Insolvenz der "Frankfurter Rundschau": Das Blatt hat sich gewendet

Von Christoph Sydow

Das Zeitungssterben erreicht Deutschland, der Umbruch in der Medienbranche fordert wohl bald sein erstes prominentes Opfer: Die "Frankfurter Rundschau" steht vor dem Aus. Das Blatt blickt auf ruhmreiche Tage zurück. Doch die jüngere Geschichte liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes.

Insolvenzantrag: "Frankfurter Rundschau" steht vor dem Aus Fotos
dapd

Kurz vor dem Tod flüchten sich viele in den Galgenhumor: "Einmal die ersten! Endlich ein Trend, den wir nicht verschlafen haben." Mit diesen Worten kommentierte ein Redakteur der "Frankfurter Rundschau" ("FR") die Insolvenz seines Blattes - und damit das drohende Aus für eine der traditionsreichsten Zeitungen der Bundesrepublik.

In dem bitteren Bonmot des "FR"-Mitarbeiters steckt nicht nur viel Witz, sondern vor allem viel Wahres. "Verschlafene Trends" - dahinter verbirgt sich auch ein Vorwurf an die eigene Adresse. Wohl zu Recht. Die "FR" galt - trotz vieler Umbauten in den letzten Krisenjahren - schon mehr als ein Jahrzehnt lang als publizistischer Dauerpatient, der verzweifelt nach einer Kur suchte. Und zwar noch bevor das neue Medium Internet dem alten Printgeschäft hart zuzusetzen begann und die Lage der kränkelnden "FR" so sehr verschlimmerte, dass ihr Exitus nun unvermeidbar erscheint.

Die "FR" droht das erste prominente deutsche Opfer des Strukturwandels in Medienbranche zu werden. Damit erreicht ein Phänomen die Bundesrepublik, das andere Länder seit Jahren kennen: das Zeitungssterben, drastischstes Symptom der Krise des herkömmlichen Verlagsgeschäfts. Und es ist ein makaberes Symbol, dass die meisten "FR"-Beschäftigten über SPIEGEL ONLINE - also ausgerechnet ein Internetmedium - erfahren mussten, dass ihre Zeitung einen Insolvenzantrag gestellt hat.

Die Geschäftsführung des Druck- und Verlagshauses Frankfurt am Main GmbH (DUV), das neben der "FR" auch eine Druckerei im Vorort Neu-Isenburg betreibt, hatte lediglich für 15 Uhr zu einer Betriebsversammlung in das "FR"-Gebäude am Südbahnhof geladen. Ohne Details zum Inhalt der Veranstaltung zu nennen.

Auf der Versammlung bestätigte dann DUV-Geschäftsführer Karlheinz Kroke, dass er keine andere Möglichkeit als den Insolvenzantrag mehr sehe. Seit Wochen habe er von den DUV-Eigentümern keine Informationen über die finanzielle Zukunft der Zeitung mehr erhalten. Aus Kreisen der Geschäftsführung hieß es, Kroke habe befürchtet, wegen Insolvenzverschleppung haftbar gemacht zu werden, wenn er nicht rechtzeitig die Notbremse ziehe. Er versicherte aber: Eine akute Zahlungsunfähigkeit drohe nicht, fällige Gehälter und Rechnungen könnten bezahlt werden.

Drastischer Sparkurs konnte die "FR" nicht retten

Rund 136 Millionen Euro - so viel wollen der Kölner Konzern DuMont Schauberg unter dem Verlegerpatriarchen Alfred Neven DuMont, 85, und die SPD-Medienholding DDVG in den vergangenen Jahren in die linksliberale Zeitung gesteckt haben. Inzwischen sehe man jedoch keine Chance mehr, das Blatt aus der Verlustzone zu bekommen, sagten Vertreter der beiden Eigentümer bei der Versammlung.

Und noch mehr sparen? Offenbar keine Option mehr. Unter anderem der Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld habe bereits die Betriebskosten massiv gesenkt. Aber gleichzeitig seien vor allem die Anzeigen- und Druckerlöse in diesem Jahr erneut stark eingebrochen. Schwarze Zahlen? Offenbar keine Perspektive mehr.

Damit steht die "FR" als erste überregionale Qualitätszeitung in Deutschland vor dem Aus, wenn sich in den nächsten Wochen kein Käufer für das defizitäre Blatt finden sollte. Doch wer sollte das sein? Man kennt solche aussichtslosen Szenarien aus dem Ausland. In Frankreich erscheint seit dem Jahr 2011 "France-Soir" nur noch online. In vielen US-Großstädten gibt es inzwischen nur noch eine Tageszeitung. Spaniens größte Qualitätszeitung "El País" ist massiv unter Druck.

Die meisten dieser Blätter haben eines gemeinsam: viel Tradition, immer weniger Leser. So auch die "FR": Sie war 1945 die erste Tageszeitung, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im amerikanischen Sektor eine Lizenz erhielt - am 1. August 1945 erschien Ausgabe Nummer eins. Maßgeblich geprägt wurde das Blatt von Karl Gerold, der ein Jahr später zur Redaktion stieß und 1954 zum alleinigen Herausgeber wurde. Gerold, ein langjähriges SPD-Mitglied, legte die Zeitung auf einen sozial-liberalen Kurs fest.

Chefredakteur gefeuert

Die eindeutige Zuordnung zu einem politischen Lager stand journalistischen Höchstleistungen aber nicht im Wege. Eine der wichtigsten war die Aufdeckung des HS-30-Skandals: Die "FR" enthüllte Mitte der sechziger Jahre, dass bei der Beschaffung des Schützenpanzers HS 30 für die Bundeswehr Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe flossen, unter anderem an CDU-Politiker und Beamte des Verteidigungsministeriums.

Nach dem Tod des Verlegers 1973 wurde die gemeinnützige Karl-Gerold-Stiftung gegründet, die das Blatt mehr als drei Jahrzehnte allein herausgab. 2003 musste ausgerechnet Hessens CDU-Regierung unter Roland Koch die angeschlagene "FR" mit einer Landesbürgschaft stützen. Ein Jahr später übernahm dann die SPD-Medienholding DDVG 90 Prozent der Anteile von der Gerold-Stiftung.

Den Niedergang der Zeitung hielt das nicht auf - auch weil sich das Blatt fortan den Vorwurf gefallen lassen musste, seine Unabhängigkeit aufgegeben zu haben. Die neuen Eigentümer verordneten der "FR" eine drastische Sparkur - mehr als die Hälfte der einstmals 1700 Mitarbeiter wurde im Laufe von drei Jahren vor die Tür gesetzt. Hinzu kamen interne Querelen: 2006 feuerten die Gesellschafter Chefredakteur Wolfgang Storz. Tags darauf protestierte die Redaktion und teilte auf der Titelseite mit, "dass sie die Entlassung des Chefredakteurs nicht billigt".

Die Zeitung gewann Preise - und verlor Leser

Seit Juli 2006 hält die Mediengruppe DuMont Schauberg 50 Prozent plus eine Aktie an der FR. 40 Prozent blieben bei der DDVG, zehn Prozent bei der Karl-Gerold-Stiftung. 35 Millionen Euro soll der Kölner Verlag für den Kauf der Anteile gezahlt haben.

Auch mit den neuen Eigentümern setzte das Blatt seinen Schlingerkurs fort. Im Jahr 2007 stellte die "FR" ihr Layout auf das kleinere Tabloid-Format um. Damit gewann die Zeitung zwar den renommierten European Newspaper Award, verlor aber weiter Leser. Im dritten Quartal 1998 zählte die "FR" 125.000 Abonnenten. 2007 hatten knapp 90.000 Menschen die Zeitung abonniert. Und im Vergleichszeitraum 2012 waren es nur noch 64.000 - fast eine Halbierung der Abonnentenzahl innerhalb von eineinhalb Jahrzehnten.

Seit vergangenem Jahr wurde der überregionale Mantelteil der "FR" von der "Berliner Zeitung" produziert, die ebenfalls zur DuMont-Gruppe gehört. Damit reduzierten die Eigentümer zwar die Kosten weiter, gefährdeten jedoch die Identifikation der Leser mit dem Blatt.

Als Insolvenzverwalter wurde am Dienstag nun der Frankfurter Rechtsanwalt Frank Schmitt eingesetzt. Er kündigte an, zusammen mit Geschäftsführer Kroke die Zeitung vorerst weiter erscheinen zu lassen und nach möglichen neuen Investoren oder anderen Geschäftsmodellen zu suchen. Die Beschäftigen wurden aufgefordert, wie bisher weiterzuarbeiten.

Die Belegschaft klammert sich jetzt an Durchhalteparolen. "Das ist nicht das Ende der Frankfurter Rundschau", heißt es in einer Mitteilung, die auf der "FR"-Webseite veröffentlicht wurde. Intern glaubt jedoch kaum jemand daran, dass die Zeitung überleben wird. "Das war's dann wohl", sagte ein Redakteur resigniert.

Und ein anderer berichtet von "Endzeitstimmung", die bereits seit Wochen herrsche. Immer wieder habe es Gerüchte gegeben, dass das Blatt eingestellt oder auf eine rein digitale Ausgabe umgestellt werde. Was den Tod des Traditionsblattes aber wohl nur hinauszögern würde: Eine Befragung von Lesern, ob sie eine papierlose Ausgabe abonnieren würden, hat offenbar "desaströse" Ergebnisse erbracht.

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insgesamt 103 Beiträge
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1. Hausgemacht
Tungay 13.11.2012
Zitat von sysopDas Zeitungssterben erreicht Deutschland, der Umbruch in der Medienbranche fordert wohl bald sein erstes prominentes Opfer: Die "Frankfurter Rundschau" steht vor dem Aus. Das Blatt blickt auf ruhmreiche Tage zurück. Doch die jüngere Geschichte liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes. Die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" ist keine Überraschung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-insolvenz-der-frankfurter-rundschau-ist-keine-ueberraschung-a-867084.html)
Die FR als eines der Medienunternehmen der SPD Holding, hat sich redaktionell auf genau deren Verkündung spezialisert. Die Zielgruppe war wohl undankbar oder müde Inhalte zu lesen, die mit ihrer gelebten Realität nicht übereinstimmen.
2. Und das ist auch gut so!
archivdoktor 13.11.2012
Zitat von sysopDie "Frankfurter Rundschau" steht vor dem Aus. Das Blatt blickt auf ruhmreiche Tage zurück. Doch die jüngere Geschichte liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes
Persönlich werde ich die FR nicht vermissen!
3.
gbk666 13.11.2012
Zitat von sysopDas Zeitungssterben erreicht Deutschland, der Umbruch in der Medienbranche fordert wohl bald sein erstes prominentes Opfer: Die "Frankfurter Rundschau" steht vor dem Aus. Das Blatt blickt auf ruhmreiche Tage zurück. Doch die jüngere Geschichte liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes. [/url]
Was genau hat jetzt der Umbruch in der Medienbranche mit den schon seit etlichen Jahren sinkenden Auflagen und Gewinnen der FR zu tun? Ein Kommentar zum Thema ist ja ne tolle Sache, aber Substanz sollte er auch haben anstatt Birnen mit Äpfeln zu vergleichen.
4.
unter_linken 13.11.2012
Zitat von sysopDas Zeitungssterben erreicht Deutschland, der Umbruch in der Medienbranche fordert wohl bald sein erstes prominentes Opfer: Die "Frankfurter Rundschau" steht vor dem Aus. Das Blatt blickt auf ruhmreiche Tage zurück. Doch die jüngere Geschichte liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes. Die Insolvenz der "Frankfurter Rundschau" ist keine Überraschung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-insolvenz-der-frankfurter-rundschau-ist-keine-ueberraschung-a-867084.html)
So langsam bröckelt die politisch korrekte, linke Meinungsmaschinerie. Kann nur besser werden! In Frankfurt gibts mit der FAZ sowieso die bessere Zeitung.
5.
saberpunk 13.11.2012
Elf Jahre hab ich für die Frankfurter Rundschau gearbeitet. Im Jahr 1995 hab ich den Betrieb verlassen, da eine Unternehmensberatungsfirma aus dem einst profitablen Unternehmen durch sogenannte "Modernisierungsmaßnahmen" zum Zwecke der Personaleinsparung, eine hochverschuldete Auftragsdruckerei gemacht hatte. Der Untergang war damals schon klar zu sehen. Es wurden neueste Druckmaschinen erworben, ohne dafür genug gesicherte Druckaufträge in der Tasche zu haben. Schon Anfang 2000 wurde der daraus resultierende Sparzwang dann so groß, dass bis hin zur Redaktion und den Korrespondenten gestrichen wurde was das Zeug hielt... Aus dem einstigen Vorzeigeblatt wurde eine positionslose Postille, ohne eigenen Charakter, weil man anscheinend hoffte, durch weniger Profil mehr Leser und somit mehr Anzeigenkunden zu gewinnen. . Dann kam die SPD Holding und dann Du Mont. Was von der FR übrig blieb, war die grüne Farbe im Schriftzug. Emil Carlebach, Karl Gerold und Toni Guha, sie alle würden sich im Grabe umdrehen, könnten sie sehen, was die neoliberalen Kapitalverwerter aus diesem Vorzeigeblatt gemacht haben...
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