"Die Selbstmord-Schwestern" in München Hoffnungslosigkeit von außen

Sofia Coppola nutzte den Stoff für ihren Debütfilm, Susanne Kennedy nun für sinn- und humorloses Mutantentheater: "Die Selbstmord-Schwestern" nach dem Roman von Jeffrey Eugenides in den Münchner Kammerspielen.

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Ein bisschen Oktoberfest ist jetzt schon in den Münchner Kammerspielen. Auf der Bühne steht eine Kulisse (erdacht von Lena Newton), die Glücksbude und Geisterbahn, Illusionstheater und Gruselkabinett gleichermaßen sein könnte.

Es blinkt und wummert, grell blenden die Farben, Stimmen wie aus der Blechkonserve (oder einem verbeulten PC?) vermischen sich zu einer Kakofonie der schrilleren Lautstärke. Maskenstarre Figuren in biederen Nachthemden, wohl direkt aus Phantasialand geflohen, bewegen sich gekünstelt und marionettenhaft, ihre kugelrunden Manga-Augen glotzen uns hilflos putzig an. Diese geschlechtslosen Wesen tragen Kunstblumenkränze, als kämen sie gerade aus Hawaii oder vom Kirchweihumzug und irgendwann werden sie sich drehen in Zeitlupenextase und eine wird kotzen, endlos - wie auf der Wiesn.

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"Die Selbstmord-Schwestern": Mach den Manga-Hampelmann

Dort hinten aber liegt als Abnormitäten-Sensation eine nackte Jungfrau im Glassarg als wär's Schneewittchen (oder der aufgebahrte Christus von Holbein?), deren Leib aufklappbar ist wie in der Anatomie. Und ein (oder eine?) Glatzkopf mit animiertem Mundwerk verspricht uns Heil und schöne Träume. Komm'se rein, komm'se ran! Wie auf dem Rummel eben. Nur gewinnen kann man hier nichts. Im Gegenteil.

Das Theater der Susanne Kennedy - denn solches findet statt in dem lichterbunten und videobespielten Gebilde - hat sich endgültig von der Realität verabschiedet und stellt sich als leeres Versprechen heraus, als Niete also. Das war zu erwarten, denn die Regisseurin ist von Beginn ihrer steilen Karriere an (zwei Einladungen hintereinander zum Theatertreffen) bemüht, die Seh- und Denkgewohnheiten ins Wanken zu bringen, die Reduktion von Sprache und Aktion auf die Spitze zu treiben, konnte nicht allein ihrem Stil treu bleiben - sie musste ihn ausreizen.

Das geht in ihrer neuen Arbeit "Die Selbstmord-Schwestern" jedoch voll auf die Kosten der Verständlichkeit, ja des Ertragbaren und überhaupt so weit, dass es nur mehr grotesk ist: Mutantentheater und Jahrmarktsfirlefanz, verquast und verschrullt, kitschig und bemerkenswert humorlos zelebriert. Ein Hochamt für den Tiefsinn, der sich freilich als flache Bedeutungshuberei schnell herausstellt.

Der Stoff, der diesem bei aller Extravaganz seltsam ereignisarmen und kalkulierten Psychotrip zugrunde liegt, wird bei dem ganzen Unternehmen nebensächlich. Den Titel hat Kennedy gerade noch von dem amerikanischen Schriftsteller Jeffrey Eugenides übernommen: Sein Roman "The Virgin Suicides", 1993 erschienen, erzählt in verstörend lakonischem Ton von fünf Schwestern, die sich innerhalb eines Jahres in einer sauber-bigotten amerikanischen Kleinstadt das Leben nehmen.

Soundtrack aus Geräuschen und Stöhnen

Eugenides klagt nicht an, nimmt nicht in Schutz: Aus dem Blickwinkel ein paar gleichaltriger Jungs registriert er nur machtlos das Ungeheure. "Letztlich überraschte sie nicht der Tod, sondern die Hartnäckigkeit des Lebens", heißt es da einmal, und in schuldige Starre verfallend erkennen die hinterbliebenen Zeugen der unglaublichen Taten, dass die Mädchen "zum Symbol" dessen wurden, "was im Land schief lag, und zum Symbol des Leids, das dadurch selbst den unschuldigsten Bürgern zugefügt wurde..."

Von diesem auch politischen Unterton des Romans der fatalen Hilflosigkeit, der die Gleichgültigkeit einer Gesellschaft seziert und bloß legt, will Susanne Kennedy aber nichts wissen. Das Buch und seine Aussage nimmt sie nicht einmal mehr als Folie, sie plündert es und jongliert mit den ihr zupass kommenden Fragmenten. Wörtliche Zitate, die sie als Fetzen in ihren Soundtrack aus Geräuschen und Stöhnen (bisweilen kommt keck ein Furz dazu) platziert, drehen sich allein um die etwas schwülen Begierden der männlichen Pubertierenden, die bei Eugenides nur versteckt als unbeholfene Peinlichkeiten zutiefst Verwirrter vorkommen. Wenn hier die "Hirne und Körperhöhlen der Mädchen" geöffnet werden, dann, um sich "das Geheimnis ihrer Hoffnungslosigkeit von innen anzusehen".

Kirsten Dunst (oben rechts) in "The Virgin Suicides" von Sofia Coppola
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Kirsten Dunst (oben rechts) in "The Virgin Suicides" von Sofia Coppola

In München wohnen wir stattdessen einer bedeutungsschwangeren sakralen Geisterstunde bei, in der ausgerechnet LSD-Guru Timothy Leary das weihevolle Wort führt. Ihn verkörpert dieses haarlose Wesen, das sich in Videosequenzen immer wieder auf die Wände der Calafati-Bude drängt, auf denen visuell auch sonst allerhand los ist. Während sich die "lebendigen" Figuren, die die Regisseurin als "Medien der Erinnerung" verstanden wissen will, bedächtig zu liturgischen Handlungen zusammenfinden und wohl auch dem Tibetanischen Totenbuch huldigen (aber wer von uns ist in dem schon sattelfest...!), der Jungfrau Maria auf den Leim gehen, pochend rote Herzen aus Schreinen holen oder auch mal eine Coca-Cola, flimmern Bilder der unzusammenhängenden Art über den poppig dekorierten Altar der verlorenen Unschuld.

Statt Ursachenforschung serviert Kennedy Klischees. Mädchen markieren, angeleitet von YouTube, mit ihren Schminkutensilien Große Dame, die "Ikone der Mädchenhaftigkeit" Kirsten Dunst (sie spielte in der Roman-Verfilmung von Sofia Coppola eines der Kinder) taucht immer wieder auf, es gibt Kamerafahrten in dunkle Schlunde und rasende Krankenwagen durch himmlische Landschaften - es gibt überall so viel, und man weiß doch nicht warum, wozu.

Theater als Seelen-Horror

Kennedy hat (anders als in "Fegefeuer in Ingolstadt" oder "Warum läuft Herr R. Amok") keine Geschichte mehr, die sie erzählen könnte oder wollte. Sie flüchtet sich in Illustrationen, täuscht Chronologie vor, gefällt sich im Rätselhaften und beschwört ein irgendwie ganzheitliches Erleben und Erschaudern herauf: Theater als Seelen-Horror mit garantiert unkontrollierten Nebenwirkungen. Doch auch als Gesamtkunstwerk mag einem diese Installation der Irritation nicht gefallen, weil sie mit ihrer verbrämten Religiosität, ihrer banal karikierten Prüderie und als lächerliches Leidensoratorium ganz einfach nervt.

Schauspieler spielen hier übrigens nur eine Nebenrolle. Was forsche Kritikerinnen schon lange bemängelten, dass angeblich an den Münchner Kammerspielen die Schauspielkunst ausstirbt, hier - aber eben jetzt erst! - trifft es zu: Tolle Künstler wie Hassan Akkouch, Walter Hess, Christian Löber, Damian Rebgetz und Ingmar Thilo (er zeigt als stummer Schmerzensmann als einziger sein Antlitz) werden, ihrer Stimmen und Sprache beraubt, hinter albernen Gesichtsmasken versteckt, und müssen den Hampel-Manga-Mann machen.

"Vergeudet eure Zeit nicht an das Leben," schreibt Eugenides einmal klug. Und an solch ein Theater, mochte man nach der Premiere anfügen...



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