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"Die Holocaust-Industrie": Debatten um das "böse" Buch

Von Tillmann Bendikowski

Selten hat ein historisches Buch in Deutschland eine solche Kontroverse ausgelöst, ehe es überhaupt erhältlich war: Trotz zahlreicher Proteste wird Norman Finkelsteins "Holocaust-Industrie" am Mittwoch auch hier zu Lande veröffentlicht.

Umstrittenes Finkelstein-Buch: Radikalität und moralische Empörung

Umstrittenes Finkelstein-Buch: Radikalität und moralische Empörung

Mit seiner Polemik gegen eine vermeintliche "Holocaust-Industrie", die im vergangenen Jahr in England und den USA veröffentlicht wurde, hat der amerikanische Politikwissenschaftler Norman Finkelstein die Erinnerung an den Völkermord einer wütenden Kritik unterzogen. In Deutschland setzte seine Schrift eine Debatte in Gang, die mit ihrer Heftigkeit an den Streit um Daniel Goldhagen vier Jahre zuvor erinnerte. Ab Mittwoch ist nun auch die deutsche Übersetzung auf dem Markt.

Finkelsteins Thesen sind provozierend: "Jüdische Eliten", so behauptet er, beuten im Einvernehmen mit der amerikanischen Regierung das entsetzliche Leid der Millionen von Juden aus, die während des Zweiten Weltkriegs ermordet wurden. Diese "Holocaust-Industrie" erpresse immer neue Entschädigungszahlungen, von denen die Opfer tatsächlich kaum Nutzen hätten. Vielmehr werde das Geld für vermeintliche "Holocaust-Erziehungsprojekte" verwendet, mit deren Hilfe das zentrale Dogma von der historischen Einzigartigkeit des Holocaust zementiert werden solle.

Diese Doktrin der "Einzigartigkeit" wirke intellektuell lähmend (vor allem auf die historische Forschung) und moralisch diskreditierend (weil demnach das Leiden nichtjüdischer Opfer mit dem der Juden "unvergleichbar" erscheine), werde aber nach Ansicht Finkelsteins politisch ausgenutzt: Denn zusätzlich zum "Abkassieren" durch die "Holocaust-Industrie" werde eine vermeintliche Instrumentalisierung der Erinnerung an den Holocaust durch Israel möglich. Jüdische Eliten wollten sich so gegen Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern immunisieren.

Einhellige Ablehnung

In Deutschland stieß Finkelstein mit seinem wütenden Buch auf einhellige Ablehnung. Besondere Irritation rief sowohl die Radikalität hervor, mit der der Amerikaner die kritischen Ansätze bündelte, aber auch die offensichtliche moralische Empörung, die Finkelstein dabei an den Tag legt. Überdies musste er sich bald den Vorwurf gefallen lassen, dass er mit seinem Kampfbegriff der "Holocaust-Industrie" und seiner Attacke auf ein wie auch immer geartetes "jüdisch-amerikanisches Establishment" nicht nur einen weit verbreiteten Antiamerikanismus bediene, sondern mit dem Klischee einer internationalen jüdischen Verschwörung zugleich antisemitische Ressentiments schüre.

Autor Finkelstein: Methodische Schwächen

Autor Finkelstein: Methodische Schwächen

Nur wenige deutsche Kenner der NS-Geschichte sahen sich dazu in der Lage, das Buch zumindest als eine nützliche Provokation zu bezeichnen, doch auch das gelang ihnen angesichts methodischer Schwächen nur mit Mühe. Wiederholt fand sich indes der Hinweis, dass Finkelsteins Kritik an der amerikanischen Situation nicht einfach auf die deutschen Verhältnisse übertragen werden sollte: Im Land der Täter sei schließlich die Erinnerung an die NS-Diktatur und ihre Verbrechen eine Überlebensfrage für die heutige Demokratie.

Massive Kritik erntete in den vergangenen Monaten der Münchener Piper Verlag, nachdem er erklärt hatte, er werde das Buch in deutscher Übersetzung veröffentlichen. Das Werk sei doch "Wasser auf die Mühlen der Antisemiten", erklärte Salomon Korn, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Verlag - so erklärten andere Kritiker - scheue bei seinem Vorhaben nicht den Beifall von der falschen Seite. Um diese Gefahr wisse man sehr wohl, so verlautete es aus dem Münchener Verlagshaus, doch könne es nicht sinnvoll sein, diesen Text "ausgerechnet in Deutschland nicht verfügbar" zu machen.

Norman G. Finkelstein: "Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird". Piper Verlag, München; 224 Seiten; 38 Mark.

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