"Die Möwe" am Thalia Theater Erste Liebe, letzter Sex

Fast wäre sie abgestürzt, "Die Möwe" am Hamburger Thalia Theater. Doch dann übernahm einen Monat vor der Premiere Leander Haußmann die Tschechow-Inszenierung - und legt nun ein formvollendetes Künstlerdrama hin, das mit Intensität ohne jedes Gebrüll überzeugt.

Krafft Angerer

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Was kann es für ein Theater Schlimmeres geben, als plötzlich, vier Wochen vor einer wichtigen Tschechow-Premiere, ohne Regisseur dazustehen? Das Hamburger Thalia Theater hatte sich wegen künstlerischer Differenzen in Sachen "Die Möwe" vom griechischen Spielleiter Yannis Houvardas "einvernehmlich" getrennt, wie es schmallippig verkündet wurde. Eigentlich eine Katastrophe.

Daraus entwickelte sich aber ein Glücksfall, denn offenbar waren die Vorarbeiten - Dramaturgie, Bühne, Kostüme, Licht - flexibel genug verwendbar, so dass der Regie-Tausendsassa Leander Haußmann einen kompakten Abend hinlegen konnte über zerstörte Ideale, verlorene Träume und unerfüllte Liebe. Eine wunderbar verwirbelte Aufführung, aber fast ganz ohne Windmaschine.

Den Wind macht zunächst der junge Dichter Treplew, der mit seiner Vorstellung von Theaterkunst die Landgesellschaft auf dem Gut seines Onkels Sorin und vor allem seine junge Geliebte Nina beeindrucken will. Die zieht es ebenso vehement zur Bühne, wo Treplews Mutter Irina schon als erfolgreiche und eitle Schauspielerin ihren Bahnen zieht - ganz schlechte Karten für einen Idealisten wie Treplew. Entsprechend verheerend fällt die Provinzpremiere seines Stückes auf dem Landgut aus. Obendrein hat seine Mutter auch noch den erfolgreichen, aber angepassten Schriftsteller Trigorin im Schlepptau, ein Feindbild für Treplew. Und leider auch attraktiv für seine Nina. Verwerfungen sind programmiert und führen ins fatale Finale.

Dies ganze Personal des tschechowschen Landlebens samt Bühnen-Choreografie von Einzelschicksalen und Monologen arrangierte Haußmann unter großen, flammend roten Stoffbahnen (Bühne: Katrin Nottrodt), die während des ersten Teils mal drohend, mal luftig, mal verhüllend die Handlung visuell wallend stützten. Da fliegt schon mal eine ganz kleine Möwe ziellos im Kreis, Zeitangaben können darauf projiziert werden, und der alte, kränkelnde Gutsbesitzer Sorin kann sich darin auf der Suche nach seinem Leben verkriechen.

Mehr als der übliche Trickkisten-Tschechow

Die teils hingehauchte, teils drastische Symbolik der Tücher bestimmt in ihrer Wandelbarkeit den Charakter der Inszenierung, weil sie den Blick des Zuschauers immer wieder nach oben, ins Weiter richtet. Variiert mit der klassischen Tschechow-Reihe (alle Akteure Seit an Seit auf der Bühne) und der häufig direkten Parkettansprache durch das Ensemble hat Leander Haußmann sein Publikum im Griff. Umso mehr, wenn die Schauspieltruppe ausgelassen losspielen darf.

Der Jäger nach den Idealen und seine Möwe, die von der Liebe zerstört wird: Sebastian Zimmler und Birte Schnöink bieten als jugendliches, verhindertes Liebespaar berührende Momente bis zum Schluss, als Zimmlers Treplew tief ergriffen der Lebensbilanz seiner Jugendliebe lauscht, die ihn dann schnurstracks in den Selbstmord treibt. Das ist dann schon mehr als Trickkisten-Tschechow.

Ebenso Barbara Nüsse, die die alternde Diva Irina mit der Schärfe von Gloria Swanson in Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung" gibt, angereichert mit reichlich Ironie und letztem Sex. Immerhin eine, die nicht aufgibt wie ihr Sohn. Ihr Pendant ist Bruder Sorin, der im Laufe des Stückes immer mehr verfällt, sich aber ans Leben klammert und von Wolf-Dietrich Sprenger mit der verzweifelten Lust eines darbenden Genussmenschen gespielt wird, vom schwerfälligen Gehen, bis zum Rollstuhl, bis zur Lähmung.

Fürs Große, Ganze, Gesellschaftstragende ist der Schriftsteller Trigorin zuständig, den der wieder famose Jens Harzer mit intensiver Psychologie und getriebener Besessenheit darstellt. Selbstverliebt und menschlich skrupellos, die Liebe der jungen Nina darf so ein Großdichter schon mal en passant mitnehmen, bevor er wieder in den sicheren Hafen seiner Kunst und seiner Diva Irina zurückkehrt.

Sein bürgerlich biederes Spiegelbild gibt Matthias Leja als Arzt und Lebenspraktiker Dorn, der mit schneidender Stimme und Kinnbart als seltsame Mischung aus Hanns-Dieter Hüsch und Stromberg ausstaffiert wurde. Beide, Harzer und Leja, stehen übrigens beispielhaft für die aktuell exzellente Sprechkultur am Thalia Theater, es ist einfach wunderbar, wie beide Intensität ohne Gebrüll erzeugen können.

Laut gejubelt hat dann das Publikum, das nach etwas über drei Stunden Tschechow keinesfalls erschöpft wirktewar. Grundsolide, schwungvoll, dicht: Keine revolutionäre "Möwe", aber ein rasant operierender Seevogel Marke Haußmann. Sollte man sehen.



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