Feministin Rebecca Solnit Yes! Yes, we can!

Wenn Männer die Welt erklären: Rebecca Solnit wird die Wortschöpfung "Mansplaining" zugesprochen. In ihrer neuen Essaysammlung setzt sie sich mit dem Schweigen der Frauen auseinander.

Protestlerinnen am Frauentag 1971 in London
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Protestlerinnen am Frauentag 1971 in London

Von Silke Weber


Das Sich-zu-Wort-Melden ist oft ein Akt der Empathie, die Vielstimmigkeit verleiht dem oder der einzelnen Stimme mehr Kraft. Das zeigt sich auch in dem aktuellen Harvey-Weinstein-Skandal und der #MeToo-Bewegung.

Der längste Essay in Rebecca Solnits neuem Buch "Die Mutter aller Fragen" ist ausgerechnet: eine Meditation über das Schweigen. Fast yogisch scheint sie mit jeder Silbe in den Schmerz zu atmen, den das Ungesagte hinterlässt. "Schweigen ist Gold - so hieß es doch immer", schreibt sie, um sogleich dagegen anzugehen: Das Schweigen sei der Ozean "des Unsagbaren, Unterdrückten, Ausgelöschten und Ungehörten", die Inseln jener umspülend, denen es erlaubt ist, zu sprechen. Und Solnit fragt: "Wer ist ungehört?"

Natürlich ist Solnits Essaysammlung ein feministisches Buch, das gewissermaßen fortsetzt, was die Autorin in ihrem vorigen Band "Wenn Männer mir die Welt erklären" begann. Manche schreiben Solnit seit der Aufsatzsammlung die Wortschöpfung "Mansplaining" (aus man und explaining) zu, wofür sie abwechselnd geliebt und gehasst wird. In jedem Fall aber ist Mansplaning mittlerweile im Oxford-Lexikon kanonisiert und findet sich inzwischen in 30 weiteren Sprachen. Dieses Wort wird nicht mehr verschwinden, und Rebecca Solnit wird immer wieder mit ihm zitiert werden. Wie umfassend ihr Gesellschaftsprogramm darüber hinaus ist, belegt sie in "Die Mutter aller Fragen" wieder einmal.

Rebecca Solnit: "Befreiung ist ein Erzählprozess"
Emmevi/ Flynetpictures

Rebecca Solnit: "Befreiung ist ein Erzählprozess"

Für Solnit ist Feminismus nicht beschränkt auf die Erfahrungswelt von Frauen, sondern Teil eines größer angelegten Befreiungsprojekts. Sie macht gleich zu Beginn klar, dass sie Männer ebenso wie Frauen, Kinder oder People of Color und Menschen, die die Geschlechterbinarität und -grenzen infrage stellen, einbezieht. Die feministische Bewegung soll unser Verständnis davon verändern, was Zustimmung, Macht, Rechte, Gender, Stimme und Repräsentation eigentlich sind - und allen Ungehörten zu Ausdruck und Selbstentfaltung verhelfen.

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Rebecca Solnit:
Die Mutter aller Fragen

Tempo; 320 Seiten; 20 Euro

"Wer nicht in der Lage ist, die eigene Geschichte zu erzählen, führt ein trostloses Dasein."

"Geschichten retten dir das Leben."

"Wir sind unsere Geschichten."

"Befreiung ist ein Erzählprozess."

Diese kraftvollen Sätze stehen da, einmal wirken sie total zen, ein anderes Mal angriffslustig: "Manchmal sind allein das Sprechenkönnen, Gehörtwerden und Glauben-geschenkt-Bekommen ausschlaggebend dafür, Teil einer Familie, einer Community, einer Gesellschaft zu werden." Solnit liebt die Sprecherrolle, oder sagen wir besser, die Schreiberrolle; als Rednerin soll sie nicht ganz so brillant sein, wie sie es als Autorin ist. Mit jedem ihrer Sätze möchte man einstimmend rufen: Yes! Yes, we can! #hope #change. Man imaginiert, wie eine Solistinnenstimme zu einem Chor heranwächst.

Inhaltlich behandelt Solnit in ihrem neuen Buch die ihr zufolge pandemische männliche Gewalt gegen Frauen und die verschiedenen Formen, wie Frauen zum Schweigen gebracht werden und wurden: Sie erinnert an die Missbrauchs- und Vergewaltigungsskandale mächtiger Männer wie den britischen BBC-Showmoderator Jimmy Savile (der sich nicht nur an Mädchen, sondern auch an Jungen, an Kindern und Jugendlichen verging) oder den US-amerikanischen Komiker Bill Cosby.

"Warum haben Sie keine Kinder?"

Sie feiert die katalytische Wirkung des Hashtags #YesAllWomen nach dem misogynen Amoklauf in Santa Barbara im Jahr 2014 und auch andere Hashtags, unter denen Frauen ihre Gewalterfahrungen teilten, während sie von manchen zu Unrecht als Hashtagfeminismus marginalisiert wurden. Solnit will zeigen, wie physische Gewalt, Vergewaltigungen, Bedrohungen, aber auch Demütigung, Scham, Diskreditierung oder bestimmte Höflichkeitsformeln sich desselben Mechanismus bedienen. Es sind Formen der Unterdrückung, die darauf abzielen, jemanden zum Schweigen zu bringen.

Unschärfer wird sie, geht es um das Zusammen- und Gegenspiel von Race und Gender. Solnit erinnert zwar daran, dass der amerikanische Feminismus mit der Bürgerrechtsbewegung begann, dass er im Widerstand gegen die Sklaverei groß geworden ist. Aber man wünscht sich dann doch, noch mehr von anderen Communitys und Bewegungen wie zum Beispiel Black Lives Matter zu lesen. Wenn die zu dem allumfassenden feministischen Projekt gehören sollen, dann muss Solnit tiefer tauchen, um noch mehr von ihren ungeborgenen Geschichten zu erzählen.

Selbstbestimmt antworten

Ganz in ihrem Element hingegen ist Solnit wieder, als sie sich noch einer anderer Form des Schweigens zuwendet: dem der Frauen in der Literatur. Sie stellt fest, dass die meisten literarisch erfolgreichen Frauen keine Kinder hatten, weil eine schöpferische Tätigkeit viel Zeit mit sich selbst und der eigenen Stimme erfordere.

Viele Menschen, schreibt sie über Virginia Woolf, schenkten "Babys das Licht der Welt, aber nur ein Mensch schenkte uns 'Zum Leuchtturm' und 'Drei Guineen'." Sie wütet über die noch immer verbreitete Annahme, dass erst Kinder eine Frau vollständig erfüllen würden. "Warum haben Sie keine Kinder?", diese titelgebende Mutter aller Fragen werde ihr hartnäckig, auch öffentlich, gestellt.

Solnit schreibt, eines ihrer Lebensziele sei es, jede geschlossene Frage, die auf einer vorgefertigten Annahme beruht, selbstbestimmt mit einer offenen Frage zu beantworten: "Warum fragen Sie mich das?"



insgesamt 42 Beiträge
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Larnaveux 05.12.2017
1.
Zitat: "Inhaltlich behandelt Solnit in ihrem neuen Buch die laut ihr pandemische männliche Gewalt gegen Frauen und die verschiedenen Formen, wie Frauen zum Schweigen gebracht werden und wurden." Pandemische männliche Gewalt also... Aha. Bei allem was recht ist und was auch schiefläuft, ohne Frage gibt es viel zu viel davon. Aber wenn Männer in diesem Buch zu einer gewalttätigen Pandemie werden, dann ist das ein Grund, dieses Buch nicht zu lesen. Aufarbeitung von Ungerechtigkeiten ist immer gut, aber bei dieser Dame schlägt das Pendel wieder mal zu weit zur anderen Seite aus. Mir reichen auch schon die Guru-haften Selbsterfahrungs-Mantras, die da zitiert werden. Gleichberechtigung brauchen wir, aber Feminismus keineswegs. Solnit und Konsorten sind keine Rechlerinnen, sondern Spalterinnen, die das eine Unrecht durch neuen Unfug austauschen wollen.
D. Brock 05.12.2017
2. Greift zu kurz und ...
... beruht auf (heißgeliebten?) Dogmen. Wir leben in einer männerdominierten Welt. Das ist vollkommen klar und unbestreitbar. In Europa herrscht seit das Patriarchat, dessen Wurzeln sehr weit zurück reichen, nicht zuletzt gestärkt durch den christlichen Glauben der patriarchale Strukturen festzimmert, z. B. von Erbsünde und Frauen unverhohlen eine bestimmte Rolle zuspricht. ... Der Absatz, in dem es um die Einbeziehung von Männern, Kindern ... geht, beinhaltet einen erfolgversprechenden Ansatz, doch scheint es so, dass hier nicht zu Ende gedacht wird. Stattdessen gebetsmühlenartig: "Frauen werden zum Schweigen gebracht" Das greift viel zu kurz und ist obendrein meines Erachtens nach Unfug, der von der eigentlichen Problematik ablenkt. Zu allen Zeiten und in jeder Gesellschaft gab es Frauen, die sich sehr wohl Gehör und Respekt verschafft und damit gezeigt haben, dass das sehr wohl geht. Jedoch bemerk(t)en diese Frauen (und die aufmerksamen Männer), dass es ein immenser Aufwand war und ist, da die Strukturen nicht darauf ausgelegt waren und sind. Schwierigkeit zu haben sich mit etwas Gehör zu verschaffen, was als nicht gesellschaftskonform gilt, ist allerdings kein Privileg von Frauen! Es ist IMMER schwierig mit etwas, was nicht Mainstream ist durchzudringen. Wenn die geschilderten Probleme für die meisten Frauen so nachteilig sind, dann muss man sich fragen, warum die feministische Partei nicht bei 50% liegt, wo sie nach dem Bevölkerungsanteil MINDESTENS hingehört. (Man könnte zudem einigen, vielleicht gar nicht mal so wenigen Männern zutrauen zu verstehen worin die Chance besteht in einer echten gleichberechtigten Gesellschaft zu leben - und dann hätte diese Partei einen Stimmenanteil von über 50%.) Da das aber nicht so ist, hat die feministische Partei wohl ein Mobilisierungs- wohl ein Überzeugungsproblem, das womöglich darin begründet ist, dass es bei Feminismus im herkömmlichen Sinn stets "nur" darum geht, dass Frauen (in der patriarchalisch gewachsenen) Gesellschaft die selben Rechte bekommen (sollen, dürfen ...). In einer patriarchalischen Gesellschaft wird das jedoch NIEMALS der Fall sein! Sie ist und bleibt patriarchalisch! Es fehlt die gesamtgesellschaftliche Vision von einer ECHTEN gleichberechtigten Gesellschaft. Wenn man nur trotzig: "Warum fragen Sie mich das"? auf eine zugegebenermaßen bescheuerte Frage antwortet, macht man in dieser Richtung noch nicht einmal den ersten Schritt. Es gibt keinen Grund für Männer sich genüsslich zurückzulehnen und zu denken: Lass' die mal machen. Wenn Männer ehrlich zu sich selbst sind, leiden sie unter dieser Höher-schneller-weiter-Ellenbogen-Gesellschaft genauso wie viele Frauen (einige Männer, aber auch einige Frauen sind jedoch Nutznießer!)! Gleichberechtigung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die allerdings nur dann bewältigt werden kann, wenn man sich traut bis auf die Grundpfeiler dieser Gesellschaft vorzustoßen und genau an diesen zu rütteln!
linkstrend-stoppen 05.12.2017
3.
Ich weiß, dass Frauen Ressourcen verschwenden , wenn sie sich permanent an uns Männern abarbeiten oder uns für ihr individuelles Scheitern verantwortlich machen. Nutzt Eure Chancen, nacht Karriere, hört auf zu jammenrn. Männer haben es auch nciht leicht und kommen ohne Quoten, MentorInnen und gehype nach oben und das obwohl sie noch hässlicher sind und nicht auf Mitleid machen dürfen ;-) Wenn ich 25 wäre, hätte ich den ganzen weiblichen Verfolgungswahn noch geglaubt. Ich bin aber 50 und habe zich mal veruscht Frauen zu puschen, zu befördern, verantwortung zu geben. Viele Frauen wollen gar nicht nach oben und wenn Frauen erhelich sind, wissen sie das auch, dass es serh viele dieser frauen gibt, die Verantwortung scheuen. Also macht Euch endlich ehrlich und Karriere.
petrapanther 05.12.2017
4.
Zitat von LarnaveuxZitat: "Inhaltlich behandelt Solnit in ihrem neuen Buch die laut ihr pandemische männliche Gewalt gegen Frauen und die verschiedenen Formen, wie Frauen zum Schweigen gebracht werden und wurden." Pandemische männliche Gewalt also... Aha. Bei allem was recht ist und was auch schiefläuft, ohne Frage gibt es viel zu viel davon. Aber wenn Männer in diesem Buch zu einer gewalttätigen Pandemie werden, dann ist das ein Grund, dieses Buch nicht zu lesen. Aufarbeitung von Ungerechtigkeiten ist immer gut, aber bei dieser Dame schlägt das Pendel wieder mal zu weit zur anderen Seite aus. Mir reichen auch schon die Guru-haften Selbsterfahrungs-Mantras, die da zitiert werden. Gleichberechtigung brauchen wir, aber Feminismus keineswegs. Solnit und Konsorten sind keine Rechlerinnen, sondern Spalterinnen, die das eine Unrecht durch neuen Unfug austauschen wollen.
"Aber wenn Männer in diesem Buch zu einer gewalttätigen Pandemie werden, dann ist das ein Grund, dieses Buch nicht zu lesen." Nein, nicht alle Männer sind gewalttätig, und das hat auch niemals jemand behauptet. Es ist schade, dass Sie das Buch nicht lesen möchten und sich stattdessen in die Opferrolle flüchten. "Aufarbeitung von Ungerechtigkeiten ist immer gut, aber bei dieser Dame schlägt das Pendel wieder mal zu weit zur anderen Seite aus." Wirklich? Was haben Sie denn von Rebecca Solnit gelesen, dass Sie zu diesem Urteil gelangen? "Mir reichen auch schon die Guru-haften Selbsterfahrungs-Mantras, die da zitiert werden." Mehr haben Sie von der Frau nicht gelesen, habe ich Recht? "Gleichberechtigung brauchen wir, aber Feminismus keineswegs." Feminismus ist das Streben nach Gleichberechtigung der Geschlechter, auch wenn das Internet voll ist mit selbstmitleidigen Trollen, denen zufolge die feministische Weltverschwörung darauf aus ist, Männer (und natürlich vor allem weisse Männer) zu unterdrücken, zu kastrieren und auszurotten. Schenken Sie diesen Versagern keinen Glauben! "Solnit und Konsorten sind keine Rechlerinnen, sondern Spalterinnen, die das eine Unrecht durch neuen Unfug austauschen wollen." Und wieder stellt sich die Frage: Was haben Sie von Solnit gelesen, dass Sie zu dieser Einschätzung gelangen? (Nebenbei gefragt: Was um alles in der Welt ist eine 'Rechlerin'?)
Larnaveux 05.12.2017
5. Teil I
Fangen wir mit dem Einfachsten an. "Rechlerinnen" sind mir tatsächlich ebenso unbekannt wie Ihnen. Es fehlt ein kleines "t". Gemeint waren Rechtlerinnen, also Frauenrechtlerinnen. Des weiteren flüchte ich mich keineswegs in eine Opferrolle, sondern ich stelle immer wieder fest, dass Solnit sich ganz offenbar in eine flüchtet. Der böse böse Mann verhindert, dass Frau Solnit sich nicht enfalten kann. Nicht ich halte männliche Gewalt für pandemisch, wohl aber sie. Wenn man weiß, was eine Pandemie ist, dann halte ich die Einstellung von Solnit für hypochondrisch oder hysterisch. Um meine Einstellung klarzustellen: Ich leugne keineswegs männliche Gewalt, und ich finde gut, dass etwas dagegen getan wird. Ich halte es aber für vollkommen abwegig, aus der Summe der Gewalttaten (wohlgemerkt, mir ist klar, dass es keine verstreuten Einzelfälle sind) nun eine Pandemie zu konstruieren, die quasi das Frauentum geradezu existenzbedrohend befällt. Die Wortwahl Pandemie stammt von Solnit, und hier verhebt sie sich einfach im Größenverhältnis. Das meine ich mit dem zu weit ausschwingenden Pendel. Solnit benennt durchaus wichtige Punkte, zieht daraus aber vollkommen überzogene Schlussfolgerungen. Ein Beispiel ist ihre berühmte Kolumne "Men explain things to me", deren dort aufgezählten persönlichen Erlebnisse Solnits bestimmt so geschehen und unschön sind. Nur was folgt daraus? Dass Männer grundsätzlich Frauen kleinhalten, indem sie Frauen beispielsweise absprechen, bestimmte wichtige Dinge initiiert zu haben? Aha. Und nicht nur das: Sie endet mit "Most women fight wars on two fronts, one for whatever the putative topic is and one simply for the right to speak, to have ideas, to be acknowledged to be in possession of facts and truths, to have value, to be a human being. Things have certainly gotten better, but this war won't end in my lifetime. I'm still fighting it, for myself certainly, but also for all those younger women who have something to say, in the hope that they will get to say it." Laut Solnit ist das weibliche Leben ein Kampf gegen die Unterdrückung des bösen Mannes. Amen.
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