doch auch wenn der Viebrock-Raum stickig und beengt ist, wie eine Wohnstube der fünfziger oder sechziger Jahre, so ist er doch fast immer ein öffentlicher Ort: eine Hotellobby, ein Kirchenschiff, eine Turnhalle, ein Versammlungssaal. Ein Ort, an dem Menschen aufeinander treffen, ein Ort der gemeinsamen Erinnerung.

Mehrfach Bühnenbildnerin des Jahres

Schöpferin dieser Marke des Gegenwartstheaters ist die Ausstatterin und Regisseurin Anna Viebrock, die am heutigen Mittwoch 60 Jahre alt wird. Viebrock hat vor allem die Arbeiten der Regisseure Jossi Wieler und Christoph Marthaler geprägt; sie war mehrfach Bühnen- und Kostümbildnerin des Jahres; die von ihr ausgestatteten Inszenierungen wurden wiederholt zum Berliner Theatertreffen eingeladen, der jährlichen Bestenschau der deutschsprachigen Bühnen. Eine Werkübersicht vermittelt ein Bildband, der gerade im Verlag Theater der Zeit erschienen ist und morgen am Rande der Salzburger Festspiele vorgestellt wird: "Das Vorgefundene erfinden".

Der Band umfasst farbige Bildertableaus von über 30 beispielhaften Inszenierungen aus fast 30 Jahren Theatergeschichte, ferner Recherchebilder, Modell- und Entwurfs-Fotos. Viebrock selbst kommentiert jede der Inszenierungen im Gespräch mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf, hinzu kommen Texte künstlerischer Weggefährten und Wissenschaftler und ein Gespräch zwischen Viebrock und dem Architekten Peter Märkli.

Die Bilder sind beeindruckend, die Texte sind leider überwiegend verquast, verblasen, kryptisch. Mit einer Ausnahme vor allem: Der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, der in jungen Jahren zwei Mal als Dramaturg mit Viebrock zusammenarbeitete, und die Übersetzerin und Kritikerin Helene Varopoulou bringen in einem gemeinsamen Beitrag die Besonderheiten des Viebrock-Raums ebenso verständlich wie hellsichtig auf den Punkt.

In den sechziger und siebziger Jahren, schreiben sie, hätten Theaterbühnen sich von ihrer Vergangenheitsfixierung gelöst - und sie eingetauscht gegen eine Gegenwartsverliebtheit. Ein Trend, der wohl heute noch andauert. Der Viebrock-Raum hingegen, analysieren Lehman und Varopoulou, sei geschichtlich aufgeladen und beladen. Er wirke "wie eine Bremse gegen die Besetzung des Denkens durch Gegenwart" und zeige, dass "unter der Oberfläche der turbokapitalistischen Hyperaktualität" noch immer die kleinkarierte Atmosphäre der Adenauer-Republik schlummere. In ihm seien Vergangenheiten gespeichert: "Immer wieder sehen wir Räume, Wände, Böden, Türen, Stühle, Tische, denen man die Spuren des Gebrauchs ansieht, verkohlte Ecken, Tapete oder Farbe blättern ab, das Material wirkt müde, Farbe überdeckt nur notdürftig den Verfall. Abstürzende Buchstaben von Inschriften teilen eine müde gewordene Zeit mit. Diese Dinge und Räume tragen die Zeitzeichen ihrer Vergänglichkeit, solidarisch mit ihren sehr sterblichen Bewohnern und dem noch sterblicheren Theaterabend. Was so entsteht, ist eine Magie des Alltäglichen."

Straßenlaternen belichten Innenräume

Alltäglich und banal, geradezu naturalistisch, wirkt der Viebrock-Raum laut Lehmann und Varopoulou jedoch stets nur auf den ersten Blick: "Rasch wird das scheinbar Vertraute rätselhaft, löst sich der Schein logischer Zweckdienlichkeit auf, stößt man auf absurde Einzelheiten, die bei näherem Hinsehen nicht zusammenpassen." Straßenlaternen belichten Innenräume; Tapeten verkleiden Außenwände; Kühlschränke hängen in unerreichbaren Höhen; Doppelbalkone weisen nach innen und außen, so dass man sie gar nicht betreten kann; Türen sind zu groß oder zu eng oder führen nirgendwohin, so wie manche Treppen ins Nichts führen.

Lehmann und Varopoulou fühlen sich an das Theater des Absurden erinnert, an Samuel Beckett. Viebrock selbst nennt in ihrem Gespräch mit Peter Märkli die surrealistische Methode als Inspiration: "Ich operiere an und mit den Dingen. Und wenn die Notbremse in sieben Meter Höhe angebracht ist, unerreichbar für die Figuren auf der Bühne, dann geraten die Bedingungen des Alltäglichen außer Kontrolle und nehmen einen gegenteiligen Charakter an". Ihre Räume, sagt Viebrock, folgten einem ähnlichen Prinzip wie Gedichte, die nur aus vertrauten Worten und Wortbedeutungen bestünden - und in denen diese Worte und Wortbedeutungen doch auf eine Weise zusammengesetzt seien, "die alles Alltägliche eliminiert und auf eine andere Wirklichkeit verweist".


Buchvorstellung am Donnerstag, 4. August, um 11.30 Uhr im Schüttkasten der Salzburger Festspiele, Herbert-von-Karajan-Platz 11a.

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