S.P.O.N. - Der Kritiker: Im Strudel des Strukturwandels

Eine Kolumne von Georg Diez

Die Woche der Pressekrise war auch eine Woche der Krise des politischen Journalismus: Medien rackern sich an einer Realität ab, die sie längst abgeschafft haben. Selten zeigte sich das so deutlich wie am Gehechel um eine mögliche schwarz-grüne Koalition.

Was ist Journalismus? Wenn man im Restaurant Borchardt sitzt? Wenn man in den Berliner Nebel schaut, wie er über der Axel-Springer-Straße wabert? Wenn man sich die Welt so klein redet, dass sie noch in jede Koalitionsoption passt?

Es war die Woche der Pressekrise, und es war die Woche, in der der Journalismus, jedenfalls der politische Journalismus, wie er in Berlin oft gepflegt wird, gezeigt hat, warum er eine Krise hat: Ein einziges Delirieren über die Frage, ob bald zwei Pfarrerstöchter aus Ostdeutschland die Republik regieren, wer wohl Finanzminister einer schwarz-grünen Regierung wird, ob das alles das Ende der CDU ist oder der Anfang einer konservativen Revolution.

Es war die Woche, in der der Journalismus an sich selbst scheiterte. "Wer zum Teufel sind Sie", fragte Arno Luik Katrin Göring-Eckardt, als sei es ihre Schuld, dass der "Stern"-Interviewer sie nicht versteht: nicht versteht, dass Glaube nicht an sich konservativ ist; nicht versteht, was es heißt, in der DDR mit einem Vater aufzuwachsen, der "Mein Kampf" las, eingewickelt in das "Neue Deutschland"; nicht versteht, dass Politiker manchmal, Überraschung, nicht so dumm sind, wie Journalisten sie gern machen - mit all diesen albernen, ewigen Diskussionen darüber, wer etwa 2013 mit wem.

Die Berliner Prominenz schweigt auffällig

Besonders lustig oder traurig, man kann das in diesen Zeiten nicht mehr recht sagen, war in diesem Zusammenhang "Die Welt" als Beispiel für die hyperventilierende Hauptstadtpresse: Da wurden auf dem Leitartikelplatz mal wieder fast ausschließlich Fragen beantwortet, die niemand gestellt hatte. An einem Tag war Schwarz-Grün eine "maßgeschneiderte Kooperation", am anderen Tag hieß es, die "Gesellschaftsvision der Grünen ist überholt", beide Texte vom gleichen Autor, aber Meinungen holt man sich ja aus dem Kleiderschrank.

Es ist auf die Dauer kein Spaß, dabei zuzusehen, wie sich Journalisten an einer Realität abrackern, die sie längst abgeschafft haben. Meine Kollegen Lobo und Münchau haben in dieser Woche gut und genau beschrieben, welche strukturellen Gründe es für die Pressekrise gibt - die Willkür, die Selbstbezogenheit, das Gehechel der Spekulationen über Schwarz-Grün sind ein Beispiel für die inhaltliche Krise eines Journalismus, der in Gefahr ist, sich in dieser Form überflüssig zu machen. Das hat schon Züge von Hospitalismus.

Da versichert man sich gegenseitig der Relevanz dessen, was man schreibt. Da ist es ein Zeichen für einen gesellschaftlichen Wandel, wenn Katrin Göring-Eckart ein Holzkreuz auf dem Schreibtisch stehen hat. Da ist die grüne Basis mal fortschrittlicher als die Parteispitze und mal ist die Basis das Problem für eine Partei, die sich noch weigert anzuerkennen, was sich Berliner Journalisten für sie ausgedacht haben.

Eine Krise der demokratischen Öffentlichkeit

Ist das schon Politik? Auffällig war in diesen Tagen ja auch das Schweigen der Berliner Prominenz zur Pressekrise: Das Problem der Journalisten, so scheint es, ist das Problem der Journalisten. Aber ist es so einfach? Warum interessieren sich erste und zweite Gewalt nicht dafür, was mit der vierten Gewalt geschieht? Weil sie zu sehr Teil eines gemeinsamen Systems von Bedeutung und Bedeutungen sind und Angst haben, sie könnten mit hineingezogen werden in den Strudel des postdemokratischen Strukturwandels, in dem sie längst stecken?

Viel wird in diesen Tagen darüber geredet, welche Konsequenzen das Internet für den Journalismus hat - und wenig wird geredet von Originalität, Klugheit, Individualismus, Leidenschaft, Mut. Dabei fehlt das doch, im Journalismus wie in der Politik. Dabei sind es doch die Inhalte, die der Leser sucht, online oder auf Papier - Analysen, die überraschen sollen, Haltungen, die verstören müssen, Geschichten aus einer Welt, die der Leser nicht kennt.

Was also ist eine Nachricht, was ist eine Neuigkeit? Der Philosoph Achille Mbembe, der in Südafrika lebt, hat gerade bei einem Vortrag in Berlin gesagt, dass Europa "zernagt ist von Narzissmus und verletzt durch den historischen Abstieg und sich nur noch um sich selbst dreht" - irgendwie ist das auch ein Bild für die Presse und für die Politik in diesem Land. Je mehr die Welt kracht, desto mehr wird über Schwarz-Grün diskutiert.

Aber Journalismus ist ja kein Selbstvergewisserungsgeschäft. Politik ist es auch nicht. Und die Krise der Zeitungen ist schon auch, so oder so, eine Krise der demokratischen Öffentlichkeit.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Schuld sind immer
OlMan 23.11.2012
Zitat von sysopDie Woche der Pressekrise war auch eine Woche der Krise des politischen Journalismus: Medien rackern sich an einer Realität ab, die sie längst abgeschafft haben. Selten zeigte sich das so deutlich wie am Gehechel um eine mögliche schwarz-grüne Koalition. Die Pressekrise ist eine Krise der demokratischen Öffentlichkeit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-pressekrise-ist-eine-krise-der-demokratischen-oeffentlichkeit-a-868935.html)
die anderen. Es gibt eine Internationale GfK-Studie zum Vertrauen der Bürger in 20 verschiedene Berufsgruppen und Organisationen. Da liegen die Journalisten in Deutschland auf dem 16. Platz, knapp vor den Marketing- und Werbefachleuten. Ich will nicht verhehlen, dass es noch einige Gründe mehr gibt, diese vereinigte Journaille wird sie schon deutlich aufzeigen. Ob das aber verloren gegangenes Vertrauen zurückbringt?
2.
roger13 23.11.2012
Bravo Herr Diez!Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Lieber über mögliche Bündnisse von Grün/Schwarz spekulieren,als sich der schnöden Europakriese widmen. Da ist viel Selbstbetrug im Spiel! Aber auch Ablenkungsmöglichkeiten! Viele mißtrauen dem geschriebenen oder gesprochenen Wort der Presse. Mein Nachbar zeichnet die Nachrichten im Fernsehen auf. Es geht ihm dabei nur um den Wetterbericht.der Rest wird im Vorlauf übersprungen.Nur wegen dem Wetterbericht will er sich die Nachrichten von ARD oder ZDF nicht antun. Ich kann das sehr gut verstehen.
3. Eine Krise der demokratischen Öffentlichkeit?
spon-facebook-10000051328 23.11.2012
"Einen guten Journalismus erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten." Dieser Satz stammt frei nach Hanns Joachim Friedrichs Politiker die nicht mehr in der Lage sind, sich verständlich mit der Öffentlichkeit auseinander zu setzen. Die immer stärkere Abgrenzung gegenüber kritischen Berichten. Die Politik versuchet die Arbeit der Medien durch gesetzliche Maßnahmen einzuengen, um sie so gefügiger zu machen. Beispiele: Redaktionsdurchsuchungen bei "Cicero", die Sicherung von Verbindungsdaten wie im Fall der "Dresdner Morgenpost", die Beschattung von Journalisten durch den Bundesnachrichtendienst. Über 150 derartige Fälle registrierte der Deutsche Journalistenverband alleine von 1997 bis ins Jahr 2000. Reaktionen waren auch die Nichtberücksichtigung kritischer Journalisten bei Kanzlerreisen und der stetige Vorwurf eines Kampagnenjournalismus, wenn über Entscheidungen der Bundesregierung oder Politiker kritisch berichtet wurde. Merkel und Schröder beherrschen das Spiel mit den Medien besser als Kohl in 16 Jahren. Jetzt,Jahre später, muss die Rolle der Medien in Deutschland neu dargestellt werden. Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert einen freien Journalismus. Unbestritten ist, dass die Presse einen wichtigen Stellenwert in unserer demokratischen Gesellschaft hat. Zu ihren Funktionen gehören neben der Beschaffung und Verbreitung von Nachrichten die gerade in einer Demokratie überlebenswichtige Kritik und Kontrolle sowie die Mitwirkung an der Meinungsbildung. Diese kritische Funktion ´´Mitwirkung an der Meinungsbildung´´ ist nicht ohne Grund als Aufgabe in den Landespressegesetzen eindeutig festgeschrieben. Skandale wie die Geschäfte mit PR-Beratern, Spendengeldaffäre, , die VW-Affäre, Wulff, Guttenberg und Doktorentitel, der leichtfertige Umgang mit Steuergeldern oder Bestechungen wären ohne Berichterstattung nie in die Öffentlichkeit gekommen. Ziel der Information ist es, Wissen für den demokratischen Meinungs- und Willensbildungsprozess zu vermitteln, auch und gerade in Wahlzeiten. Einseitigkeit der Berichterstattung und Parteinahme, der Journalist, der nicht mehr Politiker interviewt, sondern sich von anderen Journalisten interviewen lässt; der Presse-Karrierist, dem zu Kopf gestiegen ist, dass er schon in jungen Jahren eine Führungsposition erklommen hat missachtet jede publizistische Tätigkeit der Presse mit der Aufgabe, einen öffentlichen Meinungsmarkt herzustellen. "Soll der Bürger politische Entscheidungen treffen, muss er umfassend informiert sein, aber auch die Meinungen kennen und gegeneinander abwägen können, die andere sich gebildet haben." So urteilte das Bundesverfassungsgericht im August 1966 ("Spiegel"-Urteil). Natürlich ist es nicht der Onlineblogger oder die Onlinepresse alleine die dem gedruckten Papier zu Leibe rückt, aber es ist, (und das beweist der SPON eindrucksvoll immer wieder aufs neue wenn er Meinungen von Forenteilnehmern nicht veröffentlicht obwohl diese der Netiquette entsprechen) eine wachsende und freiere Alternative.
4. Was heißt es denn?
Bhur Yham 23.11.2012
...nicht versteht, was es heißt, in der DDR mit einem Vater aufzuwachsen, der "Mein Kampf" las, eingewickelt in das "Neue Deutschland." Verstehe ich auch nicht, was ist jetzt daran schlimm? "Mein Kampf" zu lesen oder daß dieses Buch im ND eingewickelt war (und nicht etwa in der BILD)? Oder daß sie in der DDR aufgewachsen ist? Alles höchst harmlos und auch ohne käuflichen Ratgeber aus der Frauenliteraturecke zu bewältigen.
5. Vierte Macht?
Elias 23.11.2012
Die Presse als die vierte Macht im Staat? Was früher als vorsichtiger Vergleich herangezogen wurde, steht heute schon als Tatsache fest. Der Unterschied ist, dass Legislative, Judikative und Exekutive unmittelbar an die Grundrechte und an Recht und Gesetz gebunden sind. Eine Einschränkung, die die Presse für sich nicht in diesem Maße erforderlich hält. Da kann behauptet werden was will, da werden willkürlich Menschen und Karrieren zerstört. Alles im Namen der Guten Sache, alles ohne wirksame Kontrolle. Oft mit Recht. Leider nicht immer. Dafür ohne Folgen. Die daraus erwachsende Arroganz der Journalisten, ihre unverblümte Machtausübung, entrückt in ihrer Folge die Gesellschaft stetig von aller Verbindlichkeit.
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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