"Privat"-Schau in Frankfurt: Der letzte Striptease

Von Karin Schulze

Ein benutzter Slip auf dem Bett, peinliche Handyfotos im Netz, 10.000 Pornos auf einmal: Die Ausstellung "Privat" in Frankfurt zeigt mit nackten Tatsachen, wie wir uns immer mehr entblößen. Doch irgendwann sind alle Hüllen gefallen. Und dann? Verlieren wir vielleicht die Lust daran.

Wenn Tracey Emins Bett aufgebaut wird, müssen alle Menschen den Raum verlassen, die ihr nicht vertraut sind. Dann zieht sie die Wäsche auf, schlüpft unter die Decke, versinkt in den Federn - und ein wenig auch in sich selbst. Und dann arrangiert sie auf dem Bett und dem blauen Teppichflecken davor die Accessoires ihrer Nächte: Strumpfhose, ausgetretene Puschen, getragene Slips, Schwangerschaftstest, Wodka, Kondome.

Die Zeremonie für "My Bed" soll signalisieren, dass die Arbeit noch immer ein quasi beseelter Abdruck ihrer Person ist. Obwohl das Werk der Saatchi Collection gehört und seine Bestandteile in einem Tiefkühlraum konserviert werden, wenn sie gerade nicht irgendwo auf der Welt zu sehen sind - so wie jetzt in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Dort ist Emins berühmte Schlafstatt ein Exponat von "Privat". Die Schau will aufdröseln, wie sich die zeitgenössische Kunst mit der Privatsphäre auseinandersetzt - und mit deren Auflösung.

1999 sorgte Emins Lotterlaken-Arbeit bei der Turner-Prize-Ausstellung übrigens noch für einen kleinen Skandal. Jetzt ist sie aber in einen Kontext eingebettet, in dem sie fast bieder wirkt. Denn Künstler haben sich schon sehr viel früher und sehr viel radikaler in ihr Privatleben blicken lassen. Schon 1959 schockierte der Experimentalfilmer Stan Brakhage mit blutigen Nahaufnahmen von der Geburt seiner Tochter. Marilyn Minters Fotos legten 1969 bloß, wie ihre suchtkranke Mutter ihr Leben im Bett zubrachte, aber weiterhin aufwendige Beauty-Rituale vollzog. Richard Billingham porträtierte um 1990 seine Familie: den alkoholkranken Vater und die füllige Mutter, der sich die Dinge nur noch beim Puzzlespiel zu fügen scheinen. Die Kontrolle über Leib und Leben hatte sie längst verloren.

Die Arbeiten leuchteten erstmals hinter die Fassaden, die gerade Familien mit Fotoalben oder Amateurfilmen oft mühsam errichten. Sie zeigten Leben voller Ekstasen und Abstürze, voller Cola und Kotze, Leben abseits der Norm. Und sie stellten Kunstproduktion nicht als genialisches Werkeln dar, sondern als Resultat psychischer, sozialer und politischer Realitäten. Anders gesagt: Plötzlich waren Künstler auch nur Menschen.

So hielt Mark Morrisroe sein exzentrisches Leben als schwuler Bohemien in geheimnisvollen Porträts fest. Und wenn Leigh Ledare die sexuellen Eskapaden seiner Mutter ablichtete, war zunächst unwichtig, ob er (und sie) sich dadurch als exhibitionistisch oder narzisstisch strukturiert outete(n) - erst einmal wurde einfach hingeschaut. Und wer die Bilder unbedingt verurteilen wollte, musste sich ja eh selbst voyeuristisch auf sie eingelassen haben.

Längst reagiert die Kunst aber auch auf die mediale Verwandlung dessen, was früher als privat galt: Fernsehen und Internet quellen über von intimen Bekenntnissen, Selbsterniedrigungen oder unfreiwilligen Enthüllungen. Dazu rücken uns Überwachungs- und Kartierungskameras und Ganzkörperscanner auf die Pelle. Letztlich ist Privatheit bereits eine Illusion, behaupten Soziologen - und sprechen von der Ära der "Post-Privacy".

Fotos vom Saufgelage auf Facebook? Harmlos!

Diesen Verlust der Privatheit empfinden viele Menschen als Bedrohung - ein Gefühl, das Michael Wolfs Aufnahmen transportieren. Er hat Bilder aus dem Netz abfotografiert, auf denen Ahnungslose in die Kamerasucher von Google Street View geraten sind, als sie gerade pinkelten oder turtelten. Plötzlich konnten ihnen Millionen von Menschen zuschauen - wenn auch in diesen Fällen nur theoretisch.

Mark Wallinger hat Bilder, die Handy-Fotografen von Schlafenden in öffentlichen Verkehrsmitteln gepostet haben, zu überlebensgroßen Porträts großgezogen. Der Ausstellungsraum mit den verrutschten Gesichtszügen, offenen Mündern und in den Nacken gesunkenen Köpfen ist besonders eindrucksvoll: Nackt und schutzlos wölben sich die Kehlen dem Betrachter entgegen, als erwarteten sie ein Fallbeil.

Fotos auf Facebook können Menschen bloßstellen, man weiß das. Aber inzwischen hinterlässt jeder Surfer elektronische Spuren, die ein authentischeres Porträt abgeben als jedes noch so peinliche Foto von einem Saufgelage. Christian Heller, Autor des Buches "Post-Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre", schreibt im Katalog zur Schau von einer "Verdatung des Selbst". Die im Netz kursierenden Datenmassen könnte man verstehen als "Vorstufe zum futuristischen Mind Upload: der Auslagerung des Selbst in entkörperlichte Software, des Fortlebens durch Verbreitung und Weiterentwicklung als postbiologische Daten-Matrix".

Vielleicht lässt ja genau dieser Gedanke Mike Bouchets Videoprojektion am Ende der Schau so unheimlich wirken: Er hat 10.000 Pornofilme aus dem Netz zu einem gigantischen Panorama der Lust verknüpft. Klar, da klingt Kritik an Kommerzialisierung, Verdinglichung und Virtualisierung von Sex an. Aber auch die Ahnung, dass unsere Körper irgendwann ganz aus dem Spiel sein könnten - und wir Ekstase nur noch virtuell erleben.

Dann hätten all die Menschen, deren Leiber in der "Privat"-Schau im Schlaf, im Drogenrausch oder beim Sex zu sehen sind, eine Art letzten großen Auftritt - bevor sie sich körperlos verewigen als Datensatz.


"Privat", vom 1. November 2012 bis zum 3. Februar 2013, Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Künstlerischer Aspekt?
dlmb 02.11.2012
Bilder von Schlafenden, Erbsen mit Katzen - ich frage mich, worin genau der künstlerlische Aspekt liegen soll. Für mich sind das nichts weiter als banale Schnappschüsse, wie sie zu Millionen jeden Tag mit dem Handy überall auf der Welt gemacht werden
2.
Atheist_Crusader 02.11.2012
Zitat von dlmbBilder von Schlafenden, Erbsen mit Katzen - ich frage mich, worin genau der künstlerlische Aspekt liegen soll.
Das ist das Schöne an Kunst - absolut alles kann Kunst sein, sobald man jemdem einreden kann, dass er es bewundern sollte. Und wenn das mal nicht klappt, muss man halt die allmächtigen Argumente "Gesellschaftskritik", "Zeitgeist" oder "Ironie" bemühen.
3.
carlo02 02.11.2012
Kunst kommt von Können. Ich mag die Bilder in der Gemäldegalerie in Dresden. Das is hohe Kunst. Diese abstrakte Kunst, klecksern und irgendwas fotografieren is doch leicht. Kann jeder. Ich verstehe die neue Kunst nicht. Warum malt niemand wieder Gemälde wie früher und zeigt damit seine Klasse.
4.
glen13 02.11.2012
Zitat von sysopEin benutzter Slip auf dem Bett, peinliche Handyfotos im Netz, 10.000 Pornos auf einmal: Die Ausstellung "Privat" in Frankfurt zeigt mit nackten Tatsachen, wie wir uns immer mehr enblößen. Doch irgendwann sind alle Hüllen gefallen. Und dann? Verlieren wir vielleicht die Lust daran. Die starke Ausstellung "Privat" in der Schirn Kunsthalle Frankfurt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/die-starke-ausstellung-privat-in-der-schirn-kunsthalle-frankfurt-a-864708.html)
Sehr intensive Bilder, es gibt viel zu entdecken. Die Ausstellung werde ich besuchen. Die Spon Überschrift mit den "pornos", war aber wieder mal für den A.....
5.
psychologiestudent 02.11.2012
Zitat von carlo02Kunst kommt von Können. Ich mag die Bilder in der Gemäldegalerie in Dresden. Das is hohe Kunst. Diese abstrakte Kunst, klecksern und irgendwas fotografieren is doch leicht. Kann jeder. Ich verstehe die neue Kunst nicht. Warum malt niemand wieder Gemälde wie früher und zeigt damit seine Klasse.
weil wir heute keine "realistische" hohe Kunst mehr brauchen. Dafür haben wir Kameras. An bloßer Abbildung ist alles schon gemacht worden. Wenn Kunst heute irgendeinen Sinn hat, dann private oder allgemeine Stimmungen, Meinungen und Situationen damit auszudrücken. Ein gutes abstraktes Bild kann NICHT jeder malen, es geht dabei um das Verhältnis der Farben und Formen zueinander und darum, Gefühle und Stimmungen gut abzubilden. Was glauben Sie was es an Kunsthochschule für einen Anschiss gibt, wenn da sich einer hinstellt und einfach wild kleckst ohne Sinn. Bei Fotos geht es darum, Situationen aufzufangen und auch wieder Farbe, Licht und Form gut zu verwenden. Bei den Impressionisten haben auch alle gemeckert (keine Formen, seltsame Farben etc.) und heute hängen sie in allen Galerien. Man muss sich halt erstmal länger damit beschäftigen. Wenn man meint das ist nicht das richtige für einen selbst, kann man sich ja was anderes anschauen und dann ist das ja auch eine legitime Auffassung. Aber vom einmal draufschauen versteht man eben nix davon.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Zeitgenössische Kunst
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 24 Kommentare
  • Zur Startseite