"Die Sturmflut" Wasser marsch für die Quote

Es hätte ein packendes Zeitgeschichtsdrama werden können, aber RTL musste seine Riesenproduktion über die Hamburger Flutkatastrophe unbedingt mit Liebeskitsch verwässern. Auch wenn hier jede Menge Stars auftauchen: Historische Fakten gehen ebenso unter wie Spannung und Stringenz.

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Acht Millionen Euro soll der Film gekostet haben, damit ist "Die Sturmflut" die bislang teuerste Produktion eines deutschen Privatsenders. Es wurden riesige Bassins mit Millionen Litern von Wasser gefüllt, Studioräume bis an die Decke geflutet, Modellhäuschen ertränkt. Das optimale Spielfeld also, um den Helden all jene sportliche Betätigungen abzuverlangen, die das Action-Kino fürs feuchte Element bereithält. Männer müssen auf Motorrädern zeitlupenhaft heranrollenden Monsterwellen davonknattern, angehende Liebespaare sind gezwungen 50-Meter-Strecken tauchend zurückzulegen, Menschen rufen einander warme Schwüre im eiskalten Nass zu.



Nichts gegen einen ordentlichen Katastrophenschocker, aber was haben all diese Action-Movie-Standards mit der Hamburger Sturmflut von 1962 zu tun, die man mit dem RTL-Zweiteiler nachzuzeichnen vorgibt? Natürlich hält man sich hier weitgehend an die historischen Daten der Flutkatastrophe, die 315 Menschenleben forderte. Vor allem geht es den Verantwortlichen aber offensichtlich darum, die überschwemmte Hafenstadt von damals als abenteuerlichen Aqua-Themenpark zu rekonstruieren.

Drei Menschen waten, paddeln und kraulen durch die pittoresk bewässerten Althamburg-Attrappen: Da ist eine Krankenschwester (Nadja Uhl), die kurz vor der Heirat mit einem ehrenwerten Arzt (Jan Josef Liefers) steht, dann aber ihrem ehemaligen Freund (Benno Fürmann) wieder begegnet, der als Matrose jahrelang zur See gefahren ist.

Kein Wässerchen trüben

Das Trio wird emotional ordentlich durchgespült; kompliziert wird die Situation noch dadurch, dass die drei aus unterschiedlichen Schichten stammen: Die Krankenschwester hat ihre Wurzeln in der Unterschicht, der Arzt gehört zur schicken Hamburger Society. Die Eltern der Brautleute haben deshalb Probleme mit einander. Doch die Sturmflut hilft bei der gesellschaftlichen Aussöhnung.

Das alte Arbeiterviertel Wilhelmsburg und die reiche Elbchaussee - die Wassermassen drücken sie bei RTL solidarisch aneinander. Das ist im Film ja auch ganz schön so, doch leider hat die echte Sturmflut durchaus einen Unterschied zwischen Arm und Reich gemacht: Wilhelmsburg soff nach dem Deichbruch in der Nacht zum 17. Februar 1962 ab, die höher gelegene Elbchaussee blieb trocken.

Warum erzählt man im Action-Melodram nicht mehr von den Menschen aus jenen niederen Elbregionen - von den Dockarbeitern etwa, die ihre Nachtschichten bei Blohm + Voss abrissen, während die Wassermassen Heim und Herd fortspülten? Oder von den noch nicht so recht in der Bundesrepublik angekommenen Vertriebenen, die hier in Behelfsheimen lebten und im Garten Kartoffeln pflanzten?

Das Wilhelmsburger Soziotop von ehedem hält durchaus melodramatisches Potenzial bereit, "Die Sturmflut" hätte ein erhellender und zugleich mitreißender Film über das Hamburg des Jahres 1962 werden können. Warum rekonstruiert man ein zeitgeschichtliches Szenario, wenn einem die Zeit und die gesellschaftlichen Hintergründe schnuppe sind? Dann sollen man bei RTL doch lieber gleich einen komplett realitätsbefreiten Irrsinn drehen, wie das ProSieben unlängst mit seinem fröhlichen Sylt-Schocker "Tsunami" getan hat.

Abtauchen im Kitsch

Aber die Macher von "Die Sturmflut" (Regie: Jorgo Papavassiliou, Buch: Holger Karsten Schmidt) interessieren sich nicht nur nicht für historische Hintergründe, auch die Figuren sind ihnen egal. Weil man offensichtlich der Strahlkraft der Helden misstraut, wird andauernd zu einem Subplot auf eine Bohrinsel in der Nordsee geschaltet, auf der eine Meteorologin (Natalia Wörner) und ein Ingenieur (Heiner Lauterbach) sich bei der Rettung der im Sturmtief lüstern wankende Ölförderanlage nass machen und ganz nahe kommen. Auch hier gilt: Wasser Marsch für die Liebe!

All dieser Flachsinn berührt noch unangenehmer, wenn man zum Vergleich das NDR/Arte-Dokudrama "Die Nacht der großen Flut" heranzieht, das unlängst in der ARD lief. In packenden Spielszenen wurde da der Deichbruch im Elbland nachgestellt, ohne die schweren seelischen Verwüstungen und gesellschaftlichen Erosionen zu ignorieren. Nun werden viele behaupten, hoch budgetierte Eventmovies hätten für so eine Art von Feinfühligkeit und Komplexität keinen Platz. Die Fernsehblockbuster, wie sie die Firma TeamWorx senderübergreifend mit Produktionen a la "Der Tunnel" oder "Die Luftbrücke" für Deutschland kultiviert hat, seien eben einfach kein Bildungsfernsehen.

Dem muss widersprochen werden - mit Verweis ausgerechnet auf eine kommende TeamWorx-Produktion: Der Zweiteiler "Dresden", für sagenhafte 10 Millionen Euro fürs ZDF produziert, zeigt im März, dass man sogar schwierige historische Ereignisse wie die Bombardierung der sächsischen Metropole als Melodram erzählen kann, ohne den Stoff auf Schmonzettenformat zu drücken.

Spülend Quote machen

Aber nun muss der Zuschauer erstmal durch die Untiefen der RTL-"Sturmflut" waten, wo man fehlende zeitgeschichtliche Akkuratesse durch ein Übermaß an plastischer Nachbildung zu kompensieren versucht hat. Was dem einen Schauspieler an Maske fehlt, bekommt der andere gleich doppelt: So soll ausgerechnet der Teeniepopper Gil Ofarim mit schulterlanger Föhnwelle einen Musiker mit Star-Club-Ambitionen mimen. Einmal darf Ofarim sogar ein Lied darbieten - eine klebrige Grunge-Ballade, die nicht im Entferntesten an den Hamburger Beat von 1962 erinnert.

Dafür wurde dem eigentlich hervorragenden Schauspieler Christian Berkel, der den damaligen Hamburger Innensenator Helmut Schmidt gibt, derart viel Kunststoff ins Gesicht gepackt, dass er so lebendig agieren kann wie eine Wachsfigur im Panoptikum von St. Pauli.

Das sind kleine, unfreiwillig komische Gimmicks - die allerdings nicht über die Erkenntnis hinwegtäuschen, die sich durch die vermutlich im Hinblick auf die Werbepausen konzipierte Rein-in-die-Fluten-raus-aus-den-Fluten-Dramaturgie ergibt: Drei Stunden können eine Ewigkeit sein, da plätschert viel Wasser die Elbe entlang.


"Die Sturmflut". Sonntag, Montag, RTL, jeweils 20.15 Uhr

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