Zum Tod von Helen Thomas: Sie fragte härter als alle Männer

Helen Thomas: 57 Jahre Weißes Haus Fotos
AP

Neun US-Präsidenten verfolgte sie mit ihrem Furor: Helen Thomas berichtete mehr als ein halbes Jahrhundert als Korrespondentin aus dem Weißen Haus. Jetzt ist die streitbare Journalisten-Legende im Alter von 92 Jahren in Washington gestorben.

Hamburg/Washington - Sie war eine Freundin offener Worte. Sehr offener Worte. 2003 nannte Helen Thomas den damaligen US-Regierungschef George W. Bush "den schlechtesten Präsidenten aller Zeiten". Was starker Tobak ist, wenn man bedenkt, dass die legendäre US-Journalistin regelmäßig dem auf diese harsche Weise Kritisierten bei Pressekonferenzen gebenübersaß.

Es war Tradition, dass die linksgerichtete Thomas stets die erste Frage stellen durfte, wenn der Präsident selbst vor die Journalisten trat. Das machte ihr Gesicht über die USA hinaus bekannt.

57 Jahre besuchte Helen Thomas, die als Tochter libanesischer Einwanderer in Detroit aufgewachsen war, für die Nachrichtenagentur UPI die Pressekonferenzen im Weißen Haus - meist nahm sie einen Platz in der ersten Reihe ein. Sie berichtete in dieser Zeit über alle Präsidenten - von John F. Kennedy bis zu Barack Obama.

Schatten auf dem Lebenswerk

Und auch Obama erfuhr Thomas' journalistischen und meinungsfreudigen Furor am eigenen Leib. 2009 fragte sie ihn auf einer Pressekonferenz: "Wann werden Sie endlich aus Afghanistan abziehen? Warum müssen wir dort weiter töten und sterben? Was ist Ihre Entschuldigung dafür? Und verbreiten Sie jetzt bloß keinen Bushismus nach dem Motto, 'wenn wir nicht zu ihnen gehen, kommen sie zu uns'!"

George W. Bush selbst war regelmäßig Ziel ihrer Attacken. Als beispielsweise die damalige Bush-Sprecherin Dana Perino auf eine ihrer scharfen Fragen hin versicherte, der Präsident bedauere den Tod von Zivilisten, feuerte Thomas zurück: "Bedauern - das bringt kein Leben zurück."

In ihrem letzten Jahrzehnt als Journalistin war Thomas Kolumnistin für die Zeitungen des Hearst-Konzerns. Ihre Karriere endete 2010 abrupt wegen einer umstrittenen Bemerkung, die von einem Mikrofon aufgefangen worden war. Ein Rabbiner hatte sie damals auf dem Rasen des Weißen Hauses um einen Kommentar zu Israel gebeten. Sie antwortete: "Sag ihnen, sie sollen zum Teufel nochmal aus Palästina verschwinden." Dann verlangte Thomas, dass die Juden auch Israel verlassen und "nach Hause" gehen sollten, nach "Polen und Deutschland, Amerika oder sonst wohin".

Eine Woche später distanzierte sie sich von ihrem Ausfall, ein Schatten aber blieb auf ihrem Lebenswerk hängen.

Laut US-Medien starb Helen Thomas nach langer Krankheit in ihrem Haus in Washington. Das bestätigte die Journalisten-Vereinigung Gridiron Club in Washington, deren erstes weibliches Mitglied Thomas war. Sie wurde 92 Jahre alt.

cbu/dpa/Reuters

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insgesamt 27 Beiträge
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1.
Maya2003 20.07.2013
Zitat von sysopNeun US-Präsidenten verfolgte sie mit ihrem Furor: Helen Thomas berichtet mehr als ein halbes Jahrhundert als Korrespondentin aus dem Weißen Haus. Jetzt ist die streitbare Journalisten-Legende im Alter von 92 Jahren in Washington gestorben. Die legendäre White House-Korrespondentin Helen Thomas ist tot - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-legendaere-white-house-korrespondentin-helen-thomas-ist-tot-a-912225.html)
Schade, unsere "Spitzenjournalisten" gehen mit Politikern lieber essen als scharfe, harte und direkte Fragen zu stellen. Gestern wieder schön zu sehen bei der Pressekonferenz Merkels - deutscher Weichspüljournalismus mit Hofknicks.
2. optional
behr22 20.07.2013
Wird zeit das auch Merkel mal vernüntige Fragen zur Überwachung gestellt werden. Auf Spiegel und auf anderen Seiten sind zwar viele ziemlich gute Artikel dazu erschienen, aber die Fragen die Merkel dazu gestellt wurden waren einfach schwach
3. Wie Charlie Chaplin
dergulag 20.07.2013
Sie traute sich in Amerika die Wahrheit zu sagen und man setzte Sie dafuer in den Schatten und eine schwarze Liste. Dies nach einem Leben von verantwortlichem und echtem Journalismus. Man sieht ja schon bei Assange, Manning und Snwoden, dass man auch die Presse, welche darueber berichtet zu einschuechtern versucht. Wenn andere Journalisten der doofen Amerikanischen "Establishment Media" bereits nach Festnahmen anderer freier Journalisten fragen, da weiss man Staats-Mandat Media ist nicht mehr weit enfernt, kaum noch zu unterscheiden in Amerika.
4. So, und
moelln56 20.07.2013
nicht anders wünscht man sich Journalismus. Haben wir denn nur noch Hasenfüße ?? Unabhängig und Überparteilich sind zum Fremdwort mutiert.
5. Schatten auf dem Lebenswerk?
falster 20.07.2013
Welcher Schatten?
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