Oper trifft auf Pop-Performance Elektroschock für Mozart

Afrikanische Beats gegen klassische Melodien: In Bremen nimmt die Performancegruppe Gintersdorfer/Klaßen "Die Entführung aus dem Serail" auseinander - und hinterfragt so intelligent den ganzen Opernbetrieb.

Joerg Landsberg

Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne? Nein, Quatsch, der Spruch geht anders. Und dass Abschiede in Wahrheit traurig sind, kann man an diesem Abend an mehreren Gesichtern ablesen. Aber dennoch stimmt das falsche Zitat am Premierenabend von "Les robots ne connaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail" am Theater Bremen. Die Tollheit und die Energie dieses Musiktheater-Experiments haben etwas zu tun damit, dass hier eine Truppe in Aufbruchsstimmung ist. Fast wie bei einer gelungenen Abiturfeier.

Die Musiktheaterpremiere "Les robots..." ist nicht nur die letzte Premiere der Saison am Bremer Goetheplatz, sie ist auch vorerst die letzte Bremer Inszenierung des Regisseurs Benedikt von Peter, der als Intendant ans Theater Luzern wechselt, und die letzte der Dramaturgin Katinka Deecke, die zusammen mit zwei weiteren Dramaturgen das Haus Richtung München verlässt. Bremens Generalintendant Michael Börgerding hat nach drei anfangs ganz schön mühsamen Jahren das typische Problem eines Bundesliga-Trainers, der eine junge Mannschaft zum Erfolg geführt hat: Kaum gelingt einem was, kommen die Chefs des FC Bayern (oder der Münchner Kammerspiele) und kaufen einem die Leute weg.

Aber vorher zeigen sie noch einmal, was sie drauf haben, wenn man ihnen die Freiheit lässt. Benedikt von Peter hat sich mit der Performance-Gruppe Gintersdorfer/Klaßen zusammengetan (die 2012/13 "Artists in Residence" in Bremen waren), um gemeinsam Mozarts Evergreen "Die Entführung aus dem Serail" auseinanderzunehmen - und der hält das erstaunlich gut aus.

Zur Truppe um die Regisseure Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen gehören bereits seit zehn Jahren Performer von der Elfenbeinküste, allesamt Meister des "Couper Decaler", einer Tanz- und Musikrichtung, die von harten elektronischen Beats getrieben ist und deren Style sich an dem der Rapper orientiert: große Gesten, große Logos, fetter Schmuck. Sie haben das in einer früheren Produktion mal in etwa so begründet: Erst kommt das Auftreten, dann folgt der tatsächliche Aufstieg. Drei aus der Stammmannschaft sind bei diesem Projekt dabei: Franck Edmond Yao, SKelly und Gotta Depri.

Mozarts Singspiel neu betrachten

Sie lassen zunächst Mozart den Vortritt. Dirigent Markus Poschner und seine Bremer Philharmoniker, beginnen ganz klassisch mit der Ouvertüre von "Die Entführung aus dem Serail". Aber schon bald springt SKelly auf die Bühne und ruft laut das Konzept des Abends ins Mikro: "Die Oper singt von der Liebe - wir singen die Analyse."

Diese Analyse unterbricht immer wieder die klassische Musikdarbietung. Ted Gaier etwa, Mitglied der Punkband Die Goldenen Zitronen und als assoziiertes Mitglied von Gintersdorfer/Klaßen an diesem Abend für "Komposition und Sounddesign" verantwortlich, stellt den Mozart-Melodien elektronische Klänge aus seinem Synthesizer entgegen. Dazu äußert er zum Beispiel seine Verwunderung darüber, dass der deutsche Opernbetrieb nur noch durch ausländische Kräfte aufrecht erhalten werden könne - ganz wie in der Altenpflege.

Tatsächlich stammt von den vier Solisten dieses Abends nur einer aus Deutschland. Oder der Ivorer Franck Edmond Yao zeigt sich erstaunt darüber, dass in der "Entführung" plötzlich die Europäer versklavt würden. Und wer sind eigentlich die Roboter: die Opernmusiker, die sich streng an die vorgegebenen Noten halten, oder die Ivorer mit ihren Elektro-Beats? Schließlich wird auch die Frage gestellt, ob die bürgerliche Ehe nicht ein ähnliches Gefängnis sei wie Mozarts Serail. (Da allerdings geht ein Raunen durchs Publikum.)

Ziel ist es, Mozarts Singspiel neu zu betrachten - ohne sich selbst zu ernst zu nehmen und ohne Mozart zu demontieren. Seine Hits werden fast alle gespielt, Osmin (Patrick Zielke) darf sein "Trallalera" singen und Belmonte (Hyojong Kim) das "Oh, wie ängstlich, oh wie feurig". Die langatmigen Rezitative aber fallen weg, stattdessen fasst Franck Edmond Yao inhaltlich und rhythmisch pointiert die Handlung zusammen und bringt die Geschichte um die Europäerinnen, die an einen türkischen Herrscher verkauft und von ihren Männern gerettet werden, so präzise auf den Punkt, wie das noch kein Opernführer getan hat: "Vier Männer - zwei Frauen, das ist ein Problem."

Intelligentes Metatheater

Mal improvisiert SKelly über eine Mozart-Arie, dann versucht der Bass Patrick Zielke, eine von SKelly vorgegebene Zeile mit afrikanischem Text und Rhythmus nachzusingen oder seine Choreografie mitzutanzen. Es ist ein Wettstreit, bei dem es nicht ums Gewinnen geht, sondern um den Perspektivwechsel. Auch die Zuschauer sollen sich bewegen: Sie werden aufgefordert, das Parkett, aus dem die Sessel größtenteils ausgebaut sind, zu verlassen und auch mal auf die Bühne zu kommen.

Im Lauf des Abends bekommt das Ganze immer mehr den Charakter eines sehr fröhlichen Workshops - intelligentes Metatheater, bei dem nicht nur das Stück, sondern der ganze Opernbetrieb hinterfragt wird. Die Konstanze-Darstellerin Nicole Chevalier etwa gibt Einblick in die Schwierigkeiten, die eigene Stimme so beherrschen zu lernen wie ein Instrument. Sie erläutert das an der extrem anspruchsvollen Arie "Martern aller Arten", und Yao als ihr Sparringpartner übersetzt ihre Kraftanstrengung beim Singen in ein Anspannen seines muskelbepackten Körpers. Als sie in den höchsten Tönen singt, scheint sein Körper kurz vor dem Zerbersten.

Die Einmaligkeit des Projekts setzt bei allen Beteiligten Energien frei - aber gerade deshalb ist es schade, dass diese Verbindungen jetzt reißen. Das plötzlich aufgepoppte wechselseitige Interesse an den Disziplinen, die im Mehr-Sparten-Betrieb die meiste Zeit nebeneinander herwerkeln, könnte sicher noch viel mehr interessante, verrückte Ideen hervorbringen. Der Wettstreit, welche Musik mehr Power hat, geht an diesem Abend jedenfalls eindeutig unentschieden aus.


"Les robots ne connaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail", Produktion des Theater Bremen. Weitere Vorstellungen geplant in der Saison 15/16 an der Deutschen Oper Berlin (April 2016) sowie auf Kampnagel Hamburg und am Theater Bremen (noch ohne Datum).

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
vonwoderwestwindweht 06.07.2015
1. ***
Naja, auch hippe Darbietung ändert nichts daran, dass das Sujet der Oper eher völlig un-pc ist, denn schließlich geht es in der Oper um eine blonde (das ist hier ganz wichtig!) Engländerin, die in einen türkischen Harem entführt wird und dort den Machos den Marsch bläst und erst mal lang und breit erläutert, dass die türkischen Frauen wohl alle blöd wären, dass sie sich sowas alles gefallen lassen und dass man sowas mit einer blonden Engländerin namens Blonde nicht machen kann. Natürlich geht am Ende alles gut für die Engländerin aus. Mich wundert, dass die Oper heute überhaupt noch gespielt wird.
vadian 06.07.2015
2. Rezitative
In “Entführung aus dem Serail” gibt es keine Rezitative, nur Dialoge
Sonnambulo 06.07.2015
3.
"der ganze Opernbetrieb hinterfragt wird. Die Konstanze-Darstellerin Nicole Chevalier etwa gibt Einblick in die Schwierigkeiten, die eigene Stimme so beherrschen zu lernen wie ein Instrument" Heutzutage wird irgendwie alles hinterfragt, was die Beherrschung des Fachs (egal welchen) erfordert. Das ist natürlich anstrengend und erfordert jahrelange Übung und Entbehrungen... Da ist aber nichts zu hinterfragen. Die Qualität hört man sofort, und die Kunst ist, es so zu singen, als wäre es nicht anstrengend, sondern leicht. Wer es anders macht, kann es noch nicht so richtig.
JaWeb 06.07.2015
4.
"Afrikanische Beats gegen klassische Melodien" Warum "gegen", wenn afrikanische Beats und Mozart zueinanderfinden und daraus eine offenbar interessante Interpretation entsteht?
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