Dylan-Theaterstück "Die Danksager" Der liebe Bob hört alles

Sven Regener und Leander Haußmann zeigen in Berlin ihr selbstverfasstes Stück "Die Danksager", eine Huldigung an den Sänger Bob Dylan - und ans Theater.

Marcus Lieberenz

Wer große Künstler anhimmelt, der macht sich oft lächerlich, davon handelt der jüngste Premierenabend im berühmten Bertolt-Brecht-Theater am Berliner Schiffbauerdamm. Auf der Bühne lungern zehn Schauspielerinnnen und Schauspieler in Bob-Dylan-Hüten und Bob-Dylan-Klamotten herum, die meisten von ihnen tragen ein Mundharmonikagestell auf den Schultern und eine Gitarre vor dem Bauch. Sie setzen sich nebeneinander vor ihre Mikrofone und blicken im Halbdunkel auf ihre leuchtenden Mobiltelefone. Sie versammeln sich um ein Klavier. Sie hocken um ein Lagerfeuer. Manchmal reden sie davon, was sie über den großen Künstler Bob Dylan denken und sagen Sätze wie: "Generationen haben kein Sprachrohr". Manchmal singen sie im Chor Bob Dylans Lieder - einmal zum Beispiel die mit gruseligem Krawumm-Geklimper unterlegte "Ballad of a Thin Man" . Es hört sich an, als spiele eine Altenheimcombo zum Schunkelnachmittag auf.

Das musikalische Elend ist offenbar volle Absicht. "Bunter Abend" heißt das Theaterstück "Die Danksager" im Untertitel. Geschrieben haben es der Regisseur Leander Haußmann und der Schriftsteller und Musiker Sven Regener, die auch gleich im Duo als Regisseure der Uraufführung angetreten sind.

Der Theatertext ist ein wildes Kuddelmuddel. Er schildert, wie zehn Bob-Dylan-Imitatoren in einem Theater zu einem Vorsingen zusammenkommen, dort überrascht werden von der Nachricht, dass der Literaturnobelpreis an Bob Dylan geht, und deshalb einfach diverse Dankesreden halten, weil ihr Idol ja bis heute selbst keine halten wollte. Nebenbei geben sich die Imitatoren mehr und mehr als Theaterdarsteller zu erkennen. Das Theater, in dem sie arbeiten, soll dichtgemacht oder in fremde Hände gegeben werden, nun halten die Darsteller, aber auch eine Assistentin und ein Dramaturg, Dankesreden auf den Theaterchef. "Eigentlich ist der Job hier super, weil der General so autoritär ist", heißt es da zum Beispiel.

Im Programmheft sagt der Co-Autor und Co-Regisseur Sven Regener über das Stück: "Man spürt, dass hier etwas unrund läuft, dass ein Fundament wegbricht, alle befinden sich auf schwankendem Boden."

Das kann man so sagen. Wie nur soll all das zusammenpassen? "Die Danksager" ist einerseits eine Huldigung an Bob Dylan. Andererseits ist es eine Verneigung vor dem Intendanten Claus Peymann, der zum Ende der Saison nach 18 Jahren als Theaterchef das Berliner Ensemble verlassen muss - zusammen mit nahezu allen Darstellern, die hier auf der Bühne stehen. "Wir haben den Schlüssel zur Generalsloge, den geben wir nicht mehr raus", sagt der Theaterdramaturg, den der Schauspieler Martin Seifert als gramgebeugten Gelehrtenschlurf spielt, während er eine Nebelmaschine über die Bühne schleppt. Dann beschreibt er die Allmacht des Intendanten: "Wenn der General sagt, dass er einen schönen bunten Bob-Dylan-Liederabend haben will, dann kriegt er ihn auch."

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"Die Danksager": Der General hat jemand, der ihm singt

So erweisen sich "Die Danksager" am Donnerstagabend auf der Bühne des Berliner Ensembles als der schön paradoxe Versuch, mit verjuxtem Understatement von aufrichtig vergossenem Herzblut zu erzählen. Traute Hoess und Claudia Burckhardt wetteifern als Dylan-Imitatorinnen darum, wer seine Cate-Blanchett-Sonnenbrille schiefer auf der Nase tragen kann; Roman Kaminski tapert einen besonders bärbeißigen Dylan-Doppelgänger in Richtung Klavier; die eher kurz geratene Carmen-Maja Antoni marschiert im mönchisch hochgeschlossenen Claus-Peymann-Outfit als "General" an die Rampe und waltet ihres Indendantenamts, indem sie mit einer Fernbedienung Lampen und Künstlerkarrieren ausknipst. Mal wird ein Motorrad auf die Bühne geschoben, mal lässt die Windmaschine den Theatervorhang flattern.

Die von Regener und Haußmann sorgsam ausgesuchten und mal einzeln, mal vom Ensemble vorgetragenen Dylan-Lieder sind der Kitt, der die Show zusammenhält. Der große Barde Dylan selbst singt und spielt seine Songs ja bekanntermaßen so, dass man beim Zuhören nicht sicher sein kann, ob die Interpretationen nun wirklich ernstgemeint sind oder ob sich der Künstler sein Werk parodistitisch vom Leib hält - und in diesem Geist funktionieren auch die meisten Gesangsdarbietungen an diesem Abend: Man rumpelt, jauchzt und leiert, dass es dem lieben Bob vermutlich ein Wohlgefallen ist. Nur die junge Schauspielerin Karla Sengteller darf mit "It ain't me, Babe" ganz ernst und feierlich und fast ohne Gitarrenbegleitung hinreißend emotionale Hingabe demonstrieren: ein herausragender Moment des Abends.

Wer will, kann ein bisschen herummeckern an der melancholischen Luschigkeit, in der diese Aufführung mitunter zu versinken droht; manchmal reden die Figuren bei aller herzensfrommen Leidenschaft auch nur schrecklich banalen Stuss. Zugleich ist dieses expressive Unvermögen natürlich Haußmann und Regeners zentrales Thema: Der Kunst-Liebende hat keine Wahl, wenn er denjenigen huldigt, denen seine Liebe gilt - er ist zum Mut zur Peinlichkeit verdammt. Insofern dürfen die beiden Regie führenden Autoren mit der Reaktion des Publikums am Ende dieses Premierenabends zufrieden sein. Es wurde kräftig Buh gerufen und noch viel mehr geklatscht. Beides haben sich Sven Regener und Leander Haußmann redlich verdient.


"Die Danksager - Bunter Abend"; Berliner Ensemble, nächste Vorstellungen am 4., 9. und 17. 5., berliner-ensemble.de

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Seite 1
kajoter 29.04.2017
1.
Schön, dass sie nicht auf die Idee kamen, das Stück in einem Opernhaus aufführen zu wollen. Also da, wo richtige Musiker/innen und Sänger/innen ihrer Profession nachgehen.
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