"Die letzte Schlacht" im ZDF Der andere Untergang

Histotainment à la Guido Knopp: Für das ZDF drehte Hans-Christoph Blumenberg den Film "Die letzte Schlacht" über die letzten Tage des Nazi-Regimes. Nach bekanntem Rezept wechseln sich Spielszenen mit Zeitzeugenberichten ab. Hinter ärgerlichen Zuspitzungen verbirgt sich ein gelungenes Doku-Drama über Einzelschicksale im Chaos.

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Szene aus "Die letzte Schlacht": Überlebenskampf ganz unterschiedlicher Charaktere
ZDF/Romano Ruhnau

Szene aus "Die letzte Schlacht": Überlebenskampf ganz unterschiedlicher Charaktere

Der Führer geistert als Schatten durchs Bild. Sein Gesicht lässt sich kaum erkennen, trägt er überhaupt einen Schnauzer? Hitler ist ein gebeugter alter Mann, dessen eine Hand hinterm Rücken auffällig zittert, während er die andere einem Kind im Lazarettbunker der Reichskanzlei entgegenstreckt. Es ist der 20. April 1945, Führers Geburtstag. Die Geschütze der russischen Artillerie vor den Toren Berlins spielen ihm ein Ständchen.

Der Reichskanzler steht weit hinten im Bild, er wird von einem polnischen Kleinkünstler namens Aleksander Polek verkörpert. Weiter vorne im Bild ist die bekanntere deutsche Schauspielerin Irm Hermann zu sehen, die eine Krankenschwester darstellt und als solche weihevoll zu einer jüngeren Kollegin raunt: "Der Führer ist in uns und um uns." Die frohlockende Samariterin ist in dem Doku-Drama "Die letzte Schlacht" (Sonntag auf Arte, Dienstag im ZDF) die einzige, die große Worte um den Diktator macht. Alle anderen sind mit dem Überleben beschäftigt.

Früher Höhepunkt der TV-Offensive

Einen "Anti-Untergang" wollte Regisseur und Autor Hans-Christoph Blumenberg nach eigenen Worten drehen. Guido Knopp vom ZDF, der öffentlich-rechtliche Pate des deutschen Geschichtsfernsehens, ließ ihn gewähren. Nicht die Agonie von Hitlers Führungsmannschaft galt es zu zeigen, sondern den Überlebenskampf ganz unterschiedlicher Charaktere in unterschiedlichen Ecken des umkämpften Berlins. Gut zwei Dutzend Protagonisten folgt Blumenberg durch die Stadt - versprengten deutschen Soldaten, vorrückenden Rotarmisten, orientierungslosen Zivilisten, aber auch Menschen, die von der nun kollabierenden nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" verfolgt worden sind.

Schauspieler Christian Redl in "Die letzte Schlacht": Die andere Hälfte der besseren deutschen Darsteller
ZDF/Romano Ruhnau

Schauspieler Christian Redl in "Die letzte Schlacht": Die andere Hälfte der besseren deutschen Darsteller

In den Interviewpassagen sprechen Zeitzeugen; für die Spielszenen werden die Berichte nachgestellt und fiktional ausgeschmückt. Dafür rekrutierte man so ziemlich genau jene Hälfte der besseren deutschen TV-Schauspieler, die, bis auf Christian Redl, der hier als General Krebs zu sehen ist, noch nicht im "Untergang" auftauchte, darunter Tom Schilling, Katharina Wackernagel und Jörg Schüttauf.

"Die letzte Schlacht" bildet den sehr frühen Höhepunkt einer TV-Offensive über die letzten Tage des Tausendjährigen Reichs. Bis zum 60. Jahrestag der Kapitulation sind es zwar noch fast zwei Monate hin, aber über die letzten Fernsehsaisons hat sich gezeigt, dass man sich bei solchen Anlässen enorm sputen muss. Wer pünktlich kommt, ist hier schon zu spät. Selbst wenige Tage vor den offiziellen Jubiläumsterminen ist man als Programmplaner bereits der letzte und wird von dem ermüdeten Publikum mit schlechten Quoten bestraft.

Das Jahrestagsfernsehen hat sich hierzulande als Programmfeld mit eigenen Regeln und eigener Dynamik etabliert. Spätestens zum 60. Jahrestag der Landung der alliierten Truppen in der Normandie ließ sich ein fester Ablauf erkennen, mit dem die unterschiedlichen Sender zeitgeschichtliche Jubiläen begehen. Sie bringen dann stets ihre prominentesten Gesichter aus dem Info-Bereich in Stellung. Anlässlich des 60. Jahrestages der Kapitulation am 8. Mai schickt RTL zum Beispiel im April Peter Kloeppel, den beliebten Anchorman mit Chefredakteur-Kompetenzen, als Präsentator einer dreiteiligen Reihe über Hitler und seine letzten Tage ins Rennen. Guido Knopp ist zum Abschluss der ZDF-Jubiläumsoffensive live mit dem Bundeskanzler bei den offiziellen Feierlichkeiten in Moskau vor Ort.

Nach dem Jahrestag ist vor dem Jahrestag

Für den ZDF-Mann Knopp, der redaktionell für "Die letzte Schlacht" verantwortlich zeichnet, gilt: Nach dem Jahrestag ist vor dem Jahrestag. Das Jubiläumstara zur Erstürmung der Normandie war noch nicht lange verhallt, da arbeitete er sich schon chronologisch weiter am Ende des Dritten Reiches ab. Im Vierteiler "Der Sturm" zeichnete Knopp im Januar das Näherrücken der Ostfront und die daraus resultierenden Fluchtbewegungen der deutschen Zivilbevölkerung nach, für "Das Drama von Dresden" ließ er letzten Monat fristgerecht die Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber am 13. Februar 1945 rekonstruieren.

ZDF-Historiker Knopp: Melodramatisch aufgeladene Spielfilmbilder
DPA

ZDF-Historiker Knopp: Melodramatisch aufgeladene Spielfilmbilder

Histotainment à la Knopp sieht immer gleich aus: Zeitzeugen werden beim Erzählen gefilmt - und dann Teil dieser bildlich en detail nachinszenierten Erzählung. Die Erlebnisberichte gehen hier in melodramatisch aufgeladene Spielfilmbilder über, die sozusagen die Beglaubigung bilden sollen, dass es so und nicht anders war. Abstraktion, Ursachenforschung oder auch nur numerisches Beiwerk sucht man in den emotional überhitzten Erlebnis-Dokus meist vergeblich. Gelegentlich hallt aus dem Off eine Stimme, die den Zuschauer ermahnt, das dargestellte Leid auch immer als Folge der NS-Herrschaft zu sehen. Allein, oft werden diese Ermahnungen von den Bläsern und Streichern des Soundtracks übertönt. Am Ende von Knopp-Produktionen bleibt leicht der Eindruck eines kontextlosen, ja geradezu enthistorisierten Volksmartyriums zurück.

Diesen Vorwurf kann man Blumenberg für "Die letzte Schlacht" nicht machen. Zwar erinnert die Technik auf den ersten Blick an andere von Knopp überwachte Geschichtsfilme. Doch Blumenberg, der bereits mit "Deutschlandspiel" oder "Der Aufstand" das Format des Doku-Dramas in seinen gestalterischen Möglichkeiten ausgeleuchtet hat, erzählt perspektivisch ausgeklügelter. Aus den fiktional verdichteten Zeitzeugenbefragungen (50 wurden insgesamt interviewt, am Ende verfügte man über 130 Stunden Material) entwickelt sich ein vielstimmiges und gerade in seinen Widersprüchen aufschlussreiches Zeitenpanorama. Der Zuschauer wird meist gefordert, nicht eingeseift.

Dem "Untergang" näher, als ihm lieb sein kann

Sicher, an manchen Stellen beschleicht einen das Gefühl, Blumenberg habe sich verhoben. Nicht immer hat er den Chor der Zeitzeugen perfekt orchestriert. Oft verliert er einen Protagonisten im Getümmel der letzten Kriegstage aus den Augen, obwohl dieser sein persönliches Drama noch gar nicht zu Ende erzählt hat. Andererseits werden von den Interviewten zurückhaltend angesprochene Begebenheiten gelegentlich brachial ausgesponnen. Der Zeitzeuge wird da schnell der Beglaubiger der eigenen Mutmaßungen. Zum Beispiel als ein ehemaliger Rundfunksprecher im Interview andeutet, dass es nach Einstellung des Sendebetriebs eine desolate Party im Funkhaus gegeben hätte ("dann fielen die Hüllen") - und Blumenberg die folgende Sequenz als Sexorgie inszeniert. Da ist er Bernd Eichingers pittoresk-todessehnsüchtigem "Untergang" näher, als ihm lieb sein kann.

Szene aus "Die letzte Schlacht": Getümmel der letzten Kriegstage
ZDF/Romano Ruhnau

Szene aus "Die letzte Schlacht": Getümmel der letzten Kriegstage

Dennoch gelingt es, in dem Chaos der letzten Kriegstage einige persönliche Geschichten freizulegen, die aufschlussreich für die Gesamtsituation sind. Etwa die eines jüdischen Widerstandskämpfers, der aufgrund der kollabierten Nazi-Kommandostruktur unverhofft aus der Gestapohaft entlassen wird und schließlich Unterschlupf bei nicht-jüdischen Verwandten findet, die in ihm ein wichtiges Pfand für die Zeit der Entnazifizierung sehen. Nach dem Motto: "Sehen sie, wir haben einem Juden geholfen!" Es sind die starken Momente des Doku-Dramas, wenn hier die Inszenierung selbst im Durcheinander des Übergangs immer wieder den guten alten deutschen Opportunismus aufblitzen lässt.

Einen richtigen Helden gibt es in "Die letzte Schlacht" aber auch: den sowjetischen Generaloberst Nikolai Bersarin, der als Stadtkommandant im brennenden Berlin seinen Schutzpflichten gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung nachkommt und Soldaten der eigenen Armee, die gegen diese vorgehen, noch während des Kampfes um die Stadt im Schnellverfahren aburteilen lässt. Jan Gregor Kremp verleiht dem ehrenwerten Bersarin im Film eine geradezu romanhafte Statur. Ein simpler, aber legitimer Kniff, um mögliche revanchistische Gelüste des Fernsehpublikums ins Leere laufen zu lassen. Die rote Armee, so wie sie "Die letzte Schlacht" zeigt, war die Rettung. Und nicht der Untergang.


Die letzte Schlacht: Sonntag, 13. März, 15.48 Uhr auf Arte; Dienstag, 15. März, 20.15 Uhr im ZDF



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