Wichtigste Theaterehrung Die Wiener Burg räumt ab

Stefanie Reinsperger ist Schauspielerin des Jahres, Dusan David Parizek Regisseur des Jahres: Beide siegten in der Kritikerumfrage von "Theater heute". Im Scheinwerferlicht steht vor allem "Die lächerliche Finsternis" an der Wiener Burg.

Von

Szene aus "Die lächerliche Finsternis": Expedition in die kollektive Innenwelt
Reinhard Maximilian Werner/ Burgtheater Wien

Szene aus "Die lächerliche Finsternis": Expedition in die kollektive Innenwelt


Die Gelegenheit ist günstig wie nie. Wer einmal ins Theater des Jahres gehen will, ins Stück des Jahres, in die Inszenierung des Jahres, wer einmal die Schauspielerin des Jahres sehen will, die Nachwuchsschauspielerin des Jahres und das Bühnenbild des Jahres, der muss nur ein Ticket kaufen: für "Die lächerliche Finsternis" im Akademietheater des Wiener Burgtheaters.

In der traditionellen Kritikerumfrage, die die Fachzeitschrift "Theater heute" in ihrem Jahrbuch abdruckt, fällt der Name der Inszenierung so oft wie kein anderer. Es ist der Hit der Saison.

Für all jene, die sich in der Welt des Theaters nicht so auskennen: Stellen Sie sich einen Blockbuster vor, der die Oscars für den besten Film, für Drehbuch, Regie, Hauptdarsteller und Ausstattung abräumt. Über ihn wird jeder sprechen, ihn wird jeder sehen wollen. So ist es in der überschaubaren Welt des Theaters mit dieser Inszenierung.

Ein Gänsehaut-Moment

27 der 42 befragten Theaterkritiker wählten das der Inszenierung zugrunde liegende Stück des Autors Wolfram Lotz zum besten deutschsprachigen Stück des Jahres. In der Geschichte der Umfrage waren sich noch nie so viele so einig. "Die lächerliche Finsternis" ist ein Kriegsstück, lose angelehnt an Joseph Conrads Erzählung "Herz der Finsternis" und Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse Now" (In der ZDF-Mediathek können Sie sich das Stück anschauen). Nur dass Lotz uns nicht auf Expedition ins Landesinnere eines Krisengebiets schickt, sondern auf Expedition in unsere kollektive Innenwelt: in die Klischeevorstellungen, die wir in Deutschland von fernen Krisengebieten haben.

Burgtheater in Wien: Theater des Jahres
DPA

Burgtheater in Wien: Theater des Jahres

Das Stück wurde in den vergangenen Monaten an vielen Theatern inszeniert, unter anderem in Berlin, Essen, Hamburg, Luzern und Wiesbaden, aber keine Inszenierung begeisterte die Kritiker so wie jene von Dusan David Parizek im Akademietheater des Burgtheaters Wien. Für die Arbeit wählten sie den gebürtigen Tschechen zum Regisseur des Jahres - und schoben noch eine weitere Auszeichnung hinterher: Bühnenbildner des Jahres, denn um die Ausstattung hat Parizek sich persönlich gekümmert. Wobei er sich den Titel als Bühnenbildner des Jahres mit Kathrin Nottrodt (für "John Gabriel Borkmann" am Schauspielhaus Hamburg) und Aleksandar Denic (für "Baal" am Residenztheater München) teilt.

Zu verdanken hat Parizek den Erfolg sicher auch dem famosen Frauen-Ensemble, mit dem er bei "Die lächerliche Finsternis" zusammengearbeitet hat, darunter die Entdeckung der Saison: Stefanie Reinsperger. 15 der 42 Kritiker wählten die 27-Jährige zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres, neun sogar zur Schauspielerin des Jahres. Womit sie beide Titel gleichzeitig einheimste. Auch das gab es noch nie.

Reinsperger ist keine Schauspiel-Elfe, die über die Bühne tänzelt und ihre Sätze ins Publikum zärtelt, sie rotzt ihre Rollen hinaus, mit der ganzen Kraft ihres Körpers. So wie in Parizeks Inszenierung, die sie breit wienernd mit dem Monolog eines somalischen Piraten ("I bin a schwoaza Nega aus Somalia") eröffnete. Einem der Gänsehaut-Momente der Saison. Und so wie in Robert Borgmanns Inszenierung von "die unverheiratete", ebenfalls am Akademietheater des Wiener Burgtheaters, in der sie in zerrissenen Strumpfhosen herumstolpert, die Beine erdverschmiert, die Haare verklebt.

Dickschiff auf Kurs

Zur neuen Saison wechselt Reinsperger ans Volkstheater Wien, ins Ensemble der Intendantin Anna Badora, die dort neu anfängt. Für das viel größere und viel bedeutendere Burgtheater ist das ein ärgerlicher Verlust. Wobei das Dickschiff der deutschsprachigen Bühnenlandschaft ansonsten wieder ganz gut auf Kurs zu sein scheint: Die Kritiker wählten es zum Theater des Jahres.

Dabei mag der Wunsch eine Rolle gespielt haben, die Bühne nach dem Skandaljahr 2014 zu resozialisieren, sie also nach dem Finanzdesaster und der hitzigen Debatte um den Rauswurf des alten Intendanten Matthias Hartmann wieder in der Theaterfamilie willkommen zu heißen.

Intendantin Bergmann: Riesenerfolg für die neue Burgtheater-Chefin
DPA

Intendantin Bergmann: Riesenerfolg für die neue Burgtheater-Chefin

Aber auch die harten Fakten sprachen für das Burgtheater: Mit "Die lächerliche Finsternis" und "die unverheiratete" waren die Wiener sowohl zum Berliner Theatertreffen als auch zu den Mülheimer Stücken eingeladen, waren also bei den beiden wichtigsten Festivals der Branche doppelt vertreten. Für die neue Intendantin Karin Bergmann ist das ein Riesenerfolg. Fairerweise muss man allerdings auch sagen: Als sie das Amt im März 2014 von Matthias Hartmann übernahm, war die Spielzeit, für die sie nun ausgezeichnet wird, zu einem großen Teil schon geplant.

Und sonst so? Samuel Finzi ist Schauspieler des Jahres, gewählt für seinen Auftritt als Wladimir in Ivan Panteleevs Inszenierung von "Warten auf Godot" am Deutschen Theater Berlin. Die Aufführung ist eine recht dröge Angelegenheit, in der man sich als Zuschauer zeitweise genauso langweilt wie Becketts Figuren, aber Finzi spielt seinen Part wirklich sensationell gut.

Zur Kostümbildnerin des Jahres wählten die Kritiker zum dritten Mal hintereinander Victoria Behr, zum dritten Mal für die Kostüme in einer Inszenierung des Volldampf-Regisseurs Herbert Fritsch. Dieses Mal "der die mann" an der Berliner Volksbühne.

Schauspieler Finzi: Schauspieler des Jahres
DPA/ Constantin Film

Schauspieler Finzi: Schauspieler des Jahres

Die Kritiker haben in der abgelaufenen Saison aber natürlich nicht nur gejubelt, sondern sehr viel geschimpft, sonst wären sie keine Kritiker. Zu einem Ärgernis des Jahres haben sie die Kulturpolitik in Rostock gewählt, zu einem anderen die Diskussionen rund um den geplanten Neuanfang an der Berliner Volksbühne. Wobei die Gründe dafür grundverschieden sind: Die einen kritisieren, dass der Kunstkurator Chris Dercon 2017 den Intendanten Frank Castorf ablösen soll, die anderen kritisieren die "Besitzstandswahrer".

Wäre ja auch langweilig, wenn Kritiker sich bei allem einig wären.

Anzeige

Auch unser Autor hat an der "Theater heute"-Umfrage teilgenommen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ch.weichberger 27.08.2015
1. grandious
dieses frauenteam maenner spielend in laecherliche finsternis...grossartiges theater...und nebenbei die verballhornung des maenner baumarkt wahns in der lauten pause....genial auch die einsatze von overhead projektoren fuer beleuchtung und licht im allgemeinen super gemacht ....danke eine lust amtheater
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.