Salzburger Monumental-Spektakel Gladiatorenspiele mit Kriegerwitwen

Dem Regisseur und Drehbühnen-Ingenieur Ulrich Rasche gelingt mit "Die Perser" die lauteste, umstrittenste Inszenierung der diesjährigen Salzburger Festspiele.

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Männer schlagen einander tot, Frauen schlagen Alarm. Im Salzburger Landestheater erzählt der Regisseur Ulrich Rasche die Geschichte eines grausamen Weltkriegs streng nach Geschlechtern getrennt.

Auf einer riesigen Drehscheibe, die sich mal zur Seite und mal nach hinten oder nach vorn neigt, sieht man 17 Soldatenkerle marschieren, kurzbehoste Männer mit nackten Oberkörpern und nackten Beinen, allesamt an Seile gekettet wie Galeerensklaven. Sie schreien, jammern, japsen im Todeskampf. Auf einer kleineren Drehscheibe, die im Vordergrund im Zuschauerraum rotiert, sieht man drei Frauen in schwarzen Gewändern gemächlich vor sich hin schreiten. Sie verkünden, dass sie aus der Not Konsequenzen ziehen müssen. "Gründlich. Die Lage erfordert es."

Es weht Geschützrauch über die Bühne, ein paar Musiker lassen mal leise die Geige zirpen und mal bombastisch die Trommel donnern, manchmal lallt es hymnisch aus Sängerkehlen. Ulrich Rasche inszeniert "Die Perser" des Aischylos, das vor 2500 Jahren verfasste, älteste erhaltene Drama der Menschheit, als sei es eine große Opernschlacht.

Im Stück erzählt ein griechischer Autor aus Sicht der Perser, wie der Perserkönig Xerxes mit einer riesigen Übermacht gegen die Griechen loszog und katastrophal unterging. Auf der Salzburger Bühne sieht man das Höllenspektakel des allein von Männern mit Blut, Schweiß und Teerfarbe ausgefochtenen Kriegs - und vorn an der Rampe drei konzentriert die Postapokalypse beschreibende Frauen. Die Schauspielerinnen Valery Tscheplanowa und Katja Bürkle spielen den Chor der weisen Alten im Perserlager, die Schauspielerin Patrycia Ziolkowska tritt auf als gramvolle Königsmutter Atossa.

Unheimlich zerdehnte Sätze der Warnung

Vier Stunden lang sprechen die drei Starschauspielerinnen unheimlich zerdehnte Sätze der Warnung und der pathetischen Menschheits-Wachrüttelei, während die Männer ihre Mord- und Totschlagsaktionen beschreiben und als Hochleistungssport vorführen.

Das ist natürlich eine brutale Zumutung für das Salzburger Festspielpublikum, das traditionell eher auf die handfest-kompakte Unterhaltung des "Jedermann"-Spektakels erpicht ist als auf anstrengende Theaterkunst. Die "Perser"-Premiere am Samstagabend, die letzte der diesjährigen Saison, wird denn auch der fast schon erwartete Krawall-Streitfall. Dutzendweise fliehen die Theaterbesucher, obwohl ihnen vorab Ohrstöpsel gereicht wurden, vor und während der Pause aus der Vorstellung, beim Schlussapplaus ist der Saal nur noch zu zwei Dritteln voll. Kein einziges Buh ist zu hören; offensichtlich haben all jene, die das Theater des Regisseurs und Bühnenmaschinen-Konstrukteurs Rasche verabscheuen, lange vor dem Finale das Weite gesucht.

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Salzburger Festspiele: "Die Perser" in Bildern

Ulrich Rasche ist der Mann der Stunde und ein Spätstarter unter den derzeit wichtigen Theatermachern auf deutschsprachigen Bühnen. Er ist 49 Jahre alt und hat sich länger nicht besonders auffällig in der freien Szene und am Stuttgarter Staatstheater durchgeschlagen. Mit einem "Danton" in Frankfurt im Jahr 2015 und weiteren Arbeiten in München und Basel machte er dann Furore - auch dank seines Muts zur wilden Mensch-und-Maschinen-Choreographie und zum humorlosen Pathos.

Rasche inszeniert klassische Texte von Schiller und Büchner, Kleist und jetzt Aischylos als strenge Text-Feiern, in denen die Darsteller fast immer gruppenweise, zu zweit, zu dritt, zu acht auftreten. Er entwirft gewaltige Bühnen-Räderwerke aus Laufbändern oder Scheiben, in denen die Schauspieler marschieren und im Chor skandieren, als seien sie soldatisch getrimmt. Er selbst sagt über sein mal mit Minimal Music und mal mit Heavy Metal angereichertes Monumentaltheater, es sei entstanden "aus der Kritik an der Reduzierung der Freiheit durch die Ökonomisierung der Welt".

Krieg ist "das nackte Elend"

Die Salzburger "Perser" sind nun ein moralischer Exzess, fast eine Predigt. Die zart verzweifelnde Tscheplanowa, die höhnisch auftrumpfende Bürkle und die zornig einherstampfende Ziolkowska zerdehnen die Worte des Textes, als wollten sie der Welt die Botschaft des Stücks ein für allemal ins Gewissen hämmern. Aus den Kehlen der Männer wird mit Ach und Weh das Einmaleins der Todesarten und die Namensliste der ermordeten Heerführer geröhrt.

Manche der von Durs Grünbein ins Deutsche übersetzten griechischen Dichterworte klingen, als seien sie aus dem "Jedermann" geklaut. "Den Toten nützt ihr Reichtum nichts", beispielsweise. Die Musik von Ari Benjamin Meyers, die mitunter an den Donnerschwall des Philip-Glass-Klassiker "Koyaanisqatsi" erinnert, verstärkt noch das Litaneihafte des Lehrstücks, das hier gegeben wird.

Klar kann man die Trennung in eine Welt der Männer und Frauen, die Rasche sich für das - ursprünglich sowieso nur von Männern gespielte - Stück ausgedacht hatte, ein bisschen zu didaktisch finden. Klar wird es Zuschauerinnen und Zuschauer geben, denen die chorischen Gladiatorenspiele mit Kriegerwitwen, die hier zu bestaunen sind, nur als ein lärmender Überrumpelungsversuch erscheinen.

Und doch muss man schon sehr kaltherzig sein, wenn man sich von diesen Salzburger "Persern" und ihren drei großartigen Hauptakteurinnen im Zentrum nicht immer wieder ergreifen lässt. Weil sie auf hinreißende Weise lehren, was kurz vor Schluss der Heimkehrer Xerxes stellvertretend für alle kämpfenden Männer schreien darf: Krieg ist "das nackte Elend".

"Die Perser". Salzburger Landestheater, weitere Vorstellungen am 20., 21. sowie 23.-27.8.; www.salzburgerfestspiele.at. Ab 28.9. im Schauspielhaus Frankfurt/Main, www.schauspielfrankfurt.de

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diplpig 19.08.2018
1. Drehbühnen-Recycling
Die Drehbühne gab´s doch schon beim Woyzeck. Man könnte auch Rotkäppchen auf der Drehbüne inszenieren, wie sie ewig durch den Wald läuft, der Wolf hinterher ... natürlich alle nackt ... natürlich 5 Stunden lang. In geh´inzwischen lieber in Kleinkunstformate. Günstig, manchmal richtig gut und vor allem nicht so abgehoben.
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