Castorf-Premiere in Berlin: Chaos, ich brauch Chaos

Von Anke Dürr

Castorf-Premiere in Berlin: "Materialfelder aufeinandergehetzt" Fotos
Thomas Aurin

Er muss überlastet sein und verunsichert, erst dann ist Frank Castorf gut. Sagt er jedenfalls. Kann er haben: Vor der Premiere von Tschechows "Das Duell" ist dem Intendanten der Berliner Volksbühnen die Hauptdarstellerin ausgefallen. Nicht das erste Mal.

Würde der Regisseur Frank Castorf an einen Theatergott glauben, müsste er sich langsam fragen, was der wohl gegen ihn hat. Die Schreckensmeldung kam am Freitag: Jeannette Spassova hat sich verletzt. Zum dritten Mal fällt Castorf damit kurz vor der Premiere ein Hauptdarsteller aus. Vor etwas mehr als einem Jahr inszenierte Castorf, 61, der auch Intendant der Berliner Volksbühne ist, an seinem Haus "Die Marquise von O.". Kurz bevor die Inszenierung herauskommen sollte, erkrankte Sylvester Groth, der den Vater der Marquise spielte - Castorf war gezwungen, die Premiere um zwei Wochen zu verschieben. Noch dramatischer war es im Juni vergangenen Jahres: Da standen schon erwartungsfrohe Premierengäste im Foyer der Volksbühne, die Martin Wuttke als Molières "Geizigen" sehen wollten, als der Hauptdarsteller auf dem Weg zum Theater seinen Chef anrief und ihm sagte, er könne nicht spielen: "Erschöpfungszustand".

Und nun Jeanette Spassova. Sie verletzte sich am Freitag bei den Proben zu "Das Duell", inszeniert wieder von Castorf an der Berliner Volksbühne. Nicht dramatisch, aber doch so schwer, dass sie den Wissenschaftler von Koren, eine der beiden Hauptfiguren in Tschechows Erzählung, nicht spielen kann. Der Regisseur verschob diesmal nicht die Premiere, sondern besetzte die Rolle sechs Tage vorher um - von Koren wird nun gespielt von Silvia Rieger, die ursprünglich nur eine kleinere Rolle in der Inszenierung hatte und nun beide Rollen spielt.

Kann das gut gehen? Das Ensemble der Volksbühne scheint seine größte Kraft immer aus dem Geist des Chaos geschöpft zu haben. "Man muss sich selbst verunsichern. Notfalls mit Überlastung", hat Castorf mal gesagt. "Ich bin eigentlich nur dann gut, wenn ich Sachen objektiv nicht mehr schaffen kann." Der Mann ist also wieder in seinem Element. Denn eigentlich klang die Sache fast zu einfach: Nur rund 120 Seiten Text hat Tschechows "Duell", ein Bastard an der Grenze zwischen Erzählung und Roman. Das sollte für jemanden, der sich auch schon an Dostojewskis "Dämonen" oder "Schuld und Sühne" abgearbeitet hat, ein Klacks sein.

Duell mit erstaunlichen Folgen

Das "Duell" erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Männern, die sich in einer Kleinstadt im Kaukasus, am nordöstlichen Rand des Schwarzen Meeres, begegnen: Der schon erwähnte Zoologe von Koren ist ein arbeitsamer, streng vernunftgläubiger Wissenschaftler, der den Darwinismus auch auf die Menschheit anwendet und der Natur bei der "Vernichtung" der Schwachen notfalls auch nachhelfen will. Dagegen steht der Beamte Lajewski (gespielt von Sophie Rois), ein Hallodri, der wenig arbeitet, viel lamentiert, trinkt und Karten spielt - eine typische Tschechow-Figur - und mit einer verheirateten Frau zusammenlebt, derer er aber überdrüssig ist. Von Koron und Lajewski, - zwei Männer, zwei Ideologien - duellieren sich zunächst mit Worten, bevor es zum echten Duell kommt. Das überleben beide, und es hat erstaunliche Folgen: Lajewski ist geläutert und nähert sich wieder seiner Geliebten an.

"Vielleicht beschreibt Tschechow da eine Wahrheit oder zumindest eine Sehnsucht", sagt Sebastian Kaiser, 35, der Dramaturg der Produktion. Ob Castorfs sich tatsächlich an Tschechows Happy End hält, will Kaiser nicht verraten, nur: "Es kommt Großkalibriges zum Einsatz." Und damit meint er nicht die Besetzung, die allerdings wirklich großartig ist: Neben Sophie Rois, dem absoluten Star des Ensembles, und Silvia Rieger gehören dazu auch andere Volksbühnen-Größen wie Kathrin Angerer, Kathrin Wehlisch und Lilith Stangenberg. Einziger Mann auf der Bühne ist Hermann Beyer als gutmütiger Arzt Samoilenko.

Um zu erklären, warum Castorf fast ausschließlich Frauen besetzt hat, muss sein Dramaturg Kaiser "ein wenig ausholen": Wie häufig bei Castorf habe der Regisseur auch in dieser Inszenierung "Materialfelder aufeinandergehetzt". Die Gegend, in der Tschechow seine Erzählung angesiedelt hat, ist das heutige Abchasien, das völkerrechtlich zu Georgien gehört, dies aber nicht akzeptieren will. Deshalb ist das Land heute, zumindest für Menschen mit deutschem Pass, eine "gesperrte Zone". Das habe bei Castorf Assoziationen zu einem alten Film des tschechischen Regisseurs Jan Schmidt geweckt, "Late August at the Hotel Ozone" von 1967. Durch eine postapokalyptische Landschaft irrt darin eine Horde von Frauen, die noch nie in ihrem Leben einen Mann gesehen haben - bis sie auf den ehemaligen Direktor des Hotels Ozone treffen. "Von dieser Geschlechterkonstellation hat sich Frank Castorf inspirieren lassen."

Ob unter solchen Bedingungen bürgerliche Lebensformen eine Option sind, darf bezweifelt werden.


"Das Duell". Premiere am 27.3. in der Berliner Volksbühne. Auch am 30.3. sowie 5., 13., und 20.4., Tel. 030/24 06 57 77.

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