Die erste Folge Brot und Seife fürs Fernsehvolk

Der Versuch, endlich echtes Leben ins Fernsehen zu bringen, ist vorerst auch RTL2 missglückt. Die groß angekündigte Isolations-Show "Big Brother" präsentierte sich als Dilettantenstadl, dem jeder Web-Cam-Star den Rang abläuft.

Von Bettina Koch


Frühstück im Container-Land: die Kandidaten von "Big Brother"
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Frühstück im Container-Land: die Kandidaten von "Big Brother"

Endlich kam Leben in den Kölner Container: Nachdem "Big Brother" als Mogelpackung begann und am ersten Tag lediglich den Einzug der Kandidaten inszenierte, liefen nun die ersten Bilder vom Isolations-Urlaub der berühmtesten Freiwilligen der Republik. Und was sah man da? Folter-TV? Einen Menschenzoo? Nein, eher Lindenstraße light. Von der "TV-Innovation" blieb am eindrücklichsten der sendereigene Werbepausen-Trailer im Gedächtnis, der für Freitag Leonardo DiCaprio in "Gilbert Grape" ankündigte.

Der abendliche Best-Off Zusammenschnitt zeigt freundliches Sich-Kennenlernen. Damit etwas Dramaturgie in die Sache kommt, werden die Probleme per Regieeinfall in die Gruppe gebracht. So kann der Zuschauer eine Diskussion darüber verfolgen, wie viel Liter Milch wohl zehn Leute in zwei Wochen verbrauchen. Er sieht John beim Brotbacken und hört Zlatko und Jürgen über Gewichte fachsimpeln. Die Sequenzen sind sekundenkurz, hektische Schnitte gegen die Langeweile. Der Regieraum ist öfter eingeblendet als die Dusche, auf die doch alle warten.

Aber dort passiert auch nichts Spannendes. Denn - noch - sind die Kandidaten sich sehr bewusst, dass sie ständig gefilmt werden. Bemüht, sich nichts Intimes weggucken zu lassen, duschen die Überwachten mit dem Rücken zur Tür, drehen vor jedem Spiegel den Kopf weg. Despina aus München versucht gar, ein Moskito-Netz über ihr Bett zu hängen, damit sie sich unbeobachtet umziehen kann. Aber da schreitet natürlich der Big Brother ein und verbietet diese voyeursbehindernde Aktion. Aus dem Moskito-Netz wurde dann ein Auslaufgehege für die Hühner. Despinas Anwandlungen werden von den Zuschauern sofort bestraft: Auf Platz Eins der Beliebtheitsskala liegt Jana, die im wahren Leben als Aktmodell arbeitet und vor der Sendung ankündigte, während der hundert Tage Sex haben zu wollen.

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Der wahre Nerd geht gleich ins Internet, wo er live und unzensiert gucken kann. Doch auch dort passiert nicht eben viel, als Web-Cam-Projekt ist "Big Brother" erst recht nicht innovativ. Die echten Menschen wirken reichlich fahl und verstellt und für Web-Cam-Stars fehlt ihnen das Exhibitionistische. Kein Zweifel, dass das wahre Leben so spannend ist wie der Blick durchs Schlüsselloch. Nur zeigt der Blick auch bei "Big Brother" nicht viel vom wahren Leben.

Das muss den Zugriffszahlen keinen Abbruch tun. Bei der holländischen "Big-Brother"-Show stellte sich heraus,dass die Fans via Webcam selbst solche Räume über längere Zeit besuchten, in denen sich stundenlang niemand aufhielt. "Kult der leeren Räume" nennt Thomas Aigner, Internet-Producer der Isolations-Show, diese Neugier am Nichts. Die Sender basteln daher trotz mittelmäßiger Zuschauerzahlen für "Big Brother" an neuen Reality-Soaps: Es wartet schon "Der Bus", eine ebenfalls von Endemol produzierte noch härtere Variante der Rund-um-die-Uhr-Bewachung. Er ist besetzt mit elf Insassen, die unter Kamerabeobachtung das Land bereisen, in dem Gefährt auch übernachten und sich ihren Unterhalt selbst verdienen müssen. Sat.1 und RTL2 werben bereits für "Die Insel" und "Expedition Robinson", wo in der "natürlichen Wildnis" künstlicher Inseln echte Abenteuer (!) bestanden werden müssen. "Big Brother" wird derweil munter weiterverkauft: eine englische, amerikanische und portugiesische Version ist schon in Arbeit.



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